Das Portrait. Die Stimmung und den Geist eines Moments einfangen, das ist meistens eines der Ziele in der Fotografie. Eine Stimmung kreieren, um Gefühle zu transportieren. Ein Gesicht betrachten : Strukturen, Ausdruck, Vorstellungen des Betrachters animieren. Stimmungen und Erwartungen werden durch Mikromimiken unter der Haut übertragen. Aber wie sieht es eigentlich mit dem Licht aus ?

Ein Glanz, ein Funkeln – ein Licht in den Augen erweckt es zum Leben. Wir Menschen kommunizieren zu einem ganz erheblichen Teil über die Augen, neben der Körpersprache als solcher eines unserer wichtigsten « Instrumente », den Gegenüber wahrzunehmen. Über die Augen wird ebenfalls gesteuert, wo wir hinschauen oder hinschauen sollen. Unverblümt geradeaus, zur Seite, nach oben, nach unten … Dieses gilt verstärkt für Bilder von Menschen. Portraits.Vor allem, wenn es etwas näher ist.

 

Der Reflex als solcher

Das catchlight gibt die Richtung vor. Ein Portrait, close-up, ohne Licht in den Augen wirkt abwesend, leer, ohne Kommunikation.

 

Damit ein Portrait « ansprechend » wird, sollte sich in beiden Augen ein Reflex befinden. Nicht umsonst ist dieses Vorhaben auch die am häufigsten gebräuchliche Form bei dem, was uns so Tag für Tag an Konterfeis über der Weg läuft.

 

  • Lichtreflex auf 2 Uhr, also von der Kamera aus gesehen rechts oben – die am hâufigsten anzutreffende Art. Rembrandtlicht wäre ein Beispiel dafür. Sieht immer gut aus, weil es sich in den meisten Fällen um einen recht grossen Fleck aus einer grossen Lichtquelle handelt.
    Licht klassisch von ca 45° oben rechts. Funktioniert immer.
  • Wie eben, aber mit Punktlicht. In der Wirkung bereits etwas « aggressiver ». Passt überwiegend bei Jungs und Männern. Coolness. Kann überheblich, ist häufig « überlegen », « abgebrüht », « mit allen Wassern gewaschen ». James Bond lässt grüssen.
    Zwar nicht ganz punktförmig, aber ich glaube man sieht, worauf es raussoll …

    Vergiss das alles, wenn da jemand erkennbar stumpf frontal mit einem Aufsteckblitz reingehalten hat und nicht anerkannter Künstler ist. Zieh nun nicht Jürgen TELLER oder Terry RICHARDSON als Argument ran, bei denen geht das um etwas ganz anderes.
  • Im Zentrum, um die Pupille. Das berüchtigte Ringlicht. Agressiv. Angsteinflössend. Ungewöhnlich. Unangenehm. Unfreundlich. Alien.
    mit dem fiesen Ringlicht sieht selbst der zahmste Hund aus wie ein Monster
  • Auch ins Zentrum, aber riesengross und mit weichem Verlauf : Wieso muss ich gerade an einen Blinden denken ?
  • Grosser Reflex auf sieben Uhr von Kamera aus. Freundlich, verletzlich, nachdenklich, melancholisch, mit einem Hauch von Traurigkeit, als wenn an einen lieben, weit entfernten Menschen gedacht wird. Die Portugiesen haben dafür den sehr hübschen Ausdruck « saudade »
  • Wie eben und gross und mit verlaufenden Grenzen : liebreizend, weiblich, verletzlich, weich, sanft. Das « Kuhauge der Hera ». Lach nicht. Kühe haben mit die sanftesten Augen, die der Planet derzeit zu bieten hat. Lass es auf einen Versuch ankommen und besuche eine Weide :wink:
  • Augen mit dunkler Pupille – punktförmiges Licht macht wieder den James Bond. Und auch sonst kommt da nahezu alles, was die Iris nicht richtig hell macht in die Richtung unnnahbar, vielleicht unheimlich, geheimnisumwittert rein.
    da schwingt was mit, was düster, aber gleichzeitig geheimnisvoll und ein klein bisschen verletzlich zu sein scheint.
  • Helle Iris – frei ist der Bursch. Lass funkeln. Es kann nur noch freundlicher werden, als es ohnehin schon rüberkommt :wink:

 

Blickrichtung

Ebenfalls kann die Richtung, wie wir von einem Bild angeguckt werden oder auch nicht dazu genutzt werden, den Betrachter zu « steuern ».

 

  • straight, direkt und unverblümt in die Kamera : der Betrachter wird ohne Umschweife und direkt angesprochen. Der komplette Rest der vorhandenen oder auch nicht vorhandenen Mimik spielt auch mit, um Emotionen zu wecken und im weitesten Sinne eine Beziehung herzustellen.
    sie kommuniziert mit dem direkten Blick, ihm ist es egal
  • Der Blick geht seitlich an der Kameraoptik vorbei : klassisch ist hier die Einflugschneise für eine Interview-, eine Dialogsituation. Oder es soll etwas ganz anderes im Bild erblickt werden. Ob die Richtung dabei nach rechts oder links geht spielt keine Rolle.
  • Über die Kamera hinweg : zusammen mit einem grossen, weichen, rahmenlosen Reflex wird das zu einem Blick in die Zukunft. War mir auch lange Zeit nicht direkt bewusst, aber da ist was dran.
  • Wie eben, aber die Augen gucken quasi unter die Kamera : Wenn das oben der Kuhzunft zugewandt ist, dann geht das jetzt zurück in die Vergangenheit. Gedankenverloren in Erinnerungen
    keine Ahnung, wo ich da mit meinen Gedanken gewesen bin …
  • keine Reflexe heisst : kommunikationslos, leblos, finster, fies, verheimlichend.
  • wie eben und dazu noch dunkle Augenhöhlen ? Das Bild von Marlon BRANDO als « The Godfather » kennst Du ? Hey … unterbreite ihm ein Angebot, welches er nicht ablehnen kann:wink:

Das soll es auch schon gewesen sein. Mit ein wenig Phantasie fallen Dir bestimmt noch ein paar Punkte ein, die im wahrsten Sinne des Wortes « in die Augen gelegt » werden können. Auch wenn « das Tor zur Seele » ein abgedroschener Spruch ist – wir können damit spielen und unterbewusst beim Betrachter Emotionen hervorrufen, ihn in eine gewisse Richtung lenken, um ihm unsere Absicht « hinter dem Bild » näherzubringen. Oft genug ganz ohne, dass die das mitbekommen. Nicht also unbedingt das Tor zur Seele des Abgebildeten, aber das Tor in unsere eigenen Abgründe :shock: Stell Dir mal vor, da wird noch partiell Farbe mit auf die Augen geworfen … versuch mal giftgrün … ui ui ui ui … :mrgreen:

Spiel mit verschiedenen Lichtquellen, keine Angst. Leuchtbändern, Lichtschlangen, einfach allem, was Dir in die Finger kommt.

Auch draussen lassen sich Dinge finden, die Reflexe zaubern. Hier ein Funkeln und Glitzern vom Cafétischchen und diversen Gläsern.