2 November 2025

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Die Fähigkeit zu Sehen ist vor allem auch die Fähigkeit, Licht beurteilen (und sehen) zu können und die ist heutzutage immanent wichtig. Mal ganz ehrlich : bei inzwischen zu vielen Bildern in diesem Internet beschleicht mich schon beim ersten Drüberhuschen ein ungutes Gefühl, eine Art Alarm aus dem Inneren, dass da irgendwas unstimmig ist. Der berühmte zweite Blick offenbart, dass das Licht ‘falsch’ ist.


If It Says VIP, It’s Not VIP

Diese sogenannte ‘künstliche Intelligenz’ kann ja so einiges vorgaukeln : Stimmung, Textur, sogar die Illusion von Licht. Aber sie nach wie nur rudimentäre ‘Vorstellungen’ von Licht. Sie kann es simulieren, erraten, es anhand von Daten nachahmen. Aber sie spürt es kein Stück. Keinen Schimmer von dem, was damit beim Betrachter getriggert und wie der damit durch ein Bild geführt werden kann. Oder was an Gefühlen ausgelöst werden soll.
Diese KI bekommt nicht mit, wie sich ein Schatten verschiebt, wenn eine Wolke vor der Sonne vorbeizieht. Sie hat keine Ahnung davon, wie ein Reflektor (oder der lustige kleine Aufsteckblitz) einem leblosen Auge Leben einhauchen kann. So Dinge sind der menschliche Aspekt der Fotografie. Die Sachen, die tief im Unterbewusstsein rumoren und wirken. Und dieses Menschliche, das ist das, was wir auf gar keinen Fall einem Rechenkasten überlassen sollten.

Damit es gleich klar ist : ich verteufele den Kram keineswegs. Betrachte es lieber als eine Erinnerung, dass Fotografie immer noch Handwerk ist. Eine Erinnerung an die Bedeutung von Menschlichkeit und ‘analogen’ Ansätzen. Ich weiß, alle hecheln hinter den neuesten ‘KI-gestützten’ Trends her, wie die Meute hinter dem Hasen (bei den Hobbyleuten ziemlich weit oben steht momentan das KI-gestützte editing. Genau das aber ist das allerletzte, was ich aus der Hand geben würde. Echt, das ist mit die persönlichste Sache überhaupt und die soll ein Algorithmus wuppen ? Ernsthaft ? Kein Stück … ). Also – der tatsächliche Vorsprung, der bleibende, der wird nach wie vor den Fotografen gehören, die die Geschichte mit dem Licht verinnerlicht haben.

Das Gefasel von der vermeintlichen ‘Lösung’

Im besten Falle ist es schnöde Faulheit : Belichtung daneben ? In der Nachbearbeitung korrigieren. Lichter ausgebrannt ? Mit KI raten nachbasteln. Flaches, ‘totes’ Licht? Durch einen Filter jagen und das in der Folge ‘Stil’ nennen … Das Problem ist weniger, dass wir das können ; es ist wichtig, diese Dinge zu kennen und (richtig) anzuwenden, wenn es nötig wird. Da ist manchmal dieses KI-Zeugs der beste Weg. Ich unterstelle allerdings, zu viele haben schon verlernt (oder noch nie gelernt), ohne den Blechkasper auszukommen und gehen … ich sage mal vorsichtig ‘sorglos’ an die Sache ran.

Im Ernst : Fotografie war nie als ‘Spiel’ mit nachträglichen Korrekturen gedacht und einem «mal gucken, was so bei rumkommen kann ». Im Kern war (und ist) Fotografie (ein kreatives) Handwerk. Die Fotografen, die konstant gute Ergebnisse liefern, die sind nicht auf ständige Korrekturen angewiesen. Die gestalten ihre Bilder bewusst und wenn Nachbearbeitung nötig ist, dann sind die Korrekturen geplant, vor allem von Beginn an vorbereitet, und Teil des Prozesses. Das ist vollkommen in Ordnung und Usus. Hinterher besser machen, ja. Aber das ist halt so ganz weit weg von « erst einmal retten und dann gucken, was noch so geht ».

Wer kompetent ist, dessen Bilder müssen weder ‘gerettet’ noch übermäßig bearbeitet werden. Die kommen fertig in die Welt, oder zumindest fast fertig, so wie wir sie gestalten können.

