Stevie. Amsterdam 2015.

Aus Gründen. Books vulgo portfolios durchgucken macht nicht nur Laune und die vergangenen Tage waren launelose. Junge Junge, was da derzeit an Grundlagenwissen flöten geht, das ist erschreckend. Und ihr wollt für solche Machwerke Geld nehmen ? Das grenzt an Beschiss. Merke : Ich bekomme mein Geld nicht dafür, dass ich unfallfrei die Kamera bedienen kann – das schafft heutzutage jeder, der zumindest ab und zu auch mal einen Blick in die Bedienungsanleitung wirft. Ich bekomme die Mücken vor allem dafür, als ich den Rest kenne und verstehe, das im Bild umzusetzen.

Klar geworden ? Hör mir auf mit « ich mach das nur zum Spass » – es ist für den Betrachter kein Spass, wenn er sich auf dem Bild wiedererkennt und blöd aussieht. Gut, viele wissen nicht mehr, was « gut aussehen » mal bedeutet hat … egal, die lesen hier auch fleissig mit. Du bist einfach weiter vorne, wenn neben der anscheinend unvermeidbaren Offenblendarie zumindest die Geschichten mit dem Erdenkind da vor der Linse stimmig sind. (und in puncto Ofenrohrvermeidung : gib Dir Mühe :wink: )

Aus der Serie « Zu Hause bei den Schmidts – Oder so ähnlich ». 2016.

Schnelldurchlauf, zwei Handvoll Punkte, bestimmt habe ich noch was vergessen. Es handelt sich um Sachen, die mir am häufigsten negativ aufgefallen sind. Ich hab auch mal angefangen und weil das doof ist, wenn man keine Ahnung hat, diese flotte Liste. Voilà.

Posing-Checkliste : Die Kleinigkeiten


  • Rücken gerade. Wie Oma schon immer gepredigt hat « Bauch rein, Brust raus ». Haltung annehmen lassen. Es sieht einfach besser aus, als dieses lümmelhafte Rumhängen, wie ein Sack Mehl. Baggypants. Willst du jemanden kleiner erscheinen lassen, versteck ihn bei Gruppenbildern hintern den anderen – « die Kleinen nach vorne ». Einzelperson ? Trenn die Beine, kipp den Kopf. Aber lass den Rücke gerade, wenn es angebracht ist.
  • Reduzier 90°-Winkel. An allen Stellen, bei denen Gelenke mit im Spiel sind. Arme, Handgelenke, Beine … Vermeide rechte Winkel, wenn es nicht angebracht ist. Akzeptabel ist es, wenn die Person da vorne sich irgendwo aufstützt / auflehnt. Auf oder an einem Geländer. Schulter. Stuhllehne. Dann kann auch ein rechter Winkel dabeisein. Oder bei den Kunstbildern im Stile der 1960s. Bei « normalen » Portraits (insbesondere Hochzeitsbildern) sieht das schnell einfach nur verboten aus.

  • Positionier den Kopf mit einem Kippen. Nicht einfach ein Hängenlassen. Hab die Kinnlinie im Auge. « Stirn zu mir, Kinn – und nur das Kinn bitte – leicht nach oben schieben » erinnerst Dich ? Bei Gruppen lass sie sich die Köppe zustammenstecken. Sieht in aller Regel lockerer aus, als alles in gleichem Abstand zueinander.

  • Finger locker. Nimm die Finger etwas auseinander. Achte drauf, dass eine Hand nicht zur Kralle wird. Lass die Handkante sichtbar, dazu ein bisschen Handrücken, aber nicht zu sehr (das Ding ist mit einem Male eine riesige, helle Fläche, welche den Blick des Betrachters so an sich zieht … gilt übrigens auch für die Unterseite). Es gibt da einen kleinen Trick : Lass eine Faust ballen. Dann die Finger wieder ausstrecken. Schwupps kleben die nicht mehr aneinander. Dann das Handgelenk drehen lassen und fertig ist eine « natürliche » Haltung. Sieht unendlich gut aus, wenn er seine Hand auf ihrem Rücken und so … :wink: Ja, auch das model / die models – da ist Mitarbeit gefordert.

