
Fotografie heute dreht sich nur noch um Spezifikationen. Egal, wie du es drehst und wendest, nahezu alle Gespräche mit Kamerabesitzern, online, Youtube und erst recht in den Foren – specs specs specs. Wichtig wichtig dynamic range, AF-Geschwindigkeit und Pickelreinheit der Optiken, wenn die auf eine Backsteinwand oder einen Gartenzwerg gerichtet ist. Mein all-time Brüller ist der unausrottbare Mythos der « Farbwissenschaft » 🤪 Wenn du über das Gefühl sprichst oder schreibst, das dir die Kamera beim fotografieren vermittelt, bist du bestenfalls gestrig. Recht flott allerdings überheblich, ohne Emphatie, besserwisserisch und was weiss ich nicht noch alles.
Crappy Kids at Retina Resolution
Dynamikumfang, AF, klinische reine, rasiermesserscharfe Pickel – das sind also die Fragen, die wir uns heute stellen und dabei offenbar allzu oft vergessen haben, was den Spass an der Fotografie eigentlich einmal ausgemacht hat, was die schwarze Kiste an Gefühlen ausgelöst hat, als man sich noch darüber unterhalten hat, warum und wie eine Fotografie gemacht wurde. Was uns veranlasst hat, ein Bild zu machen. Fotografie ist Spezifikation und irre dolle Features, da gibt es keinen Ausweg mehr.

Aber die kleinen Geräte gerade vor mir, die haben ein Feature, die können was, das kann keine andere mir bekannte Kamera. Und dieses beste feature ever, das die Dinger haben, das bin ICH.
Fotografie per se ist eine Menge und es ist total einfach – vom Telefon bis zu professioneller DSLR Spiegellose und dem irren Haufen dazwischen ; ein ‘ordentliches’ Bild zu machen ist kein Geheimnis. Autofokus hat die Sache grundlegend verändert, Rechentechnik in immer mehr Kisten macht, dass jeder Bilder machen kann. Gelaufen die Zeiten des mühe- und oft auch qualvollen Erlernen des Instruments, weit weniger frustrierend als Zeichnen oder gar Skulpturen meisseln giessen schnitzen. ‘Vorbei’ offenbar die Zeiten, wo viel Mühe, Schweiss, Wut, Verzweiflung, in die Ecke pfeffern, heulen, aufstampfen, wiederholen dazu beigetragen haben, dass es besser wird, dass mehr Fertigkeiten und Feinheiten erlernt, geübt und bekannt waren. Bei Instrumenten, mit Stift und Pinsel oder Stein und Meissel und Hammer, Holz und Stechbeitel und Schleifblock, Ton und den Füssen und Händen ist das noch immer so und je mehr man macht und forscht und probiert, desto kreativer und ‘perfekter’ wird es werden. Stolz über das Geschaffene macht sich breit, Zufriedenheit. Es kristallisiert sich eine bestimmte Darstellungsweise, eine Spiel- und Interpretationsweise heraus, eine Sicht auf die Welt und ein persönlicher Umgang mit und Respekt vor ihr.

Kamerabesitzer sind da anders, die pfeifen auf derart archaische Verhaltensmuster. Die feiern die Hersteller und deren Programmierer für Algorithmen und was die Prozessoren können und wie sich diese und jene Linse macht, wenn sie auf die Backsteinwand geworf gehalten wird. Oder auf den schwebenden Geier. Oder auf das Antlitz der wundervoll angemalt daherwandelnden Gertrud. Fotografie ist Spezifikationsquartett. « 21 EV range 10 Stufen IBIS 1500 AF points Blende Null 75 ISO eine Milljohn ! … STICCCHT ! »
Fotografie wurde in Grund und Boden getreten. Zu einem Punkt zurück, dass Hein Tech mit der dollsten, dicksten, schnellsten, geilsten Mühle im Rucksack nurmehr ein – von ihm so gerne herablassend belächelter – Point-and-Shoot Knipser ist. Denn das fette Oberding « kann aaaa lles, lehn dich zurück und entspanne. Kumma : Reinhalten, auslösen, fertig. Kannst selbst du. Boah ! Kumma, die Faaaaben, geilogeilo schubberschubber ».
Stell die Schnappatmung ein, die technischen Möglichkeiten und ‘Errungenschaften’ sind irre und viele auch absolut hilfreich, keine Diskussion. Nur haben wir uns so weit und fast schon mit Absicht davon entfernt, was Fotografie für uns einmal gewesen ist, was einmal für jeden der Grund war, damit anzufangen. Die Liebe zu den Bildern, die Liebe zum Vorgang als solchem, etwas zu erhaschen, einzufangen und die kleine angenehme Freude, wenn wir das, was wir im Fokus hatten, auch so erwischt hatten, wie gewollt. Dafür wurde viel geübt. Die Jahre an Erfahrung, die in diese einzelne Fotografie zu einem Ganzen zusammengekommen sind, auf dass man zu Recht darauf stolz sein durfte. Dieser Hormon- und Opioidpeptidcocktail namens ‘Gefühl’.

Fotografie ist nur noch Spezifikationen und Features. Das kann nicht mehr ignoriert werden. Darf es auch nicht, wenn du in den Augen der anderen Kamerabesitzer als « Könner » angesehen werden möchtest. Deine Ausrüstung spielt eine ganz doll wichtige Rolle dabei, ob es nun die ‘Limitationen’ der schnieken Lady aus Wetzlar sind oder das mit Funktionen und ellenlangen Flattermenüs überfrachtete, aber für jeeeeden Einsatz gerüstete Blingblingdingen vom Chinamann ist. Features sagen jedem sooooo fort, ob und was du kannst oder halt nur ein schlappes Lächeln verdienst – « Mit der M loszuziehen ist halt irgendwo ein bißchen wie Mandalas ausmalen ». 🤣 Pauv’e con !
Fotografie ist nur noch Spezifikation und Features und seit Neuestem diese Filmsimulation und jener Name eines 35mm-Films, diese und jene bodies oder wasauchimmer. Der aktuell gaaanz irre heisse shit vergleicht bis an die Zähne bewaffnet Leica und Panasonic mit den Fujisystemen von 2017 bis 2023. Ich habe ja schon viel Quatsch gehört und gelesen, aber es gibt immer noch ein Maraskakirschchen obendraufgepappt.
Fotografie ist auf ein « Was sagt meine Kamera mit ihren Pfeifen und Flötchen über mich aus » eingestampft, oder wie sollen sonst die nahezu kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Sony und Canonenlager gedeutet werden können ?, statt ein « was kann ich mit dem Ding an Bildern veranstalten » in den Fokus zu nehmen. Und gipfelt dann in « Mit der M geht es weniger ums Ergebnis, dafür habe ich ein anderes System. Aber der Weg dahin ist mit der M entspannend und es fühlt sich mehr so an, als hätte man sich was erarbeitet », was für meinen einen nach dem Geschwurbel von ChatGPT klingt denn nach denkendem und verständigem Menschen. Was denn sonst, als ein ‘Ergebnis’, ist denn eigentlich – bei klarem Verstande – Ziel des Ganzen ? Specs specs specs … Fragt man sich glatt, wie AVEDON, CARTIER-BRESSON, KERTESZ, Gene SMITH, PARKS und MORIYAMA und wie sie alle heissen überhaupt so grossartige Arbeiten hinbekommen konnten, so ganz ohne IBIS und Mörder-AF und 0.95er Optiken und dieses Lightroom und extensives Farbgeschiebe und -getausche und hastenichtgesehen. Hein Tech dreht sich beschämt um und macht den schwarzen Kasten für Miseren verantwortlich, weil er seine Machwerke nicht so hinbekommt, wie Joe Dummbo auf diesem irren Youtube-Kanal, wo er doch geeenau die gleiche Ausrüstung hat wie der in dem clip, wenn nicht sogar noch doller und besser. Und überhaupt macht diese finstere 2.0-Linse nur Schrott. Das Ding bekommt einfach nicht hin, was ich wollte ! Tand !

Fotografie ist so von wichtigen Spezifikationen beherrscht, dass du nur ein mitleiderfülltes « dafür ganz okay » bekommst, wenn wer rauskriegt, dass da eine Chinalinse an dem Gehäuse gesessen hat. Aber wenn du was von « Noctilux » murmelst, alle so: « Leica hat es wieder einmal bewiesen ! Was für ein irres Stück Glas, du bewundernswerter Held, der du dir das leisten kannst, was grossartige Optik, welch bildnerisches Wunderwerk ! ». Fotografie heute ist ein « womit ist das Bild gemacht » denn ein Warum eigentlich was aufgenommen wurde. Dieses « Womit » ist wesentlicher, als das Warum und wie du in Postiion gewesen bist und wie du da rangekommen bist und wie sich das angefühlt hat, wie du dich an *das* Bild rangetastet hast. Dieses « Womit » ist bedeutsamer, als die Freude an der Kunst selbst. Es geht ausschliesslich um Features.
Hein Tech konstatiert, dass « sich manche herausfordernde Situation mit einer M systembedingt sehr viel schwerer (zB Motive in Bewegung) bis gar nicht (zB Motive in grosser Distanz) fotografieren lassen. Also nimmt man notgedrungen, was man eben mit Meßsucher und Normalbrennweite kriegen kann und schenkt so meinetwegen alltäglichen Banalitäten sehr viel mehr Aufmerksamkeit, als man es sonst tun würde. Und das sieht man anschließend auch den Aufnahmen an, dass da vielleicht etwas mehr Mühe reingeflossen ist. Leica nennt das dann etwas hochtrabend « das Wesentliche » ».
Ernsthaft ?! Nach dem Ausschau halten, was mit dem Ding in der Hand gerade mal wieder eher unausführbar ist, gelle ? Und unfähig, im Alltäglichen oder gar ‘Hässlichen’ das Schöne zu finden und visuell ansprechend aufzunehmen ? Denn genau das steht in diesem Zitat geschrieben. Soll ich die Bengel von eben noch einmal alle aufzählen ? Denen war nämlich das Ergebnis immens wichtig. Deshalb haben die auch Alltagsgegenstände und Blumen fotografiert. Und auch Bewegung, nicht zu knapp. Aber Hein hat dafür ja « ein anderes System », na klar. Specs. Und Features. « Hein, was ist eigentlich so dein Hobby ? » « Meins ? Systemwechsel. Wiethough ? ».

Unterm Strich ist das heute ‘aktuelle’ Geraffel kein limitierender Faktor. Ich für meinen Teil liebe es, jeden Tag loszugehen und Bilder zu machen. Es ist mir vollkommen gleich, welche Kamera ich gerade mithabe oder was mir ein Objektiv erzählt. Und wenn es das Telefon ist. Denn ich weiss, dass ich was Schniekes nach Hause bringen werde, egal, was da für eine Name an Kamera oder Linse prangt und ob das jetzt mächtig Geld gekostet hat oder peng. Mit ‘schnieke’ meine ich : Ohne seitenlange Erläuterungen auch dem vorzeigbar, der nicht mit dabei gewesen ist. Denn ich bin Fotograf und weiss, was geht und wie und was veranstaltet werden kann und manchmal auch muss, damit ich ein Hirngespinst, eine grobe Idee in ein Bild umgesetzt bekomme, von dem ich mit Fug und Recht behaupten kann « geil. Bin ich stolz drauf, erfüllt mich mit Freude ».
Specs und Features spielen dabei keine Rolle. Gar keine. Das Bild zählt und wenn ich es hinbekommen habe. Wenn es das transportiert, was in mir umging, dann noch viel mehr. Fotografie war noch nie über wie toll ein mit Elektronik vollgestopfter Kasten einen Schärfepunkt zerfleischen kann, sondern über das Ergebnis, das, was an die Wand gehängt werden kann. Fotografie geht nicht um Datenblätter und leuchtende Kisten beim Händler des Vetrauens. Auch nicht um die rattenscharfen Pixelchen in einer 400%-Ansicht auf dem Monitor. Dafür war Fotografie zu keinem Zeitpunkt seit ihrer Erfindung da. Fotografie war eigentlich mal ein Aufzeichnen von Momenten, ein Mittel Geschichten festzuhalten und zu erzählen, Dinge aufzunehmen, die dich interessieren. Ein Medium der Mitteilung solcher Sachen für spätere Generationen. Die Portraits unserer Eltern und Grosseltern und deren Eltern. Deren Hochzeitsbilder. Würdevoll. Ernsthaft. Respekt. Welche Kamera ? Welche Optik ? Euhhhh … echt jetzt ?

Bei Fotografie ging es nie um sowas wie « Ätschibätsch ! C ist besser, als das andere ». Kameras und Optiken sind zwar Werkzeuge, und zweifelsohne irgendwie von Bedeutung, aber ich würde kaum auf die Idee kommen, mit der kleinen Schwarzen von der Lahn die volle Aktion der Eleven bei einem Sportevent fotografieren zu wollen. Aber wenn ich auf so einem Event mit der Meßsucher bin, dann gibt das saubere Arbeiten. Und zwar nicht, weil ich so ein toller Hecht mit einer ultimativ tollen Kamera bin, sondern aufgrund aller Fehler, die ich gemacht habe, jeder Sache, die mich zu dem gemacht hat, was und wer ich bin und des gesamten Wissens und Könnens, das ich mir angeeignet habe und so umzusetzen verstehe, wie es von mir ‘erwartet’ wird. Welches ich in jedes vorhandene oder ‘fehlende’ oder ‘limitierende’ Feature der Schönheit lege. In jede meiner Kameras. Und das macht *mich* zu *dem* Feature meiner Gerätschaften, die keine andere Kamera, kein anderes Objektiv hat. Und auch kein anderer Fotograf.

Salting the Steak
Das geilste Kamerafeature bist DU. Punkt. Deine Kenntnis von Licht, Beleuchtung, Kameraeinstellungen und was wie wann wieso warum, Dein Wissen um Setdesign und von Farben und deren Wirkungen und Zusammenstellungen, wie Du Kunden und Models behandelst, Deinen Respekt und Deine Achtung vor Kunden und dieser Welt. Fotografie wird niemals nur specs and features and bells and whistles sein, wenn das Gelump nur im Regal hockt oder gelangweilt an deiner Hand, weil dir die Passion, das Feuer, die Neugierde, der Hunger fehlen, wirklich Bilder zu schaffen. Dich um Fotografen und deren Werke und Schaffen zu kümmern, zu spielen und auszuprobieren, überhaupt zu machen, statt nur irgendwas zu lesen « Aha. Soso », diesen berühmten Blick über den Tellerrand zu wagen, allgemeines und spezielles Wissen auch zu behalten und bewusster Mensch in dieser Welt zu sein mit einer eigenen Meinung und einem Drang, zu machen und rauszugehen und Bilder zu machen. Eine Kamera ist absolut sinn- und nutzlos, wenn sie im Regal oder der Tasche ist, statt in deiner Hand. Ein Objektiv kann kein Bild durchlassen, solange du ihm die Welt vorenthältst.
Fotografie ist selbstredend eine Sache von Spezifikationen und es war schon immer so und wird sich kaum ändern – wähle das richtige Werkzeug für das Vorhaben. Nur, das geilste Feature sind weder IBIS noch 990 AF-Punkte noch 100 Bilder die Sekunde, noch 4k oder noch viel mehr an Videodurchsatz an einem 5k, 6k oder schubberschubber noch mehr Monitor, wenn Bilder aus einer steinzeitlich angehauchten 12 Megapickel Kamera auch schon doof aussehen, weil die visuelle Kommunikation unbekannt ist. ‘Fotografie’ ist Bilder am Monitor bei 400% begaffen ? Ernsthaft ? Fotografie ist über Dich, über das, WAS Du WIE siehst, WIE Du das visuell umsetzt und dass Du verdammt noch mal schlau genug bist, das auch zu wollen und zu machen.
So. Und nu drück den Katalog in die Tonne. Oder Hein Tech in die Hand, der hat eh schon wieder Blutsturz schubberschubber, weil er irgendwelche MTF-Charts meint erkannt zu haben 😂.
We who draw do so not only to make something visible to others, but also to accompany something invisible to its incalculable destination. […]
We who draw do so not only to make something observed visible to others, but also to accompany something invisible to its incalculable destination.
– John BERGER, Bento’s Sketchbook.
Das gilt so auch in der Fotografie.