Warum Licht immer noch alles bestimmt

Jedes Bild, jede visuelle Geschichte, jede gelungene Einstellung hängt vom Licht ab. Licht definiert Form, Ton und Tiefe. Es kann uns zu Tränen rühren oder den Wunsch nach diesem ledergeprägten Hammerholster mit digitalem Nagelzähler zu einem muss-ich-unbedingt-haben mutieren lassen. Im Ernst: Wer Licht versteht – woher es kommt, wie es fällt, was es mit Farbe und Textur macht – der kann fast jedes Motiv fesselnd gestalten :

  • Einen Ziegelstein. Echt jetzt, mach mal so, dass du sofort dein Haus damit bauen möchtest. Echter Stein statt Plastikblende. Wobei … ich mach dir unter Zuhilfenahme einer Abzugshaube auch die Plastescheisse begehrenswert 😉
  • Ein Gesicht. Selbstläufer. Sollte es jedenfalls sein. Für zu viele Knipser reicht leider dieses fürchterliche ‘mach hell’.
  • Ein Sandwich. Vergleiche einfach die Werbung für den Burger mit dem Etwas an Matsch, das du bei der Junk-Bude tatsächlich hingeklatscht bekommst. Das liegt an mehr als nur Bierdeckel und Zahnstocher zwischen den Lagen E-Zusatz-verseuchter Klebepampe …

Licht ist mehr als nur ein Werkzeug, auch wenn wir es meistens so verwenden. Licht ist eine (eigene) Sprache, ein visuelles Set an Hinweisen, welches das Verständnis des Betrachters für das Bild lenkt. Licht zeigt dem, wohin er schauen und was er fühlen soll. Und wo er weniger hingucken soll.
KI kann dieses Vokabular kopieren und ist darin ziemlich gut. Aber sie kann die Emotionen, die Verbindung, die Emotionalität sui generis nicht improvisieren. Zumindest noch nicht. Und solange die weiter mit dem Rotz gefüttert wird, der so durch dieses Netz schwirrt – es wird wohl dauern. Oder du gibst dir richtig Mühe mit den prompts. Nur – in der Zeit hast das auch aufgebaut. Und das macht unterm Strich auch noch mehr Spass.

Die ‘Sprache’ des Lichts lernen

« Licht sehen können » bedeutet, es bewerten, einordnen, beurteilen zu können. Denn wer sich nie gekümmert hat und nicht versteht, wie Licht wirkt, der wird es kaum so erzeugen können, dass es eine Stimmung hervorruft, ein Gefühl in Gang setzt. Genau das aber ist eine typisch menschliche Fähigkeit, mit Empfindungen auf eine Szene zu reagieren. Wenn ich das Licht, das ich sehe, analysiere, mache ich mir in der Regel folgende ‘Notizen’ :

  • Die Richtung, in die es fällt. Wo sitzen die Spitzlichter ? Und vor allem : Wie fallen die Schatten ? Schatten sind entscheidend.
  • Die Qualität des Lichts : Ist es ‘hart’ oder ‘weich’ ?
  • Wie ‘schnell’ es abfällt : Das gibt uns eine Vorstellung von der Entfernung des (Haupt-)Lichts zum Motiv.
  • Wie Oberflächen das Licht absorbieren oder reflektieren : Das verrät mir etwas über die Textur des Materials und die Dimension des Motivs.
  • Wie die Farbtemperatur die Stimmung beeinflusst : Von zusätzlichen Farben bis hin zur Farbwiedergabe (in Grad Kelvin), die durch warme oder kühle Töne sichtbar wird. HSL – Hue Saturation Luminance.

*Das* ist die Arbeit. Klar kannst du alle möglichen Lichtformer kaufen – Softboxen, Diffusoren, Waben, Diffusionspaneele und und und. Solange allerdings unverstanden bleibt was Licht bewirkt, schmückt sich wie nur allzuoft Unwissenheit mit Equipment.
Die wahre Meisterschaft hingegen zeigt sich, wenn man mit einer einzigen Lichtquelle vier erzeugen kann 😉 Oder wenn natürliches Licht so eingesetzt wird, dass es auf einem glänzenden Produkt genau so wirkt, wie man es möchte, beabsichtigt, will, und dieses Produkt einfach unwiderstehlich wirkt und wird. Hammerholster. Mit Nagelzähler. Brauchst du. Ist so.
Nutze die Weichheit des Lichts, um das Gesicht eines Porträtierten sanft schmeichelnd zu formen, es berühren zu wollen, küssen, herzen … . Oder die brutal unnachgiebige Härte, um das Fürchten zu lehren mit tiefen Blicken in jede Pore. Das ist Kontrolle, und damit Teil des Handwerks, die wirkliche Kunst. Wenn du die beherrschst, dann wird diese KI zu dem, als was es von zum Denken noch fähigen Menschen begriffen wird, nämlich zu einem einfachen Werkzeug für Verfeinerungen, nicht für Korrekturen.

chaises dans le jardin
chaises dans le jardin

Die angeblich ‘neue Disziplin’ ist ein ganz alter Hut

Die Fotografen, die in den nächsten sagen wir zehn Jahren erfolgreich sein werden, sind nicht diejenigen, die Anweisungen befolgen oder tippeln oder sich einfältig auf Software-Magie verlassen. Erfolgreich werden die sein, die einen Raum mit nur einer Lampe betreten und damit ein gutes Ergebnis erzielen. Software stürzt ab, Trends ändern sich, Moden kommen und gehen. Schnell.

Die Grundlagen indes, die bleiben. Die sind zeitlos. Wer Licht sehen, formen und kontrollieren kann, der ist für jedes zukünftige Medium gerüstet : Film, digital, KI-gestützt, was auch immer.

