
Dieses ist ein Nachtrag zu dem « Ich », da den Part weiter unten mit « Wahre Kunst kommt nur ohne externe Einflüsse aus einem selber » und den ich für ‘schwierig’ halte. Da gab es eine Leserfrage zu, die ich dankbar aufnehme, weil gewusst werden möchte, wie das mit dieser Kreativität eigentlich so abläuft.
Von frühester Kindheit an lernen wir durch Nachahmung, durch Kopieren. Wir nehmen alles auf, machen alles nach, probieren aus, versuchen drumrum und drüber hinaus und gegenan (das ist dann so der Moment, wo die lieben Kleinen uns irrsinnig auf den Wecker gehen können und ‘nicht gehorchen’ – die probieren aus, müssen ausprobieren und steigen auch dahinter, wann es besser ist, das Spiel mit den Möglichkeiten und deren Kombinationen besser erst einmal zu lassen). Dieses Spiel mit Möglichkeiten und Kombinationen ist Teil der berühmten ‘Kreativität’. Grenzen ausloten und testen, etwas ’Neues’ machen. Nur, damit wir uns da einig sind 😉 .
Die ganze Geschichte ist komplex, wer hätte es gedacht, daher werde ich ein klein wenig ausholen. Ich halte mich dabei möglichst kurz. Die Stichworte sollten aber eine Einflugschneise für weitere Nachforschungen geben, so dir danach ist. Es ist höchst interessant, wie Mensch so tickt, echt.
Neutrino Through A Latte
Grob gesprochen spielt sich das Wunder der Entscheidungsfindung (basierend auf Graham WALLAS, The Art of Thought (1926)) in vier Phasen ab : Vorbereitung | Inkubation | Illumination | Elaboration.
Bei täglichem Kleinkram ist meistens im Alpha-Zustand Ende mit dem Prozess, das Ergebnis wird dir gerne erst später offenkundig werden, ‘intuitiv’ etwas gemacht, ohne grossartige Hirnanstrengung. Bei der sonstigen Masse an zu bewältigenden Aufgaben (mit einer auf die Lösung fokussierten Konzentration) ist die Zeitspanne bis zur Illumination gleich Ergebnis kurz und eine Elaboration braucht es meistens nicht mehr, ‘passt schon’.
Ich gehe aus Gründen der Vollständigkeit auf alle vier Hauptphasen ein und lasse das ’Staunen’ und seine grundsätzliche Bedeutung auf fast alles einfach mal weg (Wenn dir danach gelüstet : René DESCARTES – Les passions de l’âme (1649) ist eine Einflugschneise).
Grundvoraussetzung sind Neugierde und Geduld. Du solltest anfangen, Fragen zu lieben, denn dann kommen die Antworten auf dich zu. Allerdings nur mit Geduld. Ein Teufelskreis 😉
Stelle dir also zu einem ‘Problem’ Fragen. Die richtigen Fragen, das ist eine kleine Kunst für sich. Die Fragen möchten gerne vernünftig formuliert werden, dann werden (manchmal umgehend, manchmal nach kurzer, meistens nach längerer Zeit) die Antworten kommen.
Vorbereitung
Informationen sammeln. Viele. So viele, wie möglich. Es ist eine uralte Kulturtechnik, sich erst einmal dessen zu bedienen, was es schon gibt, sich auf neue Gedanken zu bringen, indem man sich mit den Gedanken anderer auseinandersetzt. Mit dieser Auseinandersetzung wird (etwas für dich) Neues entstehen. Mit einer Reise durch die Erkenntnisse der anderen erweitere ich meinen eigenen Horizont, meinen eigenen ‘Besitz’ an Kenntnissen, an Wissen und so etwas lässt sich ganz ausgezeichnet mit Vorhandenem kombinieren, vermischen. Die Sache mit der Kindheit von oben 😉 Und die mit dem « Ich » vom letzten Beitrag.
Je mehr Informationen ich zu einem Thema sammele, desto mehr kann ich davon verinnerlichen, was sich an Strukturen und Mustern auftut. Es folgt alles Strukturen und Mustern, mach dir nichts vor 😉
Diese Phase der Vorbereitung ist wichtig und je genauer und feiner du dir die nötigen Fragen stellen und danach Informationen sammeln kannst, desto besser. Je mehr wir uns mit etwas beschäftigen, je intensiver die dabei entstehenden Gefühle, desto ‘intensiver’, ‘schneller’ wird eine Erinnerung daran. Und desto ‘besser’ werden Kombinationsgeschichten als ‘Lösung’ paratstehen können. (Robert CAPAs Auffassung von “Bild nicht gut ? Nicht nah genug drangewesen“. Nicht ausreichend, nicht ‘tief’ genug mit dem Subjekt, dem Thema beschäftigt, auseinandergesetzt … 😉 )
Reifeprozess | Inkubationsphase
Das ist die nächste Phase zum Gedankenblitz und eine, die Geduld erfordert. Lass das Projekt liegen, lass es los. Die Fachleute nennen das die Inkubationsphase. Das ist die Zeit, in der der Wust an Informationen zusammen mit den Fragestellungen dazu ins Unterbewusstsein abdriftet. Bewusst bekommen wir das kein Stück mit, wie das zu arbeiten anfängt, im Verborgenen. Die Informationen werden sich sortieren und mit bereits vorhandenen Kenntnissen, Wissen (auch dem impliziertem Wissen), Erfahrungen aus mal Durchgeführtem und Gemachtem verbinden, verknüpfen, vermischen, was weiss ich noch alles. Wie man heute aus der Neurobiologie weiss, wird der gesamte Organismus dazu eingespannt. Jede Zelle. Das ist absolut faszinierend.
