27 septembre 2022

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les filles Pont Archeveche

Ich gebe zu, der Titel ist stumpfes klickbait. Nur – es wird so oft ausgesprochen und geschrieben, dass eine neue Kamera oder neue Optik « bessere Bilder » machen würde. Mysteriös. Das Ding kann nach wie vor keine visuelle Sprache. Das liegt immer noch beim Bediener. Eine kleine Reise zwischen dem Ding und deinem mindset in Sachen Bild.

The steps ended directly behind him. Silence.

Kameratechnikliebhaber kennen vorwiegend – eigentlich ’nur’ – Matschebokeh und klinisch reine Pixelchen. Das sieht dann in 400% auf dem Monitor sahnemässig aus. Wunder-Autofokus verhilft zu mehr Treffern, unbestritten. Bei so manch einem überhaupt erst zu Treffern. Antiwackelmysterien wirkt gegen deinen Tatter und zum Teil gegen die Faulheit, Kamera irgendwo abzustellen oder anzudrücken, sich anzulehnen oder ein Dreibein mitzunehmen. Und das Bild als solches ? Das rein visuelle Gesamtwerk, was da rausgekrochen kam ? Euh. Ja nu … hmmm. Geil, eigentlich, raus damit in die Welt. Und für einen Betrachter, dem deine Gefühlsschwemme absolut unbekannt ist, findet der das auch gleich so toll, ja ? Echt ? Eher grosses Schulterzucken, oder ?

Bevor es in den falschen Hals gerät : Es ist kein Problem, rein ‘dokumentarische Sachen’ zu fotografieren, als Gedächtnisstütze, als kleine Erinnerung, für das Tagebuch. Das sind Dinge, die für dich sind und eigentlich auch nur für dich. Du hast selbst als Erschaffer die Fähigkeit, beim Angucken sofort alles aus der Situation wieder abrufen zu können. Die Geräusche ringsum, die Gerüche, den Wind, die Hitze, die Kälte, den Staub, das, was dein Gefühl angesichts der Szene in Wallung versetzt hat. Sowas ist toll. Irre.
Nur « übersiehst » du auch schnell wieder die kleinen störenden Sachen, die sich in das Bild, in den Rahmen, im Sucher eingeschlichen haben. Die blendest du aus, weil der Rest in dir tobt. Jemand, der sich das hinterher anguckt und ganz woanders gewesen ist, dem fehlt das aber. Dann wird die Sache schlagartig komplexer. Herausfordernder für das Hirn hinter der Kamera, wenn der geheimnisvolle Dritte angesprochen und mitgezogen werden soll. Dann möchte das Wirrwarr vor der Linse und in dir gerne nach allen Regeln der (visuellen) Kunst innerhalb des Suchergevierts, des Rahmens sortiert und arrangiert werden.


Die Sache mit dem Werkzeug

Klassiker : Sei eins mit der Kamera. Hast Du noch, oder ? Das Ding kannst du im Schlaf bedienen, ohne Jammern über vermeintlich irre wichtige Habenmuss-Helferlein ? ISO-Einstellung, Wechsel der Verschlussgeschwindigkeit, andere Blende, Modus A nach manuell, das geht alles ohne Nachdenken ? In welche Richtung will die Optik gedreht werden, von Naheinstellung nach Unendlich ? Uhrzeigersinn oder andersrum ? Gut. Dann steht dir das Ding nicht im Weg. Dann kannst du anfangen, wirkliche Fotografien zu machen.

Die Sache mit dem « Sehen »

Vorweg etwas, das gerne « unterschätzt » und « vergessen » wird :

Die Machwerke grossartiger Fotografen sind in den Augen der Betrachter aus dem Grunde grossartig, weil es die ‘besten’ Arbeiten sind. Die Jungs und Mädels lassen die zahllosen weniger starken Versuche, die sie auf dem Weg zu ‘dem besten’ gemacht haben, in den Tiefen ihrer Festplatten verborgen liegen.

Dazu eine Buchempfehlung : Kristen LUBBEN – Magnum Contact Sheets. Da werden die Kontaktbögen gezeigt und damit der Weg, wie die Fotografinnen und Fotografen sich ihrem Motiv genähert haben. Meistens auch körperlich, Robert CAPA und sein berühmtes « näher ran », um Überflüssiges aus dem Rahmen zu halten. Es wird gezeigt, was sie versucht und veranstaltet haben, um zu ‘dem’ Bild zu kommen.

Magnum Contact Sheets - Marc RIBOUD
Magnum Contact Sheets – Marc RIBOUD. Dritte Reihe ganz rechts, das ist bekannt geworden.

Eine Fotografie beginnt (ggfls. nach einer Idee) mit dem, was du siehst, die Sache, die deine Aufmerksamkeit erregt hat und das Drumherum. « Sehen » ist etwas deutlich anderes, als « Betrachten ». Beim Betrachten kommt  ‘Ah, guck, da. Klick’.
« Sehen »  setzt einen Prozess in Gang, die Szene als solche und deren Potential zu analysieren.

  • Wie sind und fallen Licht und Schatten ? (lerne, Schatten zu lieben und bei der Nachbearbeitung auch einfach (tiefe) Schatten sein zu lassen ☺️ Schatten machen Umriss, Kontur und Dimension. Schatten bringen Dynamik und Drama. Kontrast. Das brutal aufzuhellen, weil es die irre dynamic range des Wunderkastens hergibt, das macht es kaputt. Sowas zeigt Unwissenheit um visuelle Wirkungen.) Und wie sieht das eigentlich von da drüben aus ? Von näher dran ? Höher, tiefer ?

    I am always chasing the light. Light turns the ordinary into the magical.
    – Trent PARKE

  • Der Anglophile weiss etwas von shape und form. Ersteres ist zwei-, letzteres dreidimensional – was sind da für Formen und Linien und Umrisse ? Können die ordentlich arrangiert werden bis hin zum ‘entscheidenden Moment’, in dem die für das Auge im geometrischen Einklang sind, Balance haben ? Lerne, Menschlein abstrakt zu betrachten, als Figur, als Umriss, als shape. Alles andere ebenfalls.
  • Wie benehmen sich Farben allgemein und zueinander ?
  • Macht Menschlein eventuell gleich eine Geste, die etwas ‘aussagt’, die für diese kleine Abwechslung sorgt, die diesen ‘Kick’ ins Bild bringt ?

Du beantwortest dir die Fragen, die diese Dinge in dir aufwerfen, sortierst das und fängst an, eine Fotografie zu machen statt nur beiläufig mitzunehmen. Ein Foto zu sehen. Mit der gesamten Klaviatur der visuellen Sprache, der visuellen Werkzeuge, bei denen Kamera und Optik komplett ahnungs- und teilnahmslos am Hals oder der Hand baumeln bleiben, statt in Ekstase zu geraten. Die visuellen Werkzeuge haben alle den Zweck, Sinn und Ordnung in das Chaos da vor der Linse zu bringen. Auge-Hirn-Kombo mag Ordnung, das ist ein offenes Geheimnis.

Dieses aktive Beobachten lässt dich bewusster, kreativer Fotografien machen, als die schlichte Dokumentation einer Situation. Das Erfassen von Linien und Formen und deren Anordnung innerhalb des (Sucher-)Rahmens führt dazu, ein Verständnis, ein Gefühl für dein Framing und Komposition zu entwickeln. Du bekommst ein Gespür dafür, wie Farbe das Auge leiten kann, ein Objekt hervorheben oder zurücktreten lassen kann. Und bei kleinen Gesten bekommt das Ganze womöglich noch diesen ‘Pepp’, das gewisse Etwas. Diese Dinge bringen auch für dich ein ‘Mehr’, als es das Zurückbesinnen auf die Situation alleine schon kann. Es wird intensiver. Versprochen.

