
Bildergaleeren sind ja unerbittlich. Brutal. Ehrlich. Sie lassen nämlich keinen Zweifel daran, dass diejenigen, die Anmerkungen über Bilder gerne nur als persönlichen Angriff auf die Person sehen und sofort auch nervig laut werden, nicht einmal gucken können a.k.a. die offensichtlichen ‘Fehler’ nicht bemerken. Von ‘Sehen’ ganz zu schweigen.
Dog Paddle Motion in the Air
Okay. Was einen Schnappschuss von einem sorgfältig inszenierten Foto unterscheidet, ist weder die Kamera, noch die sonstige Ausrüstung, auf gar keinen Fall irgendwelche ‘presets’. Es ist die Art zu « sehen ».
Die Fähigkeit, wie ein Fotograf zu sehen, die kann man in keinem Laden kaufen. Es gibt auch keinen download, kein Tutorial, das man sich für später wegspeichern kann. Es ist eine bestimmte Art, in dieser Welt zu sein. Es ist eine stille Umstrukturierung der eigenen Instinkte. Es ist ein Bewusstseinswandel, der sich langsam entwickelt und dann plötzlich einfach geschieht. Das ist so, als würde man in derselben Stadt aufwachen, durch die man gestern schon gelaufen ist, und feststellen, dass sie voller Szenen ist, die man vorher noch nie bemerkt hat.
Die meisten Menschen treiben im Autopilotmodus durch das Leben. Sie nehmen Formen, Farben und Bewegungen wahr. Sie bekommen gerade genug mit, um Kollisionen zu vermeiden. (Wirkliche) Fotografen hingegen bewegen sich durch die Welt, als wäre jede Sekunde wie eine Tür, die darauf wartet, sich zu öffnen. Es ist eine vielleicht seltsame, vor allem aber obsessive Form der Wahrnehmung, eine, um die wir nie wirklich gebeten haben, für die wir aber dankbar sind.
Denn um zu sehen, tatsächlich zu sehen, braucht es Präsenz. Dieses Gegenwärtigsein ist, entgegen dem, was jede Achtsamkeits-App behauptet, mit so das Seltenste in einer Welt, die in Ablenkung, Lärm und ständiger Bewegung und Aufmerksamkeitsbettelei ertrinkt. Als Fotograf zu sehen bedeutet, diesen Zustand zurückgewonnen zu haben, das « Jetzt » mitzubekommen.
Sobald das eintritt, beginnt die eigentliche Arbeit đ . Das Festhaltenwollen. Warum und wie und der ganze Rattenschwanz, der sich da anschliesst đ .

Sehen beginnt lange bevor die Kamera gezückt ist.
Ein echtes Foto, eines, das etwas aussagt, entsteht in jenen stillen, fast unmerklichen Momenten, in denen sich die Wahrnehmung schärft. Es ist die unwillkürliche Erweiterung des Blickfeldes, dieses innere Klicken, welches signalisiert, dass die Welt mir etwas zu bieten hat … vorausgesetzt, wir sind diszipliniert genug, das zu realisieren, statt wie alle anderen daran vorbeizurasen.
Es beginnt damit, Dinge wahrzunehmen, welche die meisten Menschen aufgrund ihrer Ablenkung, ihres Stresses oder ihrer ständigen Online-Präsenz nicht mitbekommen, jedenfalls nicht bewusst :
- Wie eine Glasscheibe das Sonnenlicht einfängt und es wie eine Leuchtrakete zurückwirft.
- Wie eine Feuertreppe den Bürgersteig in zufällige geometrische Formen schneidet.
- Diesen kurzen Augenblick mitzubekommen, in dem sich die Wege zweier Fremder kreuzen und für den Bruchteil eines Herzschlags eine Geschichte entsteht – unangekündigt, zärtlich fast, und verschwunden, bevor der Durchschnittsmensch seinen Gedanken ans Mittagessen zu Ende gedacht hat.
Die meisten Menschen bewegen sich durch solche Szenen mit der Beobachtungsgabe einer Zimmerpflanze. Ihre Augen bewegen sich, ja, aber sehen ? Sehen ist etwas anderes.
Ein guter Fotograf spürt solche subtilen Dinge in seinem Inneren. Einem leichten Druckabfall gleich. Ein leises Erkennen, dass sich etwas regt, etwas Visuelles, etwas Bedeutungsvolles. Es ist noch kein Foto, aber das Rohmaterial. Die Form, die in einem Tonklumpen enthalten ist. Der Satz, der vor dem Verb weiß, wohin er will.
Das ist die ‘Arbeit’ vor der Arbeit. Der Auftakt zu einem Moment. Das Prélude đ

Mit der Zeit lernst du, dass erst das Licht studiert werden möchte, bevor man sich mit dem Motiv befasst. Das Motiv ist nur Teilnehmer, eine Figur auf dem Feld. Das Licht ist der Regisseur. Und die Schatten dessen listige Komplizen. Man liest sie wie einen Text, mal poetisch, mal direkt, immer ehrlich. Schatten machen die Geschichte.
Man fängt an, Körpersprache zu beobachten und auf diesem Wege zu erkennen, so, wie einem die Stimme von Prominenten bekannt vorkommt. Die Neigung des Kopfes. Das Anspannen des Kiefers. Wie die Schultern eine Emotion verraten, über die man noch nicht entschieden hat, ob man sie mit der Welt teilen möchte. Diese Mikrogesten sind die Geheimsprache und Fotografen, die bereit waren, sich darauf einzulassen und sie ergrĂŒnden zu wollen, beherrschen sie. Fließend. Im Studio fĂŒr das Portrait, wie auch draussen, in der Strasse.
Die meisten Menschen denken, Fotografie bedeute, « den Moment einzufangen » ; eine nette Idee. Wenn du « den Moment » siehst, ist er vorbei. Der sehende Fotograf hingegen weiß, dass der Moment, den er schließlich fotografiert, schon lange vorher begann. Er brodelte, wuchs, veränderte sich, bildete Fäden. Festhalten kannst du das nur, weil du auf das Davor geachtet hast. *Das* ist der Unterschied.
Normale Menschen leben im Moment. Fotografen leben in den Sekunden davor, beobachten, warten, ahnen das kleine Zusammentreffen von Timing und Bedeutung voraus. Antizipation.
Die Kamera macht nicht das Foto. Dein Sehen macht es. Wenn du es willst.
Frühmorgens, gegen halb fĂŒnf, kam das Licht. Es kam wie ein feiner Nebel aus kaltem Gold, glitt durch die Schrägspalten der Holzläden ins Zimmer und legte sich auf Tisch, Stuhl, und Bett.