19 Februar 2024

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Ich hab ein neues Wort gefunden : « Genussfotografie ». Das klingt nach warmem croissant au beurre und macarons, p’tit noir in der Tasse und Sonne im Gesicht. Im Hintergrund etwas Gemurmel und das Rascheln einer Zeitung. « Genussfotografie ». Nur die feinen Sachen, die für die beste aller Launen.

Allein – das Wort kennt kein Wörterbuch. Selbst Tante Guhgl schliesst sich dem an und spuckt nur einen Buchtitel aus (spar dir die Suche, ist eine bunt bebilderte Bedienungsanleitung zu einem Gerät, erschienen Anfang 2015. Also vollkommen überholt, selbst für der Gerät, da gab das nämlich noch firmware mit schnieken Neuerungen. Ausserdem war da dieses Wort schon ein paar Tage in der Welt. Vereinzelt zwar, aber es spukte da rum). Was steckt nun dahinter, irgendwie müssen sie ja darauf gekommen sein, es muss einen ‘Ursprung’ geben, einen Grund. Gucken wir mal näher ran.

Zitate – ich hab einfach mal schnell gesammelt (und alle schriftlichen Unfälle belassen) :

  • Ich persönlich finde eine X-E1 + 18-55er mindestens so interessant wie eine X100V. Es ist für meine eigene Genussfotografie gedacht.
  • Ich habe hier, zum “Genussfotografieren” eine D3
  • Die Leicas werden von den meisten Benutzern eher für gepflegte Genussfotografie ausgeführt als für Reportagen an den sozialen Brennpunkten verwendet. 
  • Bei Genussfotografie nutze ich gerne Festbrennweiten, für mich hat sich dabei allerdings herausgestellt, dass ein Objektiwechsel da sehr störend ist, ausserdem stelle ich meinen Blick wenn es um die Motive geht auf die verwendete Brennweite ein. 
  • Bezüglich E1 und AF, da muss man einfach wissen was man fotografiert. Genussfotografie bei Landschaft und anderen quasi statischen Bildinhalten geht schon. Aber keine Hektik und tobende Kinder. Zumindest mach es da kein Spaß. 
  • Was sind Eure Lieblingsfestbrennweitenkombis für das ruhige Genussfotografieren?
  • Als “Hobbyfotograf” pendel ich zwischen Genussfotografie mit manuellen Linsen
  • Fuji-X: Wenn ich Genussfotografie machen möchte und der Weg das Ziel ist. Der Umgang mit deren liebevoll gestalteten Komponenten macht viel Freude. 
  • (Olympus Pen-F) Mit dieser schönen Kamera bin ich wieder im Bereich der “Genussfotografie” angekommen – es macht soviel Freude. 
  • Eine andere Kamera für AF-Zwecke hat sogar meine “Liebe” ( :rolleyes: ) zu der A7ii und dem System auf gewisse Weise neu entfacht, da ich Arbeitstier und Genussfotografie jetzt meist trenne.
  • Für Genussfotografie finde ich das Fuji-X System sehr schön. 
  • Wenn es um reine “Genussfotografie” geht würde ich meine Leica M6 + 28/2.8 + TriX mitnehmen. 
  • GENUSSFOTOGRAFIEREN, in MEINEM Fall. Wenn die D3 für das, was ich machen will, ungeeignet ist, bleibt sie eben zu Hause.
  • Fürs Gefühl und den Genuss des Vorgangs des Fotografierens die Fuji (mit der ist es eine andere Art zu fotografieren, eine aus der « guten alten Zeit ») und wenn es Top-Ergebnisse werden sollen, dann kommt ganz klar Canon in die Tasche 
profiter bien d'une belle matinée. Vue du "Bellevue" vers le lido de Düsternbrook.
profiter bien d’une belle matinée

Waiting for the Supersaturation Point

Lass Dir Zeit und geniesse es. … … Also, « Genussfotografie » ist ganz offenbar, wenn die sich Zeit nehmen für ihre Bilder und drauf konzentrieren und das ‘mögen’, was sie tun. Mit einer Kamera, die sie ebenfalls ‘mögen’ und gerne in die Hand nehmen … Aber irgendwie scheint diese « Genusskamera » immer keine « richtige Kamera » zu sein, denn nur mit der « richtigen » gehen die « Top-Ergebnisse ». Oder bin ich da irgendwie quer vor ? Ganz ehrlich, ich habe da so meine Schwierigkeiten. Deutliche.

Ich frage mich nämlich, warum die für « Top-Ergebnisse » eine Kiste nehmen, die offenbar doof ist. Aus langer Erfahrung weiss ich, da wird kein « Top-Ergebnis » bei rauskommen, weil  jede Faser des Körpers unterbewusst gesteuert « doooohoooof ! » von sich gibt und sich sträubt. Und dann gibt es allein schon deshalb keine « Top-Ergebnisse », weil der Mensch mit der « richtigen » Kamera da seine « Top-Form » weit hinter sich lässt, in dem Moment. Erst recht gibt es keine « Top-Ergebnisse », wenn mit der « richtigen Kamera » mit einem Male husch husch hopp hopp das Schludern angefangen wird. Einfach nur wirr, wenn ich das eben mit ‘Bedacht’ und ‘Zeit’ und ‘Konzentration’ richtig gedeutet haben sollte.

Vor allem aber frage ich mich : Was machen die eigentlich, wenn jetzt so rein zufällig mit der « unrichtigen » Kamera in der Hand das Top-Motif in dem Top-Licht, der Top-Szene und dem Top-Ausdruck auftaucht ? Es lassen ? Wie dumm wäre das denn ? Oder hinterher was fabulieren von « ist nicht das Top-Ergebnis, weil ich da nur die « Genusskamera » mithatte und die kann halt kein « top » und deswegen ist das nur semi » ? Fasste dir nur noch an den Kopp …

Ist ungefähr so, als wenn dir jemand gleich ein Bild auf seinem Telefon zeigen wird und noch bevor du irgendwas zu Gesicht bekommst, schonmal ansetzt mit « ist halt nur aus dem Telefon ».
Huhu ! Ich kann auch mit dem Telefon eins a Bilder machen, soweit mit den Dingern irgend machbar. Seit iPhone 6 mit ohne ‘s’ zieh ich da auch unerschrocken A1-Ausbelichtungen von und hänge die sogar auf. Composition is king. Hier hat bei egal welchem Bild an den Wänden noch keiner jemals gefragt, mit was die entstanden sind. Interessiert keinen, willkommen in der echten Welt. Einfach den Schnabel halten und sich freuen. Was für ein Genuss.

Im Hintergrund hör ich die drolligen Forenprofis mit den Sprüchen von oben schon wieder was von irgendwelchen Superduperspezialanwendungen brabbeln. Leute – Wird doch eh nüscht – falsche Optik drauf, wie immer. Kauft euch auch dafür mal eine Mühle, die ihr gerne in der Hand habt und allein damit schon öfter und lieber mitnehmt und deshalb mehr Bilder macht und aus diesem Grunde auch irgendwann mal « top » werdet. Ist halt das ewige Fegefeuer der Datenzetteljunkies. Wird eher niemals “top” – weil irregeleitete Vorstellung von dem, was “top” eigentlich ist.

Spitting in the Restaurant

Für mich ist bisher jedes gemachte Foto ein Genuss gewesen. Weil ich einfach so irre Lust drauf hab. Selbst ‘Fehler’ nehm ich gerne hin, weil die mir neue Erkenntnisse und Möglichkeiten eröffnen. Und ich vor allem keine Kamera hatte und habe, die ich nur ungern anfassen würde. Ob mit Drehrädern obendrauf wie früherTM oder vielen Tasten und Knöppen – das sind alles « richtige » Kameras. Echt. Mir ist auch gleich, ob da ‘nur’ manuelle Optiken dransitzen. Ich kann da nämlich mit um. Gewechselt wird so erforderlich ‘nebenbei’, während ich eine Szenerie auf ihr Potential hin abgegucke. Dann genüsslich mit Zonenfokus. Ganz kurzer Blick auf das Zahlengewirr, Kamera hoch, flugs Elemente in ihrer Anordnung checken, eventuell Fokus nachregeln und bäm. Und was erst ein Genuss, mehr als nur ‘1.4’ zu wissen. 
Mit wie englishman weiss « fun cameras » wirbeln wir auch rum. Voll spassig, auf das Ergebnis so richtig lange warten zu müssen, bis das vom Labor zurückkommt. Auch die haben einen Sucher und in dem können die späteren Bildelemente appetitlich angerichtet werden. Keiner zwingt irgendjemanden, die Bilder in riesengross an die Wand zu hängen. Postkarten oder eine Nummer kleiner sorgen auch heftig für Grinsemünder. Oder diese Instax-Dinger – voll funny. Haben einen Sucher, um darin die Komposition … zumal diese lütten Sofortbilder total gerne genommen werden. Genüsslich gerne. 

So gesehen – « Genussfotografie » ist für mich ohne irgendwas oder irgendjemanden im Nacken, ohne Terminticker, ohne bis ins kleinste vorbereitete ‘Pflichtbilder’. Wenn ich tun und lassen kann, was ich will und worauf ich grad Lust hab und egal, wie lange das dauert. Also das, was man so als Hobby eigentlich nur macht. Nur das, worauf man so richtig Lust hat. Ohne irgendwelchen ‘Zwang’. Das soll ein Wort brauchen, das inexistent ist ? Es ist schlicht und ergreifend Fotografie, keine total wichtig spezielle Spezialgeschichte.


« Genussfotografie » – genauso dämlich wie “Freistellung” , « Objektivpark » und « foten ».




Noch ein macaron ? Au caramel salé – das ist Genuss. Pur.
Und für die Forenbewohner lassen wir die olle Redensart « Il y a plus de fols acheteurs que de fols vendeurs ». Die Verkäufer reiben sich genüsslich die Hände, wenn es in der Kasse raschelt.




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