Die Sache mit dem Betrachter

Ich habe das oben im Kasten angedeutet : Wenn dich auch nur der Hauch eines Gedankens an ein Vorzeigen von Bildern erwischt, dann hast du eine gewisse Verantwortung dem Betrachter gegenüber. Ob du den langweilst, Fragezeichen mit ‘Und nun ? Was soll ich damit anfangen ?’ überm Kopf hervorrufst oder an deinem Erlebten teilhaben lässt. Dir geht es schliesslich genauso, wenn du Bilder von anderen anschaust. Das mit dem « Sehen » von eben. Es macht mächtig Spass, wenn das Auge einem visuellen flow folgen kann und ich weiss, warum wieso weshalb und munter Dinge interpretieren kann.
Den « normalen » Menschen interessieren Rasiermesserschärfe und Klarheit der Pixelchen ebensowenig, wie meisterhafte ISO-Rad-Drehs oder das tolle Histogramm oder irgendwelche sfumatimässigen Unschärfeverläufe. Auch in ferner Zukunft wird dem das vollkommen schnuppe sein. Der guckt sich eine Fotografie ohne Nase am Papier plattdrücken an und den interessiert, ob ihn das Bild packt. Der springt mit stiller Freude auf alles an, was ihm visuell verlockend erscheint, bewusst oder unbewusst. Wenn erkennbar ist, was das Hauptobjekt sein soll und was da in diesem Rahmen sonst noch alles passiert. Wenn das Bild etwas über das Hauptmotiv aussagt, statt es nur zu zeigen.
Es gibt durchaus einen Unterschied zwischen « hier, so hat es ausgesehen, so war das Wetter, mit dem und der war ich da und um Sechs gab es Abendbrot » und einer Fotografie.

« Hier, so war das, wie ich es gesehen habe und wie ich es gefühlt habe » – ist ‘besser’, ansprechender. Mit einer Absicht dahinter. Herausforderung angenommen und gemeistert. Nutze alles aus dem visuellen Werkzeugkasten um das rüberzubringen, was du mit dem Bild sagen willst. Dazu gleich noch mehr.

Es gibt ein schönes Zitat : Zeig das Gefühl des Fliegens, statt nur einen Vogel in der Luft.  Wenn du das hinbekommst, dann ist das richtig weit vorne. Dann geht der Betrachter auch mit.

Die Sache mit der inneren Bereitschaft, der inneren Einstellung

Fotografie – zumindest für mich – ist Neugierde mit einem Aufnahmewerkzeug, Fotografie ist mir Licht, Leben, Emotion. Fotografie bereichert mein Leben, meine Erfahrungen. Mit der Kamera halte ich die fest und mit Bildern kann ich das anderen mitteilen. Ich muss einfach. Bei dir mag das anders aussehen. Nur das mit der Neugierde, das ist … und wenn es ’nur’ wie bei Garry WINOGRAND auf ein ‘mich interessiert, wie das fotografiert aussieht’ hinausläuft.

Are you shooting for sale or soul ?

Mach es in erster Linie für dich. Die Jagd nach likes und followern ist albern. Wird schlagartig mainstream, hemmt die Kreativität und ausserdem hast du die nicht unter Kontrolle. Irgendwer findet es eh doof. Lass dich davon gar nicht erst runterziehen. Mach es für dich. Dein Ich, über das hast du Kontrolle. Das freut sich, wenn Sachen funktionieren. Das ignoriert dich nicht. Das übergeht dich nicht, wenn eine neue trendy Sau durch dieses Internet gehetzt wird und du immer noch auf dem treuen, alten Gaul unterwegs bist. Frische Sau wird erst als voll total geil abgefeiert, dann machen es alle wie die Lemminge nach, und damit ist es auch schon irgendwie langweilig. Weil es nichts eigenes ist. Es ist schon immer besser gewesen, Fehler selber zu machen, zu denen zu stehen und sich aus denen heraus weiterzuentwickeln, denn Lob einzuheimsen, das eigentlich dem gilt, auf dessen Schultern du gerade stehst. Dem das geklaut wurde. Klau, absolut kein Ding das, aber bleibe Du selbst. Mit dem Mob tröten und Farben verpanschen macht dich nur Teil eines trötenden, nach 0815-Rezept Farbe panschenden Mobs.