  • Gib den Händen etwas zu tun. Selbstläufer für das Erreichen einer halbwegs entspannten Haltung.
  • Der Ursprung der Hand ist sichtbar. Immer. Gerade bei Umarmungen tauchen sehr gerne Geistergrapscher auf. Geht gar nicht. Also mach die « Bewegung » sichtbar. Lass den Betrachter erkennen, wo die Finger herkommen. Bei allem anderen bewirbst Dich bei den Photoshop-Desasters.

  • Körpermassen halten sich die Waage. Gilt bei Pärchenshoots und Gruppen. Positionier die nach Möglichkeit so, dass sie sich ein klein wenig überdecken, aber nicht vollständig. Gibt ein ausbalanciertes Gesamtbild. Wenn er hinter ihr komplett verschwindet, ist das merkwürdig und hat was von « ich versteck mich, ich hab eh nichts zu melden ». Weisst, worauf ich hinauswill ? Gut.

  • Schulterlinien bilden Winkel zueinander. Ebenfalls bei Paaren und noch mehr bei Gruppen im Hinterkopf zu behalten. Die Klassiker für Winkel, vor allem bei Gruppen : V W M

  • Sinnzusammenhang bei Paaren und Gruppen. Da, wo die sind und was die machen, das sollte einen Sinn haben. Ist eigentlich klar, oder ? Denk im Eifer des Gefechts dran :wink: Wenn sie räumlich voneinander entfernt sind, verkuppel sie mit einer Emotion. Blickkontakt, ausgestreckte Hand, irgendwas. Es sei denn, sie sollen sich hassen.

  • Verlager das Körpergewicht.Standbein, Spielbein … bemüh die Suchmaschine Deiner Wahl, was sich dahinter so alles verbergen kann.

  • Bau Lücken. Vor allem, wenn sich Dein model irgendwo anlehnt. Bau Lücken im unteren Bereich des Rückens. Schaff diese kleine, aber wirkungsvolle Lücke zwischen Rücken und Wand. Oder dem Partner. Ellenbogen weg vom Körper. Locker die Körpermasse auf.

  • Positionier die Hände in unterschiedlichen Höhen. Selbstläufer, um Spannung im Bild zu erzeugen. Vor allem bei Paaren und Umarmungen. Vermeide eine « Spiegelung » der Hände.


  • Die Augen, Leute. Die Augen

    Positioniert die Augen ordentlich ; da wird soooo viel Schindluder getrieben. In welche Richtung weist die Pupille ? Wo ist die Iris ? Die sollten in einer vernünftigen Richtung mit der Nase stehen, damit das nicht seltsam aussieht, hinterher. Wieviel Augenweiss ist in Relation zur Iris zu sehen ? Verschwindet die Pupille in einer Ecke ? Werden unnötige Kanus unter der Pupille gebastelt und ich bekomm Geisteraugen geliefert ? Ist die Schädellinie hinter dem – meistens kameraentfernteren – Auge noch erkennbar ? Oder habe ich da schon ein Loch in der Linie und sollte ein kleines – und meistens wirklich nur ein kleines ! – Stückchen zurückdirigieren oder gleich ganz ins Profil gehen ? Und wieder und wieder die Keule bei der Nachbearbeitung : Kein Mensch hat reinweisse Augäpfel ohne Adern. Keiner. Mach Deine models nicht zu Zombies. Oder hau gleich weisse Effektlinsen rein. À propos Kontaktlinsen : achte drauf, dass die keinen allzu sichtbaren Rand um die Pupille haben. Viele Grössen gehen über die Pupille raus, hab das im Hinterkopf. Das sieht man hinterher, gerade bei headshots.

  • Gemütlich bei den Schmidts. 2016.
  • Denk an Deinen Blick- und Bildwinkel. Portraits. Augen. Magie. Wo auch immer Deine Linse an der Kamera hinzielt, der erste Treffer sollte auf den Augen sitzen. Hast einen angewinkelten Arm Richtung Kamera, wirst ein Bild eines Ellenbogenknochens machen. Winkel den Arm nach unten und es wird wieder ein Portrait. Behalt die blöde Blendenöffnung im Hinterkopf. Dass das kameranahe Auge in der Schärfe liegt, ist selbstverständlich. Und das hintere bitte noch ausreichend erkennbar. Zermatscht, das hat das model nicht verdient. Wiederhole ich gebetsmühlenartig. Mach es und meine Anerkennung ist Dir sicher. Oder kotz.

  • Das Gesicht ist der hellste Punkt im Bild. Aus der Psychokiste : Das menschliche Hirn sucht sich in Bildern zuerst die hellen Ecken und dann sofort was menschliches. Nutz das aus. Bei « normalen » Portraits. Bei Mode in Reinkultur ist das was anderes.

  • X-Factor Nase. Vor allem bei Paarbildern und da bei den beliebten Knutschereien. Ich weiss, das fühlt sich irre an und wir alle mögen es. Leider ist es fürs Foto aber rasant schnell Knitternase an Faltenmund. Lass da ein Lücke zischen und spiel mit den aufgebauten Emotionen. Ist wirkungsvoller und sieht auch einfach besser aus. Denk kurz drüber nach. Die haben alle Zeit der Welt, sich in die Gesichter zu beissen. Da spielt die 1/125 Sekunde nicht wirklich mit Leben und Tod :wink: – das Bild mit der Sabberschnut hängt aber die kommenden zehn Jahre auf dem Klo.

  • Bring das model in den Fokus. Mit der gesamten Dir zur Verfügung stehenden Klaviatur. Licht. Grössenverhältnisse. Linien. Kontraste. Ofenrohr nur, wenn Du noch 95 atü auf dem Kessel hast und halbblind und zerstört irgendwas halbwegs brauchbares hinbiegen musst.

  • Sag Posen ordentlich an. Bei vielen Bildern sieht das echt pervers gestellt aus, ohne Emotion. Du siehst das Fragezeichen förmlich im Ausdruck, dass da mit irgendeiner Anweisung nichts angefangen werden konnte. Adjektive. Spiel mit denen, weck Vorstellungen / Gefühle / sonstwas beim Model. Mach die Sachen vor, die Du haben möchtest. Frag nach Fixpunkten an Dir / der Kamera / hinter über unter neben Dir, wo der Blick angeheftet werden kann. Die gucken sonst alle starr in die Linse. Highend fashion ist was anderes, such gar nicht erst nach Gegenargumenten.

  • Ausdruck. Gefühle. Handlung. Mit der Kamera. Also dem späteren Betrachter des Machwerks. Bezieh den mit ein. Das macht die Portraitfotografie so spannend.


  • Spitzensaum. 2016

    Wie geschrieben, da fehlen bestimmt ein paar Sachen, aber das ist das, was mir als häufigste Stolperfallen im wahrsten Sinne des Wortes ins Auge gestochen ist. Kannst jetzt maulen, dass Regeln dazu da sind bla bla bla … Vergiss es. Zwischen « Wissen, was ich da gerade mache » und diesem blöden Regelbrechenweilsiedazudasind-Gelaber liegen Welten. Klar, ich spiel auch damit rum. Ich kann aber hinterher begründen, warum im Bild was so und nicht anders ist. Und zieh mir nicht einfach nur die Schultern nach oben und stier auf meine Fingernägel :wink: Ganz nebenbei hinterlässt bei Deinen Menschlein da vor der schwarzen Kiste einen unheimlich professionellen Eindruck, wenn Du sie sachte dirigierst und ruhig auch erzählst, warum wieso weshalb. Ahnung. Plan von der Sache. Vertrauen. Die Bilder werden besser aussehen.Und da bist doch eigentlich scharf drauf, oder etwa nicht ? Dank u wel ! Das Üben nicht vergessen. Alles. Nicht sofort alles gleichzeitig, aber so peu à peu alles. Wieder und wieder und wieder und wieder. Sonst gerät das in Vergessenheit. Mit Übung bohrt sich das ins Unterbewusstsein und irgendwann denkst einfach nicht mehr drüber nach, sondern machst ganz selbstverständlich Sachen, von denen die da vorne nicht einmal geahnt haben, dass Du sowas weisst :wink:




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