
Wie ich hier hergekommen bin, tut nichts zur Sache. « Fussläufig » steht bei jemandem auf einem Zettel. Klinik. Modern. Anmeldetresen. Gegenüber ein grosser Ständer mit Blumengestecken für Schnellentschlossene. Weitläufiger Wartebereich. Horchen, riechen. Vor allem horchen.
« Une photo est toujours invisible, ce n’est pas elle que l’on voit. »
– Roland BARTHES

U3. Eintreten. Warten. Und die kommenden Stunden nichts mehr hören. Warten. Quietschendes Hartgummi zwitschelt vorbei. Erster Eindruck : Krücken. Der Platz an den Blumen ist eingenommen. Ordentlich Plastikgelenke und Schienen am Unterbein. Reminiszenz an die Stormtroopers. Chhhhh hhhchh « Ick bün din Vadda ». Ungeübte Ohren können sich täuschen. Tausche Krücken gegen Gipsersatz.
Brennend flattert Desinfektionsmittel in die Nüstern. Erneut schmatzend quietschendes Gummi. Mit einem Klickern. Das sind jedenfalls keine Krücken. Ein rollender Ständer mit Infusionsbeutel dran. In Gegenrichtung klackert hart ein Rollkoffer über Fliesen. Aus dem Hintergrund das immer gleiche schmatzende Zischen der Eingangstür. Automatiktür. In aufgeregter Eile, Platz zu machen. Trödelig wird der Rückmarsch versucht. Und umgehend wieder in Hast. Über den ganzen Tag. Am Ende des Wartens werde ich für jedwedes Geständnis die Methode mit den Wassertropfen vorziehen. Auf der Grenze zum kHz-Bereich sirrend zieht ein Rollstuhl seines Weges.
« Hallo … ja, dafür bitte einmal wieder raus und den Eingang auf der anderen Hofseite. … ja gerne. » Begrüssungstresen. Birkenstöckers schlurfig klatschend von links. Hart gefolgt von flatterndem Weisskittel, offen. Der zieht wehend an den Puschen vorbei und verschwindet in Flur 1 Richtung Notaufnahme. Ein erneutes freundliches « Hallo 🙂 « vom Tresen. Arbeitshosen unter falschrum aufgesetzter Baseballmütze. « Bei dem A-B-Würfel ganz vorne rechts weg und bis zur OP-Schleuse. » Die Engelbert Strauss zuckeln quitsch quitsch los. « Frau Feldmann ? … Ah, hier. B4 Zimmer 17, Aufzug vierter Stock. » « Dankeschön. » « Aber gern. »
Piiiing Diiiing Dooong. Brotbackautomat beim Discounter ? Hier ? Ungleichmässig schabendes Klappen und Schmatzen. Einfüssig mit Rollstuhl. « Nein, tut mir leid, ein Ladekabel ist nicht abgegeben worden. » Brötchen sind immer noch keine fertig, da fehlt der Duft. Dafür ist der Fahrstuhl unten. « Oh, t’schulligung », knisterknirsch Tack ! knisterknirsch Tack ! Blauer Müllsack um einen Fuss gewickelt. Dem entgegen kommt langsam schlurfend und leicht quiekend mit sanft raschelnd baumelnder Einkaufstasche eine gebeugte Figur. Hält an, schnauft. Bis zur Automatiktür gefühlt noch fünf Minuten. Von da im flotten Stakkato ein Rollkoffer. Schmatzend folgt ein Rollstuhl. Ein Echo kommt über Wand Fenster Wand schnell näher. Telefonat. Wichtige Geschäfte. Irgendwie wie früherTM, « se können sich wieder hinsetzen, is für mich ». Alle müssen mithören. Es sind immer noch die ganz grossen Geschäfte. Akzent Berliner Umland. Piiiing Diiiing Dooong. Keine schubbernde Fahrstuhltür. Tarngetöse des Tresentelefons. « Neee, hat sich noch nicht gemeldet. Ja. Gerne. Tühüüüss ». Die Gummirollen des Rollators zeigen sich von alledem unbeeindruckt.

Neben die Blumen plumpst eine orangerote Mütze. Schirm nach hinten. Kriegste nicht weg. Telefoniert auch. Mit « Schatz ». Richtung A-B raschelt eilig ein grüner Kittel. Schmatz Zisch macht die Automatiktür am Eingang und spuckt einen blauen und einen weissen Kittel in den Gang. « Frühe Nachgeburt aus 1961 » – am Tresen wird gescherzt. Metallisch klimpernd klappernd trennt sich ein Brillengestell von einem Glas und springt weiter. Sandig schabend mahlend unter einem Birkenstocklatschen findet das Glas sein vollständiges Ende auf rauhen Fliesen. Aus der Traum von der ganz grossen Freiheit ohne Fessel. Die diese Szene des Dahinscheidens begleitenden Wortäusserungen sind irgendwie … verwundert erzürnt. « Warten sie, ich komm mit einer Schaufel » – die Tresenbesatzung ist aufmerksam.
« Radiologische Ambulanz ? Vierter Stock im Gebäude gegenüber ». Elektrisches Surren wie aus einem Trafohäuschen von links nach rechts. Leise knisternd dumpfelt Glas auf Plastik. « Aber keine Ursache, gerne doch ». Türenklappen von schräg vorne links. Klimperndes Glas an Metall. Rollständer mit Infusionsschlauch. Ein Schlüssel verlässt mit leisem Klicken der Federn und Stifte im Zylinder das Schloss. « Dann bitte einmal zum nächsten Tresen an der nächsten Aufnahme. Auf der C3 ». Melanie quakt und folgt unwillig einer raschelnden, grünen Tagesdecke über bunten Sneakern. Tickend wie eine Sachs-Dreigang im Freilauf singen leise zauselig graue Haare aufgelehnt an geborgter Figur Richtung schmatzender Eingangstüre. Der Vorname war Giiiisela. Ohne das Wissen, ob das ein Mann war. « Heute Radiologie und morgen … » « Ja. Ja – genau ». Rascheln. Schleifen. Hasten. Knirsch tock, knirsch tock. Krückenpaar unter Last. Eine rosa Schultertasche schwebt über dem quitsch quitsch quitsch weissblauer Turnschuhe in Flur 1. Seifenduft verliert sich Richtung Blumenständer. Von da wandert ein Strauss von dannen. « Klar, die können sie hier bezahlen. Dankeschön ». Papiernes Rascheln mit verhalten suchenden Schritten.

Frau Doktor hat heute morgen noch keine mail bekommen, nein. Nee, jetzt passt das auch gar nicht, weil grade auf Arbeit. Hmmm. Hmmm. Ja. Genau.
Neonrosa Dreifachstreifen an weisser Kluft. Streng nach hinten gezwungenes Haar, von einem Gummiband gefesselt endend in einem Pferdeschwanz in fusselig. Vornehme Blässe der Haut. Sie wüsste Bescheid. Alles klar. Eilig wehend geht der Kittel ab. Plastikresponder schlagen plockend aufeinander.
Ein zarter, trockener Geruch hängt in der Luft – ein Geruch nach Stoffwechsel. An diesem Tag, der so gewöhnlich war, wie die beiden pochierten Eier auf Toast, die sie zum Frühstück im Diners gegessen hatte, bevor sie den Wagen in die Tiefgarage gestellt hatte.
In der Hosentasche brummt es. « Siii, Carlotta ? » « Fertich. Raus hier ». Ein letztes Mal schmatzt die Automatiktür. Von irgendwo aufgeregt zwitschernde Meisen. Die Luft riecht nach Stadt.