Be yourself.
I much prefer seeing something, even if it is clumsy, that doesn’t look like somebody else’s work.
– William KLEIN

Neugierde. Ein Leben lang.

Sei neugierig, bleib neugierig. Probier Sachen aus. Spiele. Freue dich, wenn etwas gelingt. Das ist von dir. Ganz allein. Läuft was schief oder nicht so, wie du dir das vorgestellt hast, geh der Sache auf den Grund. Es macht nur souveräner, wenn du dahintergestiegen bist. Kreativer sowieso. Mach dir Gedanken, wie du deine Gefühle angesichts der Situation da vor der Linse umsetzen kannst. Und du fühlst etwas, sonst würdest du da jetzt nicht vor stehen und durch den Sucher luschern.
Wenn du Bilder zeigen, deine Freude über eine Situation, eine Szene mitteilen möchtest, denk an den Betrachter. Der war nicht dabei. Der hat eh ein anderes Gefühlsleben und eine andere Erinnerungswelt. Der springt auf deine Fotografie an, wenn sie Sachen beinhaltet, die – meistens vom Begucker unbemerkt – triggern, die ihm helfen, das zu erkennen und vielleicht auch ein bisschen zu fühlen, was dir da ‘passiert’ ist. Nicht alle, aber mehr als bei der Geschichte mit dem Abendbrot um Sechs. Forsche nach, warum das so ist und was das ist. Neugierde. Irre spannend obendrein. Die Werbeindustrie macht mit diesen Fragen nach dem Wie und Warum horrende Umsätze. Die Marktschreier vulgo influencer auch. Achte mal bei denen mit den ganz vielen Lemmingen, wie das Setup und Drumrum, das ‘Studio’ aussieht. Und du glaubst an ‘Zufall’ ? Vergiss es. Da hinterzusteigen ist bei mir genauso von Neugierde getrieben, wie Licht ‘vor Ort’, wie etwas aus einem anderen Winkel aussieht, was passiert, wenn ich diese Linie nach da und hier vielleicht dieses und jenes vor dunkel oder hell, damit es sich besser abhebt …

Guck dir an, wie andere es gemacht haben. Vorzugsweise ‘die Grossen’. Bildbände, Museen, Galerien, Kinofilme. Puzzle dir das auseinander, statt nur drüberzuhuschen und umzublättern. Schreib deine Analysen dazu und eventuelle Ideen daraus auf. Mach ein Foto von dem Bild, das es dir angetan hat, drucke es aus und kleb es neben die Notizen. Klaue gnadenlos Ideen, also so ‘Grundideen’ und mach was draus. Es macht dich keinen Deut dümmer. Im Gegenteil. Kreativität helau.

Sei (und bleibe) offen für alles. Hab immer und überall den Mumm, was zu probieren. Routine ist gefährlich, weil ab einer gewissen Zeit ‘immer das Gleiche’ Sachen einfach nicht mehr wahrgenommen werden. Das ist zum Beispiel die Krux, wenn du in einem kleinen Kaff oder einer Kleinstadt wohnst. Irgendwann ist es immer dasselbe. Ist so zwar nicht richtig, deine Offenheit gegenüber den Dingen lässt einfach nach. Hockst du in einer Großstadt, fahr in ein anderes Viertel. Rockt. Ich kann richtig schicke Bilder oft auch erst wieder machen, wenn ich längere Zeit entweder fern der Stadt war oder mich zumindest ausserhalb des quartier vor der Haustür und um die Ecke rumgetrieben habe. Ist so. Ist kein Drama. Es kommt wieder. Die Katz hinter der Gardine am Fenster da drüben gesehen ? Siehste 😙 Und wenn du jetzt noch die Stöpsel aus den Ohren nimmst, bekommst du auch hinter dir die Raben mit, die sich um irgendwas kloppen. Und dass da vorne links was halbwegs Gewichtiges im Flur Richtung draussen gezerrt und geschoben wird. Mehr staunen. Mehr auf die kleinen und grossen Wunder dieser Welt einlassen. Open-minded, weiss der Engländer dazu. Avoir l’esprit ouvert. Das allein klingt schon nach valse Musette 😍

Geduld

Wer es eilig hat, droht alles zu verlieren. – Sprichwort aus Guinea
Wenn du es eilig hast, mache einen Umweg. – aus Japan

Bustür auf, alle raus und schnatternd an die Leitplanke, klick klick klick, alle schnatternd wieder rein, Bustür zu, erster Gang, Abfahrt. Um Sechs gibt es Abendbrot.

au Montmartre
au Montmartre


Geduld heisst Warten. Können. Geduld wohnt eine gewissen Neugierde inne. Geduld erlaubt es dir länger als du jemals gedacht hast, am visuellen Handwerk zu feilen. Jedenfalls deutlich länger, als Werbung und Kamerahersteller uns das glauben machen wollen, denn die nächsten Kollekte affenscharfen musstduhabenweisstdunurnochnicht Nachfolgemodelle lauern schon in den Rumorforen bei den Hein Techs, die sonst den ganzen Tag nichts zu tun haben.
« Geduld » im fotografischen mindset ist weniger das Beine-in-den-Bauch-stehen und rauchen, sondern das WIE des Wartens. Lass die Ohrhörer in der Tasche und das Telefon auf Klappe halten. Sei im Moment. ‘Wie’ du dieses Warten wahrnimmst, fühlst, empfindest, erlebst, das zählt jetzt. Nach was du guckst. Bis hin zum um das Objekt der Begierde tigern und Winkel suchen und gucken und das Licht und die Linien. Dieses « Sehen » schon wieder. Geil, oder ? Lass dir richtig Zeit. Lass das mit dem Zwang, jetzt sofort was finden zu müssen. Ist Psychokram : Die Kreativität, also das, was mit dem Objekt und den Dingen um das Objekt drumrum alles veranstaltet werden kann, diese Sachen kommen, wenn du selbst zur Ruhe kommst. Unser kreativer Part im Oberstübchen ‘kann nicht’, wenn du abgelenkt bist, an was ganz doll denkst und unter Strom stehst. Ist wie die Sache mit durch die Betten toben und übelst heftig an die Steuererklärung denken, damit das nicht schon wieder gleich alles vorbei ist. Na ? Hast das Bild ? Héhé … Wenn du eine feine Szene vorfindest, der ein feiner Moment für das Sahnehäubchen fehlt, warte. Lass die Gedanken laufen. Ohne einzupennen 😎 Sieh dich zwanglos um, ob du vielleicht zu weit weg oder zu nah dran bist, lass es wirken. Es werden sich Möglichkeiten ergeben. Neue Kombinationen, über die du ‘einfach so’ stolperst. Manchmal im wahrsten Sinne des Wortes. Ist das alles irgendwie ‘unpassend’ mach es solange passend, bis es passt. Improvisiere. Probier rum. Die Geschichte mit den Kontaktabzügen und ranarbeiten, schon vergessen ?

Geheimer Geheimtip für introvertierte Menschen und dieses « street »

Dieses rotzfrech auf Menschen draufhalten ist manchmal extrem schwierig. Für mich sowieso ; ich ‘kann’ das nur bei solchen, die ich einigermassen gut kenne. Sonst Essig. Rotzfrech draufhalten ist zudem meistens nervig, wegen der blöden Fragen und hasserfüllten Gesichter. Strasse ist aber alles andere, als aus der Hüfte oder mit dem ganz langen Rohr reinhalten. « Strasse » – besser : Öffentliches Leben – ist nah dran, mittendrin. Und Gesichter. Rücken sind albern. Selten eine Aussage.
Achtung, abgedroschen : f8 and be there. Und wenn du richtig reinwillst, Weitwinkel. Pass auf, geht folgendermassen : Weitwinkel kann ganz hervorragend Perspektive schaffen mit Linien und tollem Mittelgrund und zu vernachlässigendem Hintergrund. Liegt an der Konstruktion des Dingen und Bildwinkel und so. f8 and be there heisst nichts anderes, als Blende 8 und dann auf die Entfernung fix einstellen, in der voraussichtlich die action abgehen wird. Zonenfokus. Vordergrund- und Mittelgrundschärfe wird passen, nach hinten raus ist latte, das fällt wegen der Grössenabbildung eh unter den Tisch. Mittendrin statt nur Beobachter. Funktioniert am besten mit vollmechanischen Objektiven, weil die schwergänger sind und die Einstellung einfach mal da bleibt, wo sie geparkt wurde. Bei den meisten. Wenn der Fokusring locker flockig ‘so’ durchläuft, wird es Zeit entweder für den Service oder für eine Orderplazierung beim Höker des Vertrauens. Belichtung lass die schwarze Kiste machen, hast ja sowieso schon lange raus, was an Belichtungskorrektur muss, damit das was wird.
Nun positionierst dich an der ausgeguckten Stelle und wartest. Wenn viel los ist, geht das fixer, ist weniger los, hab einfach Geduld. Bau in aller Seelenruhe dein Bild auf. Die Seelenruhe ist wichtig, wenn das etwas belebter ist. Mach keinen Hehl aus deinem Vorhaben. Warte. Es wird etwas Gescheites passieren. Es wird jemand kommen. Wenn du hinter der langhaarigen Blondine da eben hinterher- und ‘zu langsam’ gewesen bist – es wird wieder eine kommen. War schon immer so. Du verpasst keine Gelegenheit. Du wartest auf die nächste. Licht und Schatten, Linien und Formen, Gesten. Hast du noch, oder ? Youpi. Farbe ist ein klein wenig vom Glücke abhängig, kann aber hier und da durchaus astrein vorbereitet werden. Halt die Augen auf. BE there – sei Im Moment, im Hier und Jetzt. Mit allen Sinnen.

So, nu der Trick : Du warst zuerst da und hantierst mit einer Kamera rum. *Die* laufen dir jetzt ins oder durchs Bild. *Die* haben jetzt ein schlechtes Gewissen. Wegen des Rein- und Durchlaufens. Wahrscheinlich werden sie sich peinlich berührt irgendwie entschuldigen wollen. Du hast den Spiess mit Ich-trau-mich-nicht umgedreht. Psycho. Funktioniert. Keine doofen Fragen, was du da treibst, keine zornigen Fressen. Geschmeidige Sache. Wenn du richtig hinterhältig, verwegen und fies bist, machst du das an Situationen, wo ein Ausweichen schwer möglich ist. Ätschibätsch. Lächle. Ehrlich und ungespielt. Das ist sowieso und immer entwaffnend.
Wenn du den Bildwinkel deines Weitwinkels im Dustern und aus jedem verrückten Winkel abschätzen kannst, dann halt einfach so rein. Bruce GILDEN, du, mit der Kamera in der einen und dem fiesiglichen Blitzdings in der anderen Hand 🥳 Mach den nicht nach, mach es anders. Die Lorbeeren von oben und fremde Schultern und so. GILDEN ist einzigartig. Den zu kopieren, das ist albern.


« Tagebuch »

Fang ein « Tagebuch » an. Ein anderes, als das Notizbuch, das du hoffentlich sowieso immer in der Tasche hast und alles frisst, was dir so über den Weg läuft. Das « Tagebuch » ist ‘extra’ und muss kein goldgewirktes Buch sein, ein ordentliches Notizheft / Notizbuch (die machen auch nicht hintenrum Druck, da täglich was reinschreiben zu ‘müssen’ … ) reicht vollkommen. Es. Ist. Nur. Und. Ausschliesslich. Für. Dich. Es hilft dir, eigene ’Schwächen’ erstens zu erkennen und dann, etwas daran zu tun und sie zumindest vom Grundsatz her zu überwinden.
Der Geheimtip eben hat seine Ursache schlussendlich nur darin, dass sich ein ‘Gefühl’ breitmacht, man würde aussehen und sich benehmen wie ein Depp oder Verbrecher oder mindestens Halunke, wenn ich jemanden nach einem Foto frage. Oder die Panik, ein ‘Auf gar keinen Fall’ zu kassieren oder bei einem überraschenden ‘Aber klar doch, nix los’ auf Schlag alles, aber auch wirklich alles vergessen zu haben und nur noch Schrott zu produzieren. Dem ist in den seltensten Fällen so. Es ist ein doofes mindset. Absoluter Quark, eigentlich. Allen Hasenmut zusammengenommen und ich staune auch jedes Mal wieder von Neuem, wie viele damit durchaus einverstanden sind, dass sie in einem meiner Bilder sind. Bei einem ‘Ja‘ kann ich auf Autopilot arbeiten, es ist alles ‘da’. https://haukefischer.fr/accueil/hirnaktivitat/#perzeptuelles_SehenPerzeptuelles Sehen nennt sich das dann. Halte solche Zwischenerfolge fest. Du wirst an Sicherheit im Auftreten gewinnen. Gerade in den heutigen Zeiten, in denen jeder sofort mit der bekloppten Anwaltsnummer fuchtelt, ist das förderlich. Heisse Luft und fotografieren ist immer noch erlaubt.

mon journal, le brave cœur

Wirklich Wichtig : Mach den Eintrag, bevor du deine Tagesausbeute Richtung Rechner schiebst. Es geht darum, vollkommen unbeeinflusst und ungeschönt den (fotografischen) Tag mit seinen Situationen und dem, was du da, wie du dich da gefühlt hast, revue passieren zu lassen und festzuhalten. Gib dir einen Ruck und versuche es. Ein paar Anregungen für den Einstieg :

  • War ich ‘präsent’, als ich fotografiert habe ?
  • War es eine Herausforderung, was ich fotografiert habe ?
  • War ich ‘ängstlich’ ? Habe ich das überwunden und wenn ja, wie ? Wenn nein, woran lag das ?
  • Was war der geilste Moment heute ? Und was der unglücklichste ?
  • Wie habe ich mich vor, während und nach dem Foto gefühlt ?
  • Was war das Einfachste heute ? Und was mit dem längsten und holperndsten Anlauf ?
  • Hab ich vor lauter Schiss irgendetwas komplett sein lassen ?
  • Irgendwann Hunger gehabt während des Fotografierens ? Sonstiges körperliches Unbehagen ?
  • Hab ich mir Blödsinn eingeredet ? Wann habe ich das letzte Mal davor von mir selbst solchen Plunder gehört ?
  • Habe ich mich zu sehr unter Stress gesetzt bei irgendwas ? Gab es da einen triftigen, vernünftigen Grund für ?
  • Habe ich mich insgeheim mit irgendwem beim Fotografieren verglichen ?

Alles weitere wird sich fügen, wenn du erst einmal im Fluss bist. Lass den negativen Kram zu. Red dich nicht raus, red nicht drumrum. Gegenanstänkern und Heulen bringt nichts, der Kram wird wieder hochkommen, den wirst du nicht loswerden. Aber feier die Momente, die so richtig, richtig gut waren. Hol die nach vorne, die machen, dass die kreativen Säfte in Wallung kommen. Die positiven Momenten lassen sich freudiger abrufen, die kommen ohne Fiesiglichkeiten daher.
Unterwegs wie in der Nachschau, sei im Moment. Das Vergangene ist gelaufen und lässt sich eh nicht ändern, die Zukunft kommt so oder so und keiner weiss, was die bringt. Wird gut oder wird doof. So what ? Warum sich jetzt den Kopf drüber machen. Sei im Hier und jetzt.

Ein schnelles Wörtchen zu « Perfektion »

Vergiss es. Die ist hinderlich, wenn du hinterherjagst. Die kommt von allein mit der Übung, dass die Bilder ‘besser’ werden. Ist so. Sinnlos, mir davon was zu erzählen. Die Sache mit der Geduld, Gelassenheit und ohne Druck. Zuckel lieber los und mach die Fingerübungen, die ich dir in « Zu einem Fotografen werden » ans Herz lege. Das bringt dich deutlich weiter, als auf Teufel komm raus ‘das geile Bild’ machen zu wollen. Dazu das Zitat weiter oben mit ‘Topfotografen zeigen nur und ausschliesslich die Topauswahl’. Da weiss heute kaum einer ausser dem Erschaffer selbst, wie lange das bis zu diesem Bild gedauert hat und wieviel Plunder davor produziert wurde. Und wenn das andere wissen, dann Siegel der Verschwiegenheit sonst Ohren ab und so. Hab lieber und immer den verflixten Hintergrund und die Ecken im Auge.


Södele, zurück auf Anfang :

Wenn die neue Kamera gerne in die Hand genommen und mitgeschleppt wird oder die neue Optik angeflanscht ist, dann ist das fein. Wenn du damit wieder öfter oder auch einfach nur mehr Bilder machst, dann ist das fein. Wenn dein mindset stimmt und du dich auf das konzentrierst, was sich da im Sucher tut, dann ist das fein. Wenn du das nachher auseinanderdröselst und analysierst und dran arbeitest, dann kommen da vielleicht tatsächlich bessere Bilder bei rum. Das ist dann richtig fein. So richtig, richtig fein.

Kamera und Optik sind und bleiben ein doofes, unwissendes Werkzeug. War schon so, wird so bleiben. Vorerst. AI on the horizon. Wird dann immer noch kein Verständnis von Licht und Schatten, Linien, Formen … und vor allem deinem mindset haben. Kein Stück.
Meinem einen ist nur wichig, dass das Ding Bilder aufzeichnet. Was das ist und was dahintersteckt, ist mir vollkommen schnurz. Ich habe mich damit auseinandergesetzt, kenne die Grenzen und Möglichkeiten und wie um ‘Unzulänglichkeiten’ drumrumgearbeitet werden kann und auf geht die wilde Pirsch. Sachen, die vielleicht tatsächlich unausführbar sein sollten, die sehe ich schlicht nicht. Ganz einfache Sache. Ich weiss, was ich da in der Hand habe.

Es geht alles mit der alten Mühle und vor allem geht das auch mit dem Telefon. Da kann Hein Tech noch so oft was fabulieren, zum ‘ernsthaften’ Fotografieren sei eine ‘echte, grosse, möglichst Vollkasperformatkamera erforderlich’. Telefon befreit vom Technikgelump, mit dem Telefon kann ich ohne diese Erweiterung des Entscheidungshorizonts welche Brennweite und Zeiten- und Blendengeschnatter sofort auf Komposition und Hauptobjekt Acht geben. Darst dich fühlen, wie William EGGLESTON – bei dessen Bildern ist alles von vorne bis hinten scharf und dennoch steigst du beim Angucken quasi umgehend dahinter, um was es ihm geht, was ihm wichtig war. Denk drüber nach. Hein legt mit seiner überlegenen Ansage nur sonnenklar und unmissverständlich auf dem Tisch des Hauses dar, dass er keine Ahnung von dem hat, was er da eigentlich tut. Gar keine. Blende aufrupfen kann jeder, da braucht es keine Kenntnisse oder Überlegungen. Ach ja Hein, ist dir eigentlich bekannt, dass mit Verschlusszeiten Emotionen ausgedrückt werden können ? Bitte ? Immer noch um nichts gekümmert ?… Au weia 🥴

Denke aus Sicht des unbeteiligten Betrachters. Wenn der über ein Bild von dir sagt « Tolles Auge ! », dann meint der damit eigentlich, dass deine Art des (Nach-)Denkens über das, was du siehst und wie du es präsentiert hast, toll ist. Was will man mehr ? 🤩

Photography is not a technical pursuit ; it is an aesthetic pursuit achieved by technical means.
– David duChemin


Wo der Spruch ganz oben herkommt ? Stephen KING, Pet Sematary, letzte Seite, bevor mit der kalten Hand auf der Schulter und der sandigen Stimme « Schatz » gesagt wird.
Ich mag auch keine Clowns. Clowns sind fürchterlich.




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