« Das ist das Beste, was der zustandebringt ? », « Was für ein durchschnittliches Bild ! », « Das bekomme ich mit dem Telefon besser hin ! », « Selbst meine kleine Nichte könnte so ein Bild machen », « Wenn MIR dieses Budget und so ein Team zur Verfügung stünde, dann könnte ich das besser ! », « Mit nur einem Licht ? Die hätten mal MICH anheuern sollen für den Job ! », « Sobald die einen Namen zu haben meinen, meinen sie, mit mittelmässigem Kram durchzukommen und bezeichnen sich als Meister » und noch ein paar andere Blüten mehr.

 

Aus Gründen. Es ist nichts Falsches daran, seiner Meinung freien Lauf zu lassen, wenn du echte Argumente zur Hand hast. Es ist völlig normal, andere Vorstellungen zu haben, wenn das Thema auf Fotografie im weitesten Sinne kommt. Stil, postprocessing, Ausrüstung, Models. Wie auch immer – ich gehe beim verfassen auch dieses Beitrages davon aus, dass sich die Mehrzahl der Leser nicht meine Schuhe anzieht und daher eher nicht mitbekommt, wo ich mir die Zehen anschlage.

 
 
Viele Kamerabesitzer glauben, Berufsfotografen leben in einer perfekten Welt, in der es spielend einfach ist, grossartige Bilder zu produzieren. Es ist komplett falsch wird in feuchten Träumen angenommen, dass in einer solchen Traumwelt der echten bezahlten Fotografie :  
  • Zugang zu interessanten Motiven und Orten kein Thema ist. Wir können hin, wo immer wir auch wollen und wie lange wir wollen. Vor dem Studio oder was wir als « Studio » bezeichnen, ist die Schlange an Berühmtheiten und der « von dem muss ich mich einfach knipsen lassen Wollenden » länger, als die vor dem Apple Flagshipstore vor der Auslieferung einer neuen Generation von Geräten.

  • Logistik niemals Kopfschmerzen bereitet. Das Geraffel und Gepäck sind eh kein Thema. Alle kommen zudem freudig tanzend rechtzeitig zum shoot und können es kaum erwarten, für den Meister einfach ALLES zu geben. Selbst im tiefsten Off an den entferntesten Orten ist es ein Klacks, Ersatzquipment geliefert zu bekommen. Selbstredend gibt es überall Drehstrom. Und Orte, an denen sich die Mädels je nach Wetter entweder erfrischen oder ganz simpel wieder aufwärmen können. Müssen.

  • Schwieriges Arbeiten mit models gibt es in unserer Welt und in meiner schon gar nicht. Die sind alle so heiss, da zu posieren, dass sie schon allein aus diesem Grund nicht bei acht unterschiedlichen Motiven immer die gleiche, leere, grenzdebile Schnute ziehen. 10 Stunden am Tag turnen sind ein Klacks, ein reshoot absolut kein Thema. Überglücklich mit Glitzerstern verbreiten sie über alle hinlänglich verdächtigen Mitteilungskanäle, wie wir virtuos mit allen Knöpfen der Kamera hantieren und immer und immer wieder freudestrahlend das Display und die Kamera kontrollieren, auf der Suche nach dem « geschichtsträchtiges Cover »-Modus.

  • Das Budget ist grundsätzlich ausserhalb jeglicher Diskussion. Hey ! Wir sind die Meister. Wir können ALLES verlangen, weil wir unseren Ruf haben. Und den Namen. Das allmorgendliche Prozedere sieht so aus : Kopf unter die Decke, die Hand rausgeschoben und auf der Tastatur des alufarbenen Rechners eine Taste gerückt. Irgendeine. Anfangsbuchstabe einer Riesenagentur oder eines geilen Ladens oder eines noch geileren models und der Tag läuft. Bei aus Versehen auf « esc » gepatscht gehts in die Ferien. Bei « / » drehe ich mich nochmal um.

  • Zeitbegrenzungen sind undenkbar. Oh, der Vorsitzende hat in zwei Minuten ein Interview ? Verschieben. Die Fernsehfritzen können warten.

  • Raumbegrenzungen gibt es auch nicht. Zimmer sind alle gross genug. Hey ! Die lange Tüte zeichnet den Vollprofi aus. 200-500mm Querformat im Badezimmer, nur so gehts. Warum die fette Zoomtüte ? Festbrenner sind viel zu klein und sehen billig aus. Voll was für Luschen.

  • Das Wetter spielt immer mit. Im. Mer. Sonst wird verschoben. Die Sonne wartet ebenfalls, bis ich mein Meisterstück meisterlich mit dem Meisterkasten gemeistert hab. Ist der Meister nicht ganz so fit, geht sie erst um 14h morgens auf. Der Wind hört gleichfalls sofort auf zu wehen, wenn draussen aufgebaut wird. Ich schlepp die Windmaschine doch nicht umsonst da hin. Pardonnez-moi – einer der Trupptenteile da, die umsonst hier malochen und strahlen, der schleppt die ja.

  • Die Ausrüstung versagt nie. Batterien sind immer und alle volle Kanne geladen. Überall. Plötzliches Sterben gibt es nicht, damit das klar ist. Das gilt auch für Kameras, hochempfindliche, mit Klimperkram vollgestopfte Optiken, Rechner, Laufwerke, die Typen, die da umsonst malochen und strahlen.

  • Die postproduction ist unser eigentliches, geheimes und rabiat verleugnetes Steckenpferd. Wir verraten euch nur nie den Namen dieser saucoolen Photoshop-action, die den Hammer-Cover-Look macht, selbst bei kompositorisch oder sonst vergeigten Bildern. Auch nicht den Typen von eben.

  • Die Ausrüstung ! Nur die macht die magischen Dinge. Aber nur und ausschliesslich, wenn sie gross, schwarz, goldberingt und teuer ist. Meinetwegen auch schwarz, weisse Tonne und rotberingt. Keinesfalls blauer Kringel, das geht nicht. Mit den Zahlen drauf zu wenig bokkkähh. Mähhh. Die anderen Unterschiede merkst ohnehin nicht. Never ever Hosentaschennipse. Nie. 
    Hey ! Du knipst doch grad mein und das Portfolio der Leibovitz nach ? Mit Deinem Telefon ?

  • Ein einziges Licht zu benutzen, das ist übrigens für Amateure. Unter neun keylights brauchst gar nicht erst auspacken. Und nie vergessen : « M » eister-Modus einkurbeln.

  • ArtBuyers, ArtDirectors und CreativeDirectors fallen vor uns auf die Knie. Die sind überglücklich, wenn in anderthalb Jahren noch ein Termin frei ist. Oder des Morgens ihr erster Buchstabe des zweiten Nachnames auf dem Bildschirm des alufarbenen Rechners aufblinkt. Die lassen uns deshalb einfach machen. Denn WIR – und NUR WIR MEISTER – wissen, was der Kunde eigentlich zu wollen hat.

 
 

Es ist soo einfach. Eine Schande, dass wir nicht sofort alle Meisterstücke zeigen, weil die Verträge regelmässig völlig unglaubliche Passi beinhalten und Du manchmal einfach hinnehmen solltest, was wir schreiben, anstatt es überheblich allwissend ins Lächerliche zu ziehen. Denn eine Sache ist sicher – der Weg ins Paradies, der ist mit ganz schnöder, harter, kontinuierlicher Arbeit und damit auch mit Erfahrung gepflastert. Nicht nur positiver. Keine Abkürzung. Die teilen wir gerne, wenn Du was wissen willst.
 Ach ja, wie sieht der Kunde in dieser traumhaften Welt aus ?
 
Der passt hoffentlich darauf auf, dass der Champagner fein kühl ist.
 Prost. Das beste Werkzeug des Fotografen sitzt immer noch zwischen den Ohren. Die Realität ist toll. Meistens aber nicht rosarot. Und bau Dein Licht für die Schatten.