la matinée.
Amsterdam, 2015.

« Bild nichts geworden ? Machs monochrom :D » – dieser Satz neulich hat mich zusammenzucken und innehalten lassen. In der Tat : Die Bilderflut unserer Tage lässt allzuoft den Eindruck entstehen, der Urheber eines Bildes hat sein Werk nur aus dem Grunde der Aufmerksamkeitserregung in Grautöne umgewandelt. Vor allem der Bereich der sogenannten « street »-Bilder unterstreicht allzu gewaltig diese Entwicklung. Monochrom scheint klamm und heimlich zu einem zu einem gimmick zu verkommen, einem weiteren Griff in die Trickkiste. Unbedarft und « unüberlegt ». Dabei ist schwarzweiss deutlich mehr. Ein Denkanstoss.

 

Ganz kurzer geschichtlicher Abriss

Zu Beginn der Fotografie gab es nur schwarzweiss. Das änderte sich in den 1930er Jahren, als Kodak mit dem ersten « massentauglichen » Farbfilm auf den Plan trat. Dennoch blieben monochrome Bilder noch eine Weile das Bildmedium überhaupt, weil schlicht die Druckverfahren für den Farbdruck immens kostenspielig waren. In der Hochzeit / Blütezeit / Höhepunkt (hay-days) von Nachrichtenmagazinen, allen voran LIFE und Time , bestimmten also sw-Fotos unseren Alltag. Daran hat auch die Verbreitung des Fernsehens bis in die 1970er Jahre nichts geändert. Erst ab da gab es einen Wandel, einen ganz grossen in den 80ern des vergangenen Jahrhunderts ; die Kameras wurden kleiner und automatisierter und billiger, die Herstellung von Farbfilmen wurde günstiger, die Verbreitung nahm zu.
« Richtige » Fotografen jener Generationen haben sich vorher noch überlegt, welches Medium und welche Filme sie zu welchem Zweck verwenden wollten. Bestimmt auch ein Teil der Freizeitbildermacher.
Alles anders wurde, als die Digitalfotografie in den Wohnzimmern ankam. Fortan wird fröhlich geknipst, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, wie das Endprodukt denn nun aussehen soll ; man hat schliesslich auf jeden Fall die Farbversion zur Verfügung. Und schwupps drehen sich auch die überwiegende Anzahl der « Diskussionen » nicht mehr um die grundsätzliche Frage « sw oder color », sondern darum, wie das Material digital am schlauesten umgewandelt werden kann. Das « warum » und « weshalb » gerät in Vergessenheit, obgleich es völlig voneinander unterschiedliche Arten der Abbildung, des Sehens sind.

Die Elemente einer Fotografie

Eine Fotografie besteht im Groben aus zwei grossen Blöcken : Inhalt und Form.
Inhalt : der Inhalt, die Bedeutung, die der Fotograf seinem Bild zumisst. Das Konzept dahinter, die Absicht, seine Beweggründe.
Form : dieses sind die (rein) visuellen Dinge, wie Blende, Verschlusszeit, Brennweite, Perspektive, Komposition. Da ist sie wieder, die olle Bildgestaltung ;)
So richtig formale Elemente sind nur vier : Umrisse (shapes), Linien, Textur und … Farbe.
Wichtigstes Hilfsmittel ? Nee, nicht Kamera und Optik. « Malen mit Licht ». Das Licht ist das, womit es möglich wird. Licht definiert Umrisse, definiert Linien, erschafft Strukturen und Texturen, Licht sorgt dafür, wie wir Farbe sehen (wir erinnern uns : Qualität, Richtung und Quantität Licht ; Reflexionsvermögen von Farbe, Sättigung von Farbe nach Tageszeit und Art der Lichtquelle und die Herausforderung der wie auch immer gearteten « korrekten » Ermittlung einer Belichtungszeit vermittels Licht- und / oder Objektmessung).

Wird dem Licht schon häufig genug zu wenig Beachtung geschenkt (ein paar Stichworte für die Suchmaschine : Frontales Licht, Gegenlicht, weiches Licht, hartes Licht, Streiflicht, Kunstlicht, Tageslicht, Farbtemperatur, Kelvinskala), so wird eine Auseinandersetzung mit Farbe häufig geradezu sträflich vernachlässigt.

HUE, Sättigung, Luminanz

HUE, das ist der « Name » einer Farbe auf dem Farbkreis, die Farbe in ihren « Reinzustand ». (Es gibt da noch ein paar andere Ansichten, aber aus rein photographischer Sicht soll das so erst einmal genügen ;) )
Sättigung : beschreibt die Intensität einer Farbe. Nach dem Grad der Sättigung entfaltet eine Farbe ihre « Sprache », bittet sie um Aufmerksamkeit. Hier spielt mit rein, dass wärmere (Kelvinskala) Farben sich in den Vordergrund drängen, als kühlere. Die Spielwiese der Farbpsychologie. Und « ungesättigt » sind sie alle grau. Alle.
Luminanz : Helligkeit. Hier spielt die Musik für schwarzweiss. Die Helligkeit entscheidet über hell oder dunkel, die Tonalität, den Tonwertreichtum. Oder dessen Fehlen.

n° 1 : Standard-Farbkreis, es ist klar zu erkennen, dass blau und orange Komplementärfarben sind (sie befinden sich auf gegenüberliegenden Seiten des Farbkreises)
n° 2 : der gleiche Farbkreis, entsättigt (ohne Filter). Blau und orange / rot haben ungefähr eine identische Tonalität (sehr dicht beieinanderliegende Grautöne)
n° 3 : wie eben, aber mit einem Rotfilter entsättigt. Blau und rot / orange haben voneinander deutlich unterscheidbare Grauwerte.
Bei näherer Betrachtung von n°2 und n°3 steigt man auch relativ schnell dahinter, dass die reine « monochrom » oder « Entsättigen »-Funktion der Kamera und / oder der Nachbearbeitungsprogramme eine eher schlechte Wahl ist, etwas in schwarzweiss zu zeigen.

 

« Too many snapshots » – kompositorische Elemente

Bei sw wird auf die « Farbe » verzichtet. Ist es für ein « gutes » Bild schon nicht ganz ohne, darauf zu achten, das Farbe, Formen, Linien und Texturen bildgewichtige Elemente sein sollten, so wird es im monochromen Bereich etwas anspruchsvoller. Es bleiben « nur » Formen, Linien, Texturen, um den « Inhalt » zu präsentieren. (Okay, vielleicht ist es auch anspruchsvoller, wenn Farbe als zusätzliches Element dazukommt. Ansichtssache ;) Meine Meinung ist ja, dass Farbe oft genug ablenkt.)

« It’s not the technology that makes a great picture, it’s the content. I think we’re missing something. It’s sad. I miss content. I think we need more content. Technique and content are not the same thing. Everyone’s entitled to take pictures. But it’s not easy to take a great picture. Too many snapshots. » – Mary Ellen MARK

Warum schwarzweiss ? Und wie ?

« We have all fallen in love with the beauty and power of black and white photography where everything is stripped down to the core; light, textures, contrast, tonality, mood and raw emotion. » – Deanne FITZMAURICE

brume matinale. Durgerdam, 2015.

Warum schwarzweiss ? Gute Frage. Ein Grund heutzutage ist sicherlich, dass Farbe schnell vom Wesentlichen abzulenken vermag. Farbe lenkt ab von Texturen, Tonwerten, Umrissen, Formen und Licht. Ein weiterer Grund ist, dass Farbbilder heute so allgegenwärtig sind, dass schwarzweiss als eine « erfrischende » Alternative angesehen wird. Bilder darstellt, bei denen man in der Masse an Farben hängenbleibt.

Und : Schwarzweiss ist per se eine Interpretation, gaukelt nicht einmal vor, die Realität abbilden zu wollen. Es kommt eine « zeitlose » Komponente mit in das Spiel.
Ich möchte oft gar nicht, dass mein Bild sofort einer bestimmten Zeit, einer Epoche zugeordnet werden kann. Es erhöht die Spannung, die Lust, auf Entdeckungsreise zu gehen. SW geht auf das Gefühl, die Emotion. Deutlich einfacher, als Farbe das kann.

« Crudely put, it began as necessity, then became accepted as normal, and now, with the full choice of color (and any kind of color) coupled with the infinite processing possibilities of digital images, it is a creative choice.» – Michael FREEMAN

Ganz nebenbei wird Deine Art des Sehens von Licht trainiert. Wenn Du nicht (nur) auf die Farbtemperatur achtest (Goldene Stunde, Blaue Stunde), sondern auch die Lichtbasics (Quantität, Qualität, Richtung) im Hinterkopf hast.

Ein paar Anregungen, Emotionen ins Bild zu bekommen (und nicht nur bei schwarzweiss)

Negative space. Freiraum. Einsamkeit, z.B.…
Wo plazierst Du Dein Hauptsubjekt im Bild ?
Grössenverhältnisse
Wetterbedinungen (Regen ist toll. Nach dem Regen auch. Dunst und Nebel sowieso. Strahlende Mittagssonne – herrliche Kontraste)
Kontrast zwischen hellen und dunklen Anteilen (Chiaroscuro ist der maestro)
Assoziationen / Symbole
Wiederholungen / Muster / Symmetrien
Belichtungszeit
LICHT (Hollywood-Style, Film-Noir – intensiver Einsatz von Licht, um Gefühle, Ansichten, Hintergründiges der gezeigten Person zu zeigen … gerade beim Film gern genommen, um Dinge ausserhalb des gesprochenen Wortes darzustellen. Aus cineastischen « Vorlagen » lassen sich ein Haufen Inspirationen rausholen)

Das soll es erst einmal wieder gewesen sein. Ich wünsch Euch viel Spass. ;)

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