KI hat ihren Platz

Um es noch einmal klar und deutlich zu sagen : KI hat ihre Berechtigung. Sie kann Arbeitsabläufe beschleunigen. Komplexe Masken sind so eine Paradedisziplin. Sie kann durchaus flott und meist auch verlässlich ordentlich Hautunreinheiten reduzieren. Ebenso Staub und Ablenkungen beseitigen. Dabei helfen, Ideen vor einem shoot zu visualisieren. So Dinge kann die inzwischen ziemlich gut. Da spart die tatsächlich Zeit und macht das berühmt gequält überstrapazierte ‘Nutzererlebnis’ zu einem schönen.

Mal Tacheles, unter uns Pastorentöchtern


Lange vor der grassierenden Seuche mit dem Kram gab (und gibt es noch) Programme und in denen vor allem Werkzeuge, mit denen die eben aufgezählten Dinge recht brauchbar realisiert werden können – sowas wurde schliesslich ‘immer schon‘ gemacht und ist keine Erfindung der letzten drei Wochen. Das ist wie so vieles nichts brandneues geiles tolles total irres, nur, weil da jetzt jeder mit auch ganz ohne irgendeine Ahnung mit rummokeln kann …

‘Inhaltssensitives Füllen’ in diesem Photoshop gibt es seit gefühlt 15 Jahren und war mit Einführung irgendwie Magie. ‘Zauberstab’ zur Auswahl ? Ach kuck, computermässig vor der Geburt Christi. Wie deine Bilder in verschiedenen Formaten und Rahmen hinter dem Sofa des Bestellers aussehen ? «  Schicken sie mir bitte ein Bild vom Ort, wo es hängen soll, mit einigem drumrum, wie im Muster ». Bei mir seit 2008 in Gebrauch. Welche Lampe welches Licht aus welchem Abstand bei welcher Stärke im Gesicht macht ? Seit Anfang der 1990er mit den CAD-Programmen und höllischen Rechenzeiten. Set.a.light.3D als bezahlbare Möglichkeit dieser Prävisualisierung für Studioaufbauten kam 2014. Hintergründe tauschen ist mit Erfindung von durchsichtigen Ebenen möglich geworden und auf Lichtintensität und -richtung musst du auch heute immer noch gucken.
Das Wilde : Alles das ist immer noch mit ganz klassischen Mitteln wie (Klon)stempel und den zig Pinselarten umsetzbar. Dauert halt, braucht manchmal richtig (Fummel-)Arbeit, aber machbar ist sowas seit Ben Hur den circus unsicher gemacht hat.

Wird alles nicht so heiss gegessen, wie es gehypt wird, gelle. Auf dem Teppich bleiben, kurz überlegen, was da im einzelnen überhaupt hinterstecken könnte und eine Lösung kann so simpel sein. Mal ganz davon ab, dass solches Wissen in der echten Praxis nach wie vor von Vorteil ist. Nicht nur sein kann, *ist*. Oft braucht diese Lösung daher schnödes Wissen um den korrekten Umgang mit solcherlei Werkzeugen. Diese üble Frequenztrennung, um aus einem Gesicht eine Plastikmaske zu machen mit Schildkrötenhals drunter, weisst noch, wie der Rotz geht, damit das nachher nämlich nicht so, sondern ordentlich aussieht ? Eben. Schnöde Bequemlichkeit (und Faulheit) ist halt ein echtes Thema 😉


Nutz den Krempel, um vorhandenes Wissen zu erweitern und nicht, um Wissenslücken zu kaschieren. Wenn du KI ‘brauchst’, um verkorkste Beleuchtung zu retten, dann schmuckerst du damit nur Gülle auf, polierst Mist. Aber natürlich – es gibt viele glänzende, polierte Mist-Bilder, die Millionen von Likes, Herzchen und animierten GIFs mit Grinsefratzen erhalten. Wenn aber die (deine ! ) Grundlage solide ist, wenn Lichter, Schatten und Mitteltöne bewusst eingesetzt werden, wenn die Komposition gut oder gar perfekt ist, wenn die emotionale Wirkung echt und authentisch, echt und fesselnd ist – und sowas schneidet das Unterbewusstsein (noch) mit … dann wird KI bei Bedarf zu einem kreativen Partner.
Und nur so sollte es sein.

Quality is forged in the honing, not given by a prompt.




Sie sah aus dem Fenster, wo die Sonne als goldenes, wohltuendes Wesen die üppigen Blätter der Kamelien saftig grün schimmern ließ, und in einem Augenblick der Erkenntnis wurde ihr bewusst, dass es diesen Himmelskörper zu verehren und geniessen galt, war er doch der grösste Verbündete des Maklers, und sie vergass die Stürme, die Hitze der letzten Tage, den schrecklich trockenen, durstigen Wind, der durch den Cañon zum Meer hinabfegte, vergass all das, bis auf einmal jemand auf einen Tisch sprang und « Feuer ! » brüllte, worauf der Tag um sie herum in Stücke zerfiel.




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