Defokussierte Konzentration
Aber bleib am Ball, guck von Zeit zu Zeit die Notizen durch, verschaffe der Sache einen kleinen Schubs. Allerdings eher ‘so nebenbei’. Schaffe dir die Rahmenbedingungen, unter denen du zwanglos die Gedanken wandern lassen kannst. Ohne etwas forcieren zu wollen. Olle Schopenhauer hat sinngemäss gesagt : « Man kann einen Einfall nicht herbeizwingen. Aber man kann sich in eine Verfassung versetzen, in der ein Einfall eine Chance hat, zu mir zu kommen. »
Geh Spazieren. Eine etwas längere Wanderung (Tage 😉 ) ist ebenfalls immer gut, wenn es um ‘grosse Sachen’ geht. So etwas versetzt dich in einen
Alpha-Zustand
So nennen die Neuro-Experten einen Zustand des (Tiefen-)Entspanntseins, wie er im Halbschlaf, Tagträumereien, bei Routineaufgaben wie Duschen, Zähneputzen, Bügelwäsche … eintreten kann. Da lässt es sich ganz gezielt reinversetzen. Zen. Meditation, Yoga. Oder auch einfach nur der kurze Mittagsschlaf, dieses zeitvergessende Dösen, das nur ein paar Minuten andauern braucht, um wieder frisch zu sein. Hab unbedingt dein Notizbuch (oder zur Not die Diktierfunktion des Telefons) in der Nähe. Ganz wichtig. Denn wenn da so ein ‘Schlüsselgedanke’ rauspurzelt, kommt der ohne irgendeine Vorwarnung und vor allem ist der in den allermeisten Fällen äusserst flüchtig. Sofort aufschreiben, sonst weg. Mehr als einmal leidvoll durchmachen müssen, diese Erfahrung.
In diesen Alpha-Zustand fällt auch die Intuition. Intuition ist so ein Zwischending, bei dem die ‘Grenze’ zwischen Bewusstsein und Unterbewusstsein durchbrochen wird. Wir machen etwas, ohne uns dessen vollständig bewusst zu sein. Intuition ist dieses berühmte ‘Bauchgefühl’, was bereits dem Begriff nach schon ein Hinweis darauf ist, dass der gesamte Körper an solchen Entscheidungen beteiligt wird. Anordnung von Elementen im Sucher ist so eine ‘intuitive’ Sache, weil wir irgendwie ein Muster, eine geometrische Form ein Linie, eine Geste und was es noch alles feines gibt wahrgenommen haben. Beim Autofahren geht auch vieles intuitiv (prozedurales Gedächtnis). Dann die Sachen, die du seinlässt, weil ‘ich damit Bauchschmerzen habe’.
Erleuchtung
Bei kleinen Sachen kommt die Lösung raus. Festhalten. Bei grossen Sachen spürst du das körperlich, das kündigt sich an. Da ist dieses undefinierbare Hippeln, dieser überwältigende Drang, aktiv zu werden bei ich weiss noch nicht genau was, diese Energie, ein Zustand der Erleichterung. Ein Geistesblitz verleiht Flügel. Eine sich anbahnende Lösung für grosse Entscheidungen ebenfalls.
Elaboration
Bingo ! Das ist es ! Nun Ran an den Braten, Machen, Umsetzen. Go crazy. Ausprobieren. Überprüfen. ‘Fehler’ sind nur Wege, die anders als gedacht eintreten. Das ist die Phase, in der gerne auch mal so richtig Arbeit wartet, weil der Verstand sich zu Wort meldet und mit allen möglichen und nervigen Hindernissen um sich wirft. Machbar ? Umsetzbar ? Wenn ja, wie ? Das ist vollkommen normal. Zweifel sind normal. Die Kunst besteht nun darin, sich das Glücksgefühl wieder zurückrufen und erleben zu können, das du hattest, als der Knoten geplatzt ist – das trägt durch schwere See und harte Zeiten. PASSION. Festbeissen und kompromisslos den Weg weiter gehen.
Den Mut haben, schräge Wege zu gehen, schräge Dinge zu tun. Umwege und Schlenker zu machen. Um die Ecke denken. Die Gelassenheit zu haben, Pausen und Nichtstun keinesfalls als ‘vertane Zeit’ oder gar ‘wertlos’ anzusehen, sondern als Inkubationszeit zu begreifen. Du gibst mit diesen Pausen und dem Nichtstun dem Hirn die Chance und die Möglichkeit, Dinge zwischen Hirn und Herz neu zu vernetzen. Das ist jetzt soooo verkehrt nicht, oder ?
Just Another Point on the Curve
Nun zurück zum Aufmacher : Es gibt Künstler, die verfechten den Standpunkt, « Regeln Richtlinien Anregungen Konzepte seien ‘sinnlos’, man arbeite besser nur nach Bauchgefühl ». Alles formelhafte führe lediglich zur Nachahmung und daher seien Versuche zur Analyse des kreativen Prozesses oder gleich jegliches schematische Denken abzulehnen.
Kann man tun, da ist im Grunde nichts Falsches dran. Für solche Künstler hat sich das Schaffen von Kunst zu einem rein intuitiven Prozess entwickelt, der sich niemals mit Faustregeln bewältigen lässt und unmöglich auf Formeln reduziert werden kann. Im tiefsten Innern eines jeden Künstlