Ein weiteres Puzzleteil aus dem grossen Reich der Erkenntnis, warum manche Bilder gefallen, andere wiederum einfach nicht so. Ganz schnell vorweg : Es ist die Menge / der Anteil / der Gebrauch von « negative space ».

negative Space

Negative was ? Space – Raum. Es handelt sich um den leeren oder auch offenen Raum um das Hauptobjekt Deines Bildes. Es ist dieser « atmende » Raum, der dafür sorgt, ob es gefällt oder nicht. Ruhepole, kein Gewusel, keine Enge, einfach Platz zum Luftholen.

des fruits

Es lässt sofort Rückschlüsse auf Deine Art zu arbeiten zu. Weniger ist mehr. Eine « einfache » Komposition, aufgeräumt und klar. Eines der beliebtesten « Rezepte », nach denen das Gesamtbild boum ! macht. Im Designbereich ist das nicht anders. Such Dir die Beispiele mal in den Zeitschriften oder in den Weiten des Netzes. Am besten ganz gezielt nach den Dingern, die Dir ohnehin gefallen. Und dann frag Dich, warum Dir das gefällt – geh auf die Suche, fummel den Inhalt auseinander. Klare, einfache Kante, das macht immer boum. Diese Simplizität macht es Auge und Hirn leichter, etwas (auch inhaltlich) zu erfassen und sich im Anschluss daran ganz einfach die Zeit zu nehmen, auf Wanderschaft zu gehen, auf Entdeckungsreise.


 
November Rain

Klar, wenn es Deinem Plan und Ziel entspricht, den Betrachter zu verwirren, zu fordern, dann arbeite mit dem Gewusel, dem Chaos, dem Suchbild. Das kann ebenfalls funktionieren, keine Frage. Vergiss dabei allerdings nicht, wie die Aufmerksamkeitsspanne der Betrachter in den letzten Jahren gesunken ist ; arbeite zum Beispiel mit Kontrasten. Helligkeiten, Farben, die das Auge anziehen, Linien, geometrischen Formen und Zusammensetzungen.

 
chasser les oiseaux

Wie jetzt ?

Negative Space ist eines dieser Gestaltungselemente, welches subtil im Unterbewusstsein arbeitet, abseits – weit abseits – der berüchtigten Drittel und des gedankenlosen Missbrauchs der Offenblende als « Gestaltungsmittel ». Es hat unter anderem seine Basis in den Prinzipien von « Gestalt », figure-to-ground.

 
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Der Betrachter – sofern er auch nur ein klein wenig bewandert ist – beurteilt ein Bild mitnichten an Deiner irren Ausrüstung oder ob Du stundenlang im Regen gestanden hast, um das Foto zu bekommen. Dem ist auch völlig egal, wie lange Du in der post am Rechner gesessen hast oder ob die Schärfe von einer Ecke bis in die andere geht. Bokeh ist dem ebenso gleichgültig wie die Art des Papiers, auf dem Du das Ding vielleicht ausbelichtet hast. Der « wissende » Betrachter guckt darauf, wie die Komposition ist, deine Gestaltung, deine Anordnungen im Geviert.

Für den ist die Geschichte stimmig, wenn es in « Normalansicht » funktioniert. Und das auch noch tut, wenn es auf den Kopf gedreht wird. Probier es einmal aus.







 
Lady in Red

Wenn Du Bilder danach beurteilst, ob die Schärfe von links nach rechts der Hammer ist und Dir einer abgeht, wenn unter der Machwerk die berüchtigten Daten von Kamera und ART stehen – Du hast einen langen Weg vor Dir.

 

Der Blick wird angezogen von Deinem Hauptobjekt. Es kann ungestört seine Wirkung entfalten. Komposition, Inhalt und möglicherweise Stil – das sind die Dinge, die eine Fotografie charakterisieren. Die schwarze Kiste ist Werkzeug. Mehr nicht. Wie ein Kugelschreiber und das Blatt Papier noch keinen Hemingway machen. Lass ihn zu, den Zauber. Du wirst überrascht sein.


Rahmen, positive space, negative space

Diese drei Elemente gehen Hand in Hand. Der Rahmen ist klar ? Es handelt sich schlicht um das Geviert, in dem Du Dein Bild anordnest. Die « Schwierigkeit » besteht für viele ganz einfach darin, dieses zu akzeptieren ; sie meinen, darüber hinaus « sehen » zu müssen. Das ist ein Fehler, soweit es Bilder betrifft. Der Rahmen des Bildes, die Ecken des Suchers, sie bilden die « Enden » des Fotos. Werde Dir dessen bewusst. Es gibt nicht umsonst diesen Spruch « Behalte im Auge, was in den Ecken passiert ». Der Rahmen gibt Deiner Komposition Definition.


Positive space, das ist der Raum, der innerhalb des Rahmens von Deinem Hauptobjekt eingenommen wird, negative space entsprechend der Raum drumherum, ebenfalls innerhalb des Rahmens. Negative space ist ergo begrenzt – durch die Grenzen des Rahmen und die Grenzen / Umrisse des Hauptobjektes. Wenn diese Dinge in einer Balance zueinander stehen, ergibt sich fast zwangsläufig eine ausgewogene Komposition, ein gefälliges Bild. Völlig gleichgültig ist hierbei die « Schärfe ».

out of the dark
Yes, well, it’s a matter of being able to translate three dimensions into two dimensions, which means making a pattern, how you arrange it. It’s also a question of looking at the edges … The edges counted particularly for Cartier-Bresson because he deliberately didn’t crop anything. He made sure that the photograph worked as he took it. – David HOCKNEY über Henri CARTIER-BRESSON

Hausaufgaben

Wie oben bereits angemerkt, die Aufteilung ist es, die eine Aufnahme « geil », « gut », « geht so » oder « eigentlich Tonne » werden lässt. 
Versuch mal, ein Bild ganz einfach nach seinen Elementen auseinanderzuplücken. Tip : es geht deutlich leichter, wenn Du damit keine besonderen e i g e n e n Erlebnisse verbindest. Nimm was von « Fremden ». (Das ist auch der Grund dafür, dass so fürchterlich viele angepisst sind, wenn an ihren Knipsereien kritische Äusserungen geübt werden – es fehlt die Fähigkeit der emotionalen Lösung.)
Greif Dir ein x-beliebiges Bild und ein Blatt Butterbrotpapier und einen Stift. Leg das Blatt auf das Bild und paus die Konturen nach, die Du durchschimmern siehst. Wenn das Ding untendrunter « gut » ist im Sinne von Gestaltung, dann sollten die Umrisse des Kerninhaltes auftauchen – das ist « positive space », der Rest drumrum « negative space » – das muss nicht immer nur leerer Raum sein in der Fotografie :wink: . Oder mach Dir den Spass und such nach den sog. Vexierbildern. Da geht die Post ab und es schärft die Sinne. Versprochen.

Kiel Fjord en toute sérénité

Das « Gefühl aus dem Bauch heraus » ist eine tolle Sache. Die wird noch schicker, wenn ich weiss, wie der tickt :wink: Stell ihn immer wieder in Frage. Das hält das visuelle Hirn auf Trab. Die Meister machen nicht nur deshalb so geile Fotos, weil sie « Glück » oder « das Auge » haben, sondern weil sie jahrelang hart an diese Fähigkeiten gearbeitet haben und wissen, wie sie eingesetzt werden.

 
le viaduc du Pt Bir-Hakeim sous la pluie
Und jetzt genug der Theorie. Raus mit Dir, mach nicht nur Deine Fotos, finde sie. Viel Vergnügen :wink: