
« Das Leben ist wie eine Kamera. Konzentriere dich einfach auf das Wesentliche und halte die guten Zeiten fest, entwickle aus den Negativen und wenn es nicht klappt, mach einfach noch eine Aufnahme. »
– Arno Nym
Das Leben ist nicht wie eine Kamera. So etwas zu statuieren ist für mich ein Zeichen mangelnder Erfahrung, fotografisch wie auch vom Leben. Im Leben gibt es – hoffentlich seltene – Zeiten, die sind so zappenduster, lethargisch, bleiern, schwer, scheinbar unbezwingbar, so ohne Licht, dass ein Foto zu machen schlicht nicht möglich ist, selbst, wenn man denn wollte. Das Negativ weg, schnell was Neues, neue Person, neues Leben. Wahrscheinlich ist die in den Foren allgegenwärtige Komplettausrüstungwechselwut ein Zeichen für solch düstere Zeiten. Da haben ja viele auch offenbar mehrere Leben.
Nein, das Leben ist nicht wie eine Kamera. Das Leben ist komplexer, als immer wieder neueste Technik für Freistellungsgeschwafel und Pixelschubsen-RAW-ist-ein-Muss-noch-ein-Bildchen-klick .

In dem Zitat resoniert aber eine Idee, die mit « dem Wesentlichen » zu tun hat. Ich bin der festen Überzeugung, dass die Fähigkeiten, die man braucht, ein aufmerksamer Fotograf zu werden und zu sein, mit zu den Fähigkeiten gezählt werden können, die auch ein ‘gutes’ Leben ausmachen.
Für mich ist dies insbesondere ein Bewusstsein für Momente zu entwickeln. Nicht (nur) die grossen WOW-Ereignisse, sondern primär für die kleinen Details. Ein Bewusstsein für die Feinheiten, die von allzu vielen kaum wahrgenommen oder meistens einfach übersehen werden. Denn es sind in der Fotografie wie im Leben diese ‘kleinen’ Dinge, die Bild und Dasein ihre besonderen Nuancen verleihen. Mehr Feinmechanikerwerkzeug statt Vorschlaghammer.
« Man lebt sein Leben so, wie man den Moment lebt » – wenn da auch nur ein bisschen was dran ist, dann hat der, der gelernt hat, die Kleinigkeiten freudig wahrzunehmen, ein ’besseres’, ‘erfüllteres’, ‘befriedigenderes’, ‘abwechselungsreicheres’ Dasein. Wann der Sensenfritze Interesse an uns hegt, das liegt ausserhalb unserer Macht (okay, ohne schädigenden Quatsch wird es wahrscheinlich den ein und anderen Tag länger … ). Wir können aber ganz bewusst die Entscheidung dafür treffen, mehr mitzubekommen, diszipliniert dem Ganzen eine ‘grössere Tiefe’ zu verpassen. Und so etwas geht mit einer Kamera. Wer sich auf das Ding voll und ganz einlässt, der bekommt die Gelegenheit und den Raum, Momente festzuhalten und sich beim Angucken wieder an die Situation mit allen Gefühlsduseleien zu erinnern, was sonst vielleicht verblasst, sich auflöst, verschwindet. Wer sich auf das Ding ‘Fotografie’ einlässt, der kann seine Sensibilität für vergehende Zeit schärfen, sie gar verlangsamen. Wer sich auf die Kamera einlässt, der stellt fest, dass sie uns die Freiheit gibt, uns wundern zu können und zu dürfen bei dem, was das Endprodukt ist.

Fotografen (Fotografen – Kamerabesitzer eher seltener) verinnerlichen mit der Zeit das Wunder der Perspektive. Dass fast alles innerhalb des (Sucher-)Rahmens bei einem Perspektivwechsel anders aussieht. Eine Bewegung, und wenn es eine kleine ist, nach rechts oder links, hoch oder runter steuert, wie sich die Elemente im Rahmen (= im Bild) zueinander verhalten. Häufig ändert sich das dramatisch, wenn wir den Winkel ändern, aus dem wir Dinge vor der Linse betrachten. Ob nun eine andere Optik oder ein Filter und schon wieder eine Änderung, wieder etwas Neues. Der Fotograf mit Erfahrung hat verstanden, dass Vision nicht nur das ist, was er sieht, sondern vor allem, wie er sieht. Das gilt immer, ob nun mit Kamera oder ohne. Schon damit ist das Leben nicht wie eine Kamera. Das Thema, dieses ‘Wie’ des Sehens, das ist das Leben.
Wie wir das Leben sehen und erleben hängt stark davon ab, wo wir die Kamera aufbauen und welche Perspektive wir damit einnehmen. *Das* zu verstehen trägt viel dazu bei, ein interessantes Foto zu machen. Ganz zu schweigen davon, ein interessantes Leben zu haben. Dazu dann noch die Fähigkeit des eigenen Denkens und der damit verbundenen Perspektivwechsel …
Denn ‘interessant’, da ist Interesse, Neugier, Spieltrieb mit bei. Wie in der Kindheit. So viel zu erleben und zu entdecken, zu machen, auszuprobieren. Ich weiss kaum noch recht, wie mein Leben ohne Kamera gewesen ist. Gut, geschummelt ; ich weiss sehr wohl eine ganze Menge, aber halt ‘anders’ und nur in der Erinnerung. Aber ich weiss, dass mein 14-jähriges Ich Welt und Leben deutlich anders mitbekommen hat, als das Ich heute morgen am Fjord.
Mit fiesiglichem Ostwind belebend im Gesicht und geguckt auf das gleichzeitige Vorhandensein von blei- und stahlgrau zu hellblau links und auf dem Wasser sowie rosa orange gelblich rechts, während sich die Sonne über den Horizont hievt und vorsichtig anfängt, erste, noch schüchterne Strahlen über das Land zu schieben. Auf der schräg gegenüberliegenden Seite hängt chancenlos noch etwas Nebel klamm tastend bläulich-bleich im Steilufer. Gedämpft gleichmässig wummernd stampft ein Frachter in kontrastierend rot gegen Wind und Welle der offenen See entgegen. Frische, kühle Luft in die Lungen und 90mm, ISO 800, f6.3, 1/200, klick. Über mir kreischende Möwen mit orange getünchten Bäuchen und mit der aufgeregten Luft spielende Rabenkrähen, denen Kelvinwerte vollkommen schnurz sind. Im Rücken keuchend ein Läufer mit schwerem Tritt. Nach Moschuszitrusdusche riechend, ich werde es wohl nie verstehen. Etwas weiter hinten verwandeln kleinere Flatterviecher mit Imponier- und Verteidigungsgehabe das Gehölz in eine lärmende Reklametafel. Von irgendwo weht eine Kirchturmuhr sechs Schläge heran. Ein Sonnenstrahl kitzelt frech im Auge und ich muss blinzeln.

Ein Fotograf achtet darauf, wie viel Licht vorhanden ist, aus welcher Richtung es kommt und entwickelt ein Gespür für dessen Qualität. Wie es ist – kühl, warm, hart, weich, irgendwas dazwischen. Mit der Zeit lernt und begreift er, Schatten zu schätzen und sie begeistert als Quelle eines Mysteriums zu erkennen, denn als Abwesenheit von Licht, und bewusst für seine Komposition zu nutzen. In Fotografien werden Emotionen und ‘echte’ Gefühle oft mit einem Weniger an Licht erreicht ; auch Farben werden gesättigter und intensiver, wird knapp unterbelichtet. (Wie war das gleich bei der Studioarbeit ? « Bau dein Licht für die Schatten ». Da ist eine Menge dran. Alleine von oben wegzuhalten ist schon eine ganz andere, eigene Welt. Und 0815 Mainstream rummsfrontal ist halt einfach nur langweilig. Hell, aber öde.)
Für mich ist ein ‘gut gelebtes Leben’ derzeit am ehesten eines, in dem ich Licht an unerwarteten Orten finde und lange genug in die Schatten schauen kann, um Rätsel zu finden und zu träumen.
Fotografen arbeiten mit Licht, Raum und Zeit. Das sind die Ingredienzien, und wir benützen eine Kamera, um daraus ein Bild zu machen. Zeichner Stifte, Maler Pinsel und Farbe, Schreiberlinge einen Stift oder eine Tastatur. Aber einmal die ordentliche Handhabung gelernt liegt unser grösstes Geschenk abseits des Werkzeugs : Das, was vor unseren Augen ist, vollständiger, umfassender zu erfahren und wahrzunehmen und es mit grösserer, gewachsener Kreativität umzusetzen. Sich der Zeit und der Momente in unserem Leben bewusst zu sein. Eher weniger, um mehr davon heraufzubeschwören, sondern die Momente tiefer und intensiver zu erleben. ‘Lichtempfindlicher’ werden, das volle Spektrum erkennen und in den Schatten etwas Schickes finden.
Was die Fotografie nicht kann und auch nie können wird, ist, uns zu ermutigen, eine weitere Aufnahme zu machen, « wenn es nicht klappt » ; wir können nicht ‘die Vergangenheit’ fotografieren (da sind die Zeichner und Maler und Schreiber im Vorteil – die holen sich das aus der Erinnerung zurück). Eine Sensibilität für Zeit und die einzigartige Qualität von Momenten, die sich nie wiederholen werden, kann und wird dem erfolgreich entgegentreten. Diese Sensibilität fordert uns auf, drängt die ‘Eingefleischten’ geradezu, es jetzt zu tun. Solange wir können. Den Auslöser drücken, den Moment nutzen. Wir könnten ihn verpassen und werden es, wenn wir uns mit Schnickschnack wie chimping und Technikmist – ‘schnell gucken, ob es was geworden ist’ und ‘welche Optik nehm ich jetzt eigentlich lieber ?’ – vertüddeln. Es kann ‘süchtig’ machen. Es muss keinesfalls auf Teufel komm raus ‘alles’ fotografiert werden, solange wir die Augen auf haben (wobei es mächtig hilfreich ist, die Angst vor der ‘mangelnden Bildqualität’ des Telefons zu überwinden und einfach mit dem Ding Situationen festzuhalten – diese ‘Bildqualität’ ist was für Hein Tech und seine Zombielemminge – mir ist eine ordentliche Fotografie mit dem Telefon gemacht allemal lieber, als superduperblingbling BuntischreilauterdynmaicrangeaufAnschlag und nur Datenmüll. Aber cleane Pixelchen. Tja. Keine Ahnung, aber wichtig wichtig einen auf ‘Könner’ machen. Geh einfach nur weg, aber zackig.)
Erst recht kann die Öffentlichkeit im tiefsten Duster darüber bleiben mit dem, was wir so mit der Kamera zusammengeklickt haben (by the way : Das ist ein Grund, warum Garry WINOGRAND so viele unentwickelte Filme hinterlassen hat – ihm ‘reichte’ das Wissen, einen Moment gesehen und dann auch erwischt zu haben. Nicht mehr, nicht weniger.). Aber dieses ‘im Moment, im Augenblick sein’, das ist eine absolut schicke Geschichte. Die Zeit, damit anzufangen, die ist original jetzt 😉 . Ab und zu ist es doch fein, etwas zu zeigen. Bilder, die zeigen, wie es sich anfühlt, in dieser Welt zu leben 🙂 .

Momente sind selten wiederholbar. Vielleicht noch der Moment, in dem der Mond wie ein silberner Splitter unter einer schweren Wolkendecke über Hernandez, New Mexico, aufgeht (Ansel ADAMS, 1941), in keinem Fall der Moment, in dem ein Mann mit Hut über eine Pfütze hinter dem Gare Saint-Lazare springt (Henri CARTIER-BRESSON, 1930), und auch kaum der Moment, in dem du jetzt bist. Geniesse ihn, nimm ihn wahr, sei in ihm mit allen Sinnen. Guck hin, sieh genauer hin. Beobachte. Beschreibe. So umfassend und präzise wie möglich. Zeichner gucken ganz genau hin und selbst in ‘schnellen Skizzen’ finden sich meistens erstaunlich viele Details. Maler machen das auch. Und die ‘Abstrakten’, die haben wirklich so richtig genau hingeschaut, bevor sie es auf das absolut Wesentliche reduzieren konnten. Beschäftige dich mit Picasso, dann wirst du rauskriegen, wie das gemeint ist. Schreiberlinge gebrauchen Verben, Verben, Verben, um Gefühle aus Situationen rauszukitzeln. Und Adjektive. Behörden nicht. Deshalb sind die Schreiben auch immer alle so doof. Übe das Sehen. Und das Beschreiben. Wenn du dich intensiv mit etwas auseinandersetzt und hier und da was probierst und spielst, dann wirst du davon keineswegs dümmer, sondern schlauer, kreativer und lebst intensiver. Ist so. Ich hab das durch und geniesse es. Wahrscheinlich hätte es dafür keiner Kamera bedurft, aber das Ding hat mächtig dabei geholfen. Oder möchtest du tatsächlich ernsthaft meine Zeichnungen und Skizzen sehen ? 😉
Das Leben ist nicht wie eine Kamera. Das Leben ist so viel mehr. Aber die Kamera kann dir ein reicheres Leben schenken, wenn du Willens bist, dich auf Fotografie abseits der blöden Technik einzulassen. Und sieh auf die kleinen Details.
Photography is not about photography, it is about everything else.
– Sam GARCIA
Ist so.