
Es ist in den Foren und eigentlich überall in diesem Internet festzustellen : « Hübsche » Bilder sind die, nach denen gegiert wird, (technische) Reinheit über alles, Niedlichkeit. Zeigt jemand etwas davon abweichendes, geht der Kleinkrieg mit Schlechtmachen und und und los.
Das fühlt sich unbequem an, das darf nicht sein, das ist mies. Mit Füssen und Krallen wird sich gewehrt. Dabei ist es genau das, was Fotografie in ihrem (ernstzunehmenden) Kern ausmacht : Fragen aufwerfen, statt simpel einfach billig die Antwort direkt mitzuliefern. Dieses über das Offensichtliche hinaus, über den Tellerrand schauen zu können, das scheint inakzeptabel, heutzutage. Unerwünscht. Störenfried.
This Species has Amused Itself to Death
Es ist eine eigentümliche Krankheit, die die Fotografie befallen hat. Es ist eine Art visuelles Botox. Man erkennt sie umgehend : das perfekt diffus gesetzte Licht, das exakt zentrierte Motiv, die « cineastische » Farbaufmachung, die da nur laut verkündet « Ich habe ein YouTube-Tutorial über Türkis-Orange geguckt ». Technisch ist zweifelsohne alles korrekt. Und doch wirkt es so lebendig wie ein ausgestopfter Vogel – irgendwie schön, sicher, aber unbestreitbar tot.
Wir haben einen Punkt erreicht, an dem jeder « weiss », wie man ein schönes Bild erzeugt : gutes Licht, Symmetrie, eine gefällige Farbkorrektur. Doch in diesem « Wissen » – vielmehr der schlichten Übernahme, Kopie – ist Schönheit zur Tapete geworden. Sie fügt sich ein. Man scrollt an ihr vorbei wie an einem perfekt inszenierten Café. Geschmackvolle Fliesen, und doch keine Seele. Du machst die Tür zur Unterkunft im tiefsten Patagonien auf und findest dich mysteriöserweise im Reihenhaus in Wanne-Eickel wieder, die gleiche Einrichtung. IKEA-Katalog und ach so « individuell ».
Der Unterschied zwischen einem « schönen » Foto und einem erinnerungswürdigen liegt nicht in Tonwerten oder Schärfe, sondern in der Geschichte, die es erzählt oder die der Betrachter sich dazu ausdenken kann darf soll. Und diese Geschichte beginnt meist dort, wo Perfektion endet. Und sie geht über das rein Abgebildete hinaus.
Die Pest der « hübschen » (Populär)Fotografie
Die heutige Fotografie leidet an einer Überdosis Ästhetik ; ein terminaler Fall von Stil über Substanz. Irgendwann als die Betreiber der « social media »-Plattformen gierig geworden sind und festgestellt haben, wie willig die Abhängigen nach der Flöte der Algorithmen zum Zwecke der Werbeverramscherei tanzen, haben wir aufgehört, Fotografien zu machen und angefangen, sie zu designen. Das Zeitalter der Filter, Presets und Tutorials hat die Fotografie in eine Form visuellen Konsumismus verwandelt, einen Wettlauf, das Banale so lange zu polieren, bis es speckig glänzt.
Instagram und dieses Waten durch einen endlosen Schlammstrom « schöner » Nichtigkeiten. Goldenes Licht auf Backstein, eine Frau mit Kaffee in Unschärfe absaufend, « wohldosierte » Melancholie im perfekten Bildausschnitt. Technisch makellos und das ist das Problem. Diese Bilder sind (nur und ausschliesslich) darauf angelegt zu gefallen, dopaminerge ‘like’ zu sammeln. Sie sind für Engagement gebaut, nicht für Dauer. « Content ». Seichtes Fahrstuhlmusikgeplätscher statt Oper. Bloss nicht länger als unbedingt erforderlich mit belästigt werden.
Ästhetik ist zum Ersatz für Bedeutung geworden, eine lose konstruierte Prothese für Vorstellungskraft. Wir verwechseln « gut aussehend » mit « gut », als könne Schönheit allein das moralische Gewicht einer Geschichte tragen. Doch Schönheit ohne Spannung, ohne Widerspruch, bleibt hohl. Sie ist wie Zuckerguss ohne Kuchen – ein schneller, kurzer Genuss ohne bleibende Wirkung.
FrüherTM hatte Schönheit Kontext. Sie war Nebenprodukt von Wahrheit, nicht Produkt an sich. Heute simulieren wir Aufrichtigkeit mit Filtern. Wir stilisieren Armut, Tragödie, Liebe und Einsamkeit in verdauliche Ästhetik, leicht konsumierbar, aber wenn überhaupt nur schwer fühlbar.
Wir sind besessen davon, professionell zu wirken, statt wahrnehmungsfähig zu sein. Das Foto ist kein Zeugnis des Sehens mehr, sondern Beweis von Markenidentität. Wenn jedoch alles schön ist, ist nichts mehr bemerkenswert.
Die besten Fotografien, also jene, die verfolgen, verwunden und atmen, die handelten nie primär von Schönheit. Sie handel(te)n von Wahrheit. Wahrheit ist selten schmeichelhaft. Sie ist schief, unberechenbar, unbequem. Und sie bleibt.
Bilder und die Kunst des Erzählens
Zwischen dem Dopaminschub der Likes und dem Verlust der Geduld geriet das Erzählen aus der Mode. Die moderne Fotografie fragt nicht mehr « Was sagt dieses Bild ? » sondern « Wird es performen ? ».
Das Folgen einer Erzählung aber verlangt Zeit, Empathie, Aufmerksamkeit. Sie passt weder in ein quadratisches Raster noch ein sieben Sekunden langes reel. Wir haben das Narrativ gegen (billige) Effekthascherei eingetauscht, Emotion gegen Reichweite, Aufrichtigkeit gegen sogenannten Stil. Und bemerken es kaum noch. Die digitale Gegenwart belohnt nur Unmittelbarkeit und bestraft jegliche Nuance. Alles, was Kontemplation fordert, wirkt wie eine Zumutung. Ist Sand im Getriebe. Deutlich zu viele « Fotografen » (eher « content creators », « Fotografie » ist etwas anderes …) jagen einem Algorithmus nach, statt der, « ihrer » Wahrheit. Geschichten konkurrieren nun einmal schlecht mit dem endlosen Scrollen. Geschichten verlangen Innehalten, Verweilen. Verweilen ist unprofitabel. Die Kamera, einst Instrument der Erkenntnis, ist zum Accessoire der Identität gemacht geworden. Wir kuratieren uns die Welt, statt sie zu erforschen. Kohärenz über Erkenntnis ; dabei ist gerade der Widerspruch an sich (ein erheblicher) Teil des Lebens.
Das erzählerische Bild war stets mehr als nur ein Dokument, es war eine offene Konfrontation hinter der reinen Abbildung.
Als Lewis Wickes HINES die Stahlgerüste des Empire State Buildings hochgeturnt ist, dokumentierte er keine « Ästhetik », sondern Würde und Arbeit.
Als Dorothea LANGE während der Großen Depression « Migrant Mother » fotografiert hat, wurde ein einzelnes Bild zum Spiegel einer Nation.
Nachdem Nick UT das « Napalm Girl » fotografierte erschütterte dieses Bild die moralische Fassade eines Krieges.
Gordon PARKS machte Ungerechtigkeit sichtbar ohne sie zu ästhetisieren.
Diese Fotografien waren kulturelle Interventionen. Sie offenbarten. Ein erzählerisches Bild lebt nicht von Hashtags oder diesem « viral gehen ». Ein gutes erzählerisches Bild lebt im kollektiven Gedächtnis. Es wird Teil dessen, wie Geschichte gefühlt wurde und wird. Erzählen beginnt keineswegs erst mit der Kamera, sondern lange vorher mit Neugier. Nicht das nur das Sehen, sondern vor allem das Beobachten macht den Unterschied. Oft auch ausdauernde Hartnäckigkeit, am Ball zu bleiben.
Frage dich nur einmal « Warum dieser Mensch ? », « Warum dieser Moment ? », « Warum hier ? ». Wenn du darauf keine Antwort hast, dann reagierst du nur. « Erzählen », das geht anders.
Ein wirklich gutes Porträt schmeichelt nicht ; es offenbart.
Dieses « street » wartet weder auf eine perfekte Inszenierung noch ist es ein Laufsteg, sondern zeigt das Flüstern im Alltäglichen. Inklusive der Umgebung.
Licht, Farbe und Form dienen der Emotion und sind damit soviel mehr, als blosse, ich möchte sagen « billige » Dekoration.
Gute Erzähler – ob mit Stift oder einer Kamera – wissen : Was außerhalb des Sichtbaren, ausserhalb des Rahmens liegt, ist ebenso bedeutend wie das, was innerhalb sichtbar ist. Sie ließen und lassen Raum für Implikation. Genau hier wird der Leser, ein Betrachter gefesselt, gebunden, bleibt bei der Stange, taucht ein. Manchmal auch ab.
Perfektion schafft vermeintliche Sicherheit und geht in deren Langeweile unter. « Vollständige Kontrolle » erstickt jegliche Spontaneität im Keim. Ein « punctum » ist dieser fesselnde Teil eines Bildes für jeden Betrachter und kein « flaw » im auf Makellosigkeit getrimmten Algorithmus einer KI. Die kann heute « perfekte » Bilder erzeugen. Wer allerdings genauer hinzuschauen wagt, dem fehlt der Atem des Wirklichen. Das unscharfe, schiefe, unvollkommene Bild trägt oft mehr Wahrheit als tausend technisch perfekte Aufnahmen. Nicht die Schönheit wird gestorben, sondern ihr Monopol auf Bedeutung. « Fehler » sind (wichtiger und wesentlicher) Teil sowohl des Prozesses als auch des Vokabulars der visuellen Kommunikation. Ein verfehlter Fokus kann mehr Gefühl transportieren als perfekte Schärfe. Das bei allzu vielen gefürchtete Rauschen geht emotional stärker zur Sache, als glattgebügeltes Einerlei. Nimm – und vor allem lass – Dir die Zeit, das zu ergründen, zu verstehen und zuzulassen. Fotografie ist kein Sprint. Fotografie, das ist eine Lebensaufgabe des Beobachtens. Des Sehens. Des Fühlens. Ein tatsächlicher Fotograf definiert sich nicht über technische Virtuosität, sondern über emotionale Bildung. Empathie lässt sich nicht kaufen.
Wir ersticken in Bildern und doch bleiben nur ganz wenige haften. Nicht weil sie « schöner » sind, sondern weil sie menschlich sind. Ehrlich.
Vergiss « Relevanz ». « Resonanz » ist das, was wirklich zählt. Giere nicht danach, gesehen zu werden, sondern danach, zu sehen. Das Vermächtnis eines Fotografen bemisst sich vor allem daran, wie tief seine Bilder etwas fühlen ließen und lassen. Jede Fotografie ist der Versuch einer Antwort auf eine Frage, ein Versuch, die Welt zu begreifen, bevor sie vergeht. Das ästhetische Bild will bewundert werden. Das erzählerische Bild will verstanden werden.
Es liegt an Dir. Und unterschätze keinesfalls die Wirkung des Hintergrunds.