17 September 2024

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Viel zu viel von dem, was ich aus der „Community“ der Fotografie kommen sehe, ist Performance-Kunst. ‘Arbeit’, die geleistet wird, um die Bedürfnisse der sich rapide verschlechternden Intelligenz einer Öffentlichkeit zu befriedigen, die soziale Medien in meist schädlichen Mengen konsumiert, von denen abhängig und denen verfallen ist. Es scheint, als basiere deren gesamte Existenz auf dem wankelmütig zufälligen Unsinn, den ihr Publikum für ‘wichtig’ oder einfach nur für unterhaltsam hält.
Und dann gibt es – vor allem von renommierten Photojournalisten, die, die einfach nicht anders können, als zu fotografieren – Arbeiten mit diesem faszinierenden ‘Mehr’, welches einen so sehr fesseln kann. Wenn sich beim Begucken ein Gefühl regt, welches mir mitteilt, da hat jemand etwas ‘zu sagen’, da gibt jemand etwas von sich selber preis. Schwer zu beschreiben und einiges an (Neuro-)Psychologie. Ein Versuch.




Die allüberall von diesen Perfomance’künstlern’ wie eine Götzenfigur hochgehaltene technische Perfektion brauchst du, um ein guter Fotograf zu sein, das ist eine Falle, in die viel zu viele geraten und den Ausgang nicht mehr finden. « Technisch gut », das ist eine vermeintliche Sicherheit. Kann man sich einfach so kaufen. « Technisch gut », das beruhigt irgendwie und gleichzeitig ist es ganz weit weg von dem, was den Kern der Fotografie ausmacht : der subjektive Teil. Das, was du selbst beim Machen empfunden hast und das, was beim Betrachter ausgelöst wird. « Technisch gut » ist ein hook kick egal auf oder in welchen Körperteil, weil es sehr deutlich sagt, dass die Kamera das gemacht hat, wofür sie entwickelt wurde. Um heute ein Bild rein technisch zu versauen, muss man sich schon richtig was einfallen lassen. Versuch mal, einen Schnappschuss von einem Welpen so zu vergeigen, dass es dafür keine likes gibt. Eben.



Bienenhaus
Bienenhaus

Verschiedentlich habe ich es erwähnt : Guck alle deine Bilder durch und du wirst feststellen, was deine Steckenpferde sind, was du immer und immer wieder fotografierst, weil es dich einfach ‘anzieht’. Das, was ein Beginn für thematische Konzepte und dann für tatsächliche Projekte sein oder besser : werden könnte. Deine Notizbücher, die deine Gedanken und Erfahrungen und Empfindungen und Erinnerungen aufnehmen. Dass du dabei feststellen kannst, warum wieso weshalb es diese Sachen sind. 

You don’t make a photograph just with a camera. You bring to the act of photography all the pictures you have seen, the books you have read, the music you have heard, and the people you have loved.
– Ansel ADAMS

Wahrscheinlich hast du es schon einmal mitbekommen, dieses Zitat. Und doch spielen in diese beiden Sätze mehr Sachen mit rein, als es auf den ersten Eindruck erscheint. 


Es war während einer Plauderei mit Fotografen : « It took me decades to really – and I mean really – understand that I do like architecture with all its clear lines and harsh shadows because that was the borough I was grown up in. All new, modern, when we moved there. Straight lines. Little then small trees. The light. And the shadows. Seldom any people. » – Da hat es bei mir geklickt. « … I was grown up in », da tanzte eine ganz bestimmte Situation aus meiner grauen Vorzeit durch den Kopf und mit einem Male ist mir für Dinge, die mir ‘bekannt’ waren, auch so richtig klargeworden, wo das herkommt. War ein fehlendes Bindeglied. Ich wusste, was ich fotografiere und dass es mir viel bedeutet. Jetzt weiss ich auch, wo dieses ‘Warum’ herrührt. Mag sich nach Kleinkram anhören, war für mich ein feiner Moment.


Ziehe alles an Dingen in Betracht, wie du dich ‘ausdrückst’, ‘darstellst’. Die Art und Weise, wie du dich mit wem unterhältst. Über welche Themen das mit welchem Kreis ist. Die Klamotten, die du trägst, die Musik, die du hörst, gehört hast, deine Favoriten waren und sind. Was du liest. Was du isst. Das sind alles Sachen, die deine Individualität geformt haben und formen. Die Sachen, an die du glaubst, Meinungen, von denen du überzeugt bist, deine physiologische Beschaffenheit, deine Wünsche und die Wünsche an deine Zukunft … das alles hängt sehr unverblümt mit dem zusammen, was und wie du fotografierst.


Nimm dir ruhige Momente und pflück dir das auseinander und schreibe es auf. Damit du das schwarz auf weiss vor dir hast, damit es sich im Hirn präsentiert und verankert, damit du immer mal wieder reinschneien kannst um zu gucken, was sich getan hat, damit du dich wieder erden kannst und und und. Notizbuch. Machen. Ist toll. Und es dauert, bis sich das halbwegs klar rausschält, aber das ist dir ohnehin klar 🙂 . So ganz nebenbei fällt eine gehörige Menge an Selbstreflektion mit ab. Das wird sich niederschlagen in Deinem Umgang mit Kritik.

We See Photographs With More Than Our Eyes

Wir nehmen Fotos durch unser Gehirn wahr und auf ihrem Weg dorthin stoßen sie auf alle unsere Erinnerungen, alle unsere Vorlieben und ‘Geschmäcker‘, alle unsere Ideen und unsere Werte. Darum ist so viel dran in dem Satz « Schönheit liegt im Auge des Betrachters », da geht es ebenfalls ganz viel um ‘Gefühl’, die Kraft von nostalgie für Orte oder lange verronnene Zeiten und Erlebnisse.
Rein objektiv lässt sich ohne Weiteres beschreiben, was Inhalt einer Fotografie ist, wie es um den Aufbau bestellt ist. Dann kommen die visuellen Elemente, die im Bild sind, die der Fotograf eingesetzt hat. Überlege nur kurz einmal (bewusst !), was eine simple Farbverschiebung von sagen wir gelblich nach blau in dir auslöst. Rein inhaltlich bleibt es das gleiche Bild, aber dann ist da etwas, das tiefer geht, als es an der Oberfläche erscheint. Der ganze Reigen an erinnern, aufwühlen, beruhigen, angsteinflössend oder neugierig machend, wohlig warm bis fröstelnd kalt, ablehnend, abstossend, anziehend, einsaugend. Du kannst diese Fotografie ‘fühlen’. Dein ganzes Wertegefüge geht da mit rein. Wenn dir das bewusst und bekannt ist, dann wird das richtig spannend. 

Werte, persönliche Überzeugungen, Wertvorstellungen, Glaubenssätze … als Stichworte. Forsche selber nach, wie die zutage gefördert und vor allem benannt werden können und dann mach dich einfach ran an die Sache. Es wird sich auszahlen. So wirklich. 😉

Schreib. Es. Dir. Auf. Weil Du bist, wer und wie Du bist, was und wie du denkst, fühlst, aufnimmst, das ‘überträgt’ sich auf und in deine Fotografie. Es geht nicht ohne, diese Dinge sind einfach da. Immer. Ändern sich mit und über die Zeit, klar, das ist normal, deine Lebenserfahrung wird schliesslich wachsen und sich entwickeln. Aber einfach schnipp ! abschalten, das geht nicht. Jedes Foto, das du machst, ist immer auch eine Art Selbstportrait.

My photographs are complex. Because I am complex.
– W. Eugene SMITH

Catch the Wave, Not the Ripple.

Wer anfängt mit dem Fotografieren, der lichtet erst einmal quasi ‘alles’ ab, was bei drei nicht auf dem Baum oder hinter der nächsten Hecke ist. Ganz klassisch werden die ersten Motive aus der Familie und deren bzw. deinem Umkreis kommen, Freundeskreis und so. Das ist vollkommen normal, die sind ‘einfach da’, in dem Umfeld fühlen wir uns sicher.

Dann werden es die Sachen sein, die du gerne machst, vulgo Interessenbereiche a.k.a. ‘Hobbies’ ; das, wofür du ein Interesse hegst. Theater. Sport. Musik. Wenn du viel liest (was sowieso sehr zu empfehlen ist) möglicherweise die Traumwelten von Phantasy mit Verkleiden und und und. Es findet sich bestimmt jemand aus dem Kreis, der das mitspielt und ‘modelt’. Mode. 
Finde raus, wo deine wirklichen Interessen liegen. Mit allem, was dazugehört. Knie dich richtig rein, vertiefe dich, saug alles in dich auf, dessen du an reiner Informationen und Bildern zu dem – deinem – Thema habhaft werden kannst. Auch die ‘Historie’, das Geschichtliche dahinter. Wer die Vergangenheit nicht kennt, versteht die Gegenwart nicht, da steckt mehr dahinter, als es auf den ersten Blick scheint. Denn ohne diese Kenntnisse und einer eigentlich ‘automatisch’ einsetzenden Reflektion in der Auseinandersetzung mit dem Thema bleibt die Sache diffus, ‘schlicht’ und simpel und wird zu etwas, wie es sich heute nur allzugerne durch alles schiebt und das nurmehr als ‘bequem’ bezeichnet werden kann. Folgst du dem aber mit deiner Neugierde, so werden deine Bilder ‘authentisch’, ehrlich, ’tiefer’, weil da profundes Wissen mit Herzblut vermischt seine Umsetzung findet. 


Stöbert man heutzutage durch diese erbärmlichen Forenlandschaften, dann drängt sich stante pedes der Eindruck auf, ausser Vögel im Flug, rennenden Kötern und hyperaktiven Kindern gäbe es keine weiteren Motive mehr. Da hege ich umgehend auch den Verdacht, dass es ganz vielen an eigenen Vorstellungen vollkommen fehlt und diese ‘Gebiete’ nur dazu herangezerrt werden, um die nächste sündteure Anschaffung von wegen ‘noch besser geiler weiter schneller’ zu rechtfertigen. Oder wie jüngst die verlorene Seele, der sich überlegt, zusätzlich zur bereits vorhandenen Canon R5 noch eine Fuji GFX 100 II zuzulegen. 100 Megapixel zu 45, machen tut er jpgs für dieses Internet … Ausserdem reiche der Dynamikumfang der R nicht aus. 14,6EV gegen 13 irgendwas bei der Fuji, ganz klare Sache. Lern belichten, tz tz tz. 10k€ mal eben rauskloppen, um Pixel zu begaffen, weil ihm für ein ‘Mehr’ die Vorstellung schon fehlt. Und selbstredend wird das von anderen tech addicts für eine ganz tolle Idee gehalten. Kann man machen, sorgt halt dafür, dass der Krempel halbwegs bezahlbar bleibt. Wenn du dem nach(g)eiferst, was die Influencerkasper machen, wirst du nur zu einer Kopie dieser marketinggesteuerten Marionetten und deren willfährigen Jüngern, den Forenbewohnern. Der Nutzen wird keinesfalls bei dir liegen, es ist de facto nicht deines, es dient nur dem shareholder value der Hersteller.

Bell Curve of Adoption

Wenn du in Sachen ‘mein Thema’ auf der Suche bist, wie andere das in Bilder umgesetzt haben, wirst du früher oder später an ‘Vorbildern’ nicht vorbeikommen. Es wird jemanden geben, dessen Vorgehensweise und Ergebnisse du richtig gut finden wirst. Denen wirst du nacheifern. Zumindest im Ansatz. Erzähl mir nichts, das ist so und das ist vor allem bei allen, die es zu etwas gebracht haben, so. Die bedienen sich munter an bereits Dagewesenem. Richtig munter. Die bauen das nicht stumpf nach (zumindest schicken die solche Arbeiten nicht in die Welt), die kombinieren das mit ihren eigenen Vorstellungen, lassen sich anregen, inspirieren.
Wenn dir nun jemand weismachen will, so etwas sei Tand, wahre Kunst käme nur ohne externe Einflüsse aus einem selber und bla bla bla … ignoriere das. Unser Gehirn ‘funktioniert’ anders, *wir* als Mensch funktionieren anders, wenn es um Kreativität geht. Das Zitat von oben « Du machst Bilder mit allem, was du erlebt, gesehen, gehört hast und bist ». Da wird auf alles zurückgegriffen, was sich in dem Ding unter dem Schädelknochen angesammelt hat. 


Wenn du nach Bildern suchst, eine Empfehlung : Bücher. Und da in erster Linie die aus renommierten Verlagen. Da kannst du davon ausgehen, dass die dahinterstehenden Fotografen was auf dem Kasten haben, andernfalls sich ein Verlag mit Namen und Reputation kaum mit denen abgeben würde. Von da aus forsche weiter. Dieses Internet ist eine tolle Quelle, keine Frage, aber die Masse an talentfreiem Müll ist einfach zu überwältigend und das wirklich Sinnvolle, Brauchbare aus diesem Haufen zu fischen möchte ein gehörig Mass an (eigenem) Wissen und ein Gespür, Müll von Wert unterscheiden zu können, geht es um ‘unbekannte’ Namen. Von den Fotografen gerne auch deren Lebensgeschichte, habe ich anderweitig öfter erwähnt. Hilft ungemein dem Verständnis für deren Arbeit auf die Sprünge.

Sei das, was und wer du bist. Von den Performancedarstellern gibt es deutlich zu viele, die dick den Zampanò* machen und nur ganz kurz nachgehakt absolut keine Ahnung davon haben, was sie eigentlich machen. Foren sind voll von denen. In deiner Person liegt dein ‘Stil’ verankert. Deinen Bildern wird man das anmerken vor allem an der Art und Weise, wie du sie editierst (= sortierst, bewertest, die besten rauspickst) und zusammenstellst. Da sind sie, Deine ganz eigenen Geschichten. Wenn Neugierde fehlt, die Unbedarftheit und Lust der Kindheit, dann kommt Langeweile auf. Nichts gelernt, nichts zu sagen, zu behäbig, den Hintern von der Tastatur wegzubekommen und tatsächlich etwas zu MACHEN, zu kreieren, zu erschaffen, was tatsächlich deines ist … das ist ernsthaft das, worauf es Dir ankommen soll ? Dann mach halt weiter, kein Problem. 

Je mehr du dich selbst verstehst, desto mehr hast du die Kontrolle über dich und über das, was du (auch ausserhalb des Fotografischen) tust. Dann wirst du auch beginnen zu verstehen, wo neue Wege hingehen könnten. Was dich geprägt hat, wo du gelebt hast, was du erlebt hast, was du kannst – das alles wartet nur darauf erweitert, ausgebaut, verbessert oder einfach auch nur ausprobiert zu werden. 
Der Fotograf, der du gerne sein möchtest, der steckt bereits in deinen Bildern 😉 . Finde ihn. Lerne ihn kennen. 

(*) La Strada von Federico FELLINI (1954) – grandioses Machwerk 😉




It’s about passion.
It’s about learning new things.
It’s about challenging myself.
It’s about taking the time to make something that’s uniquely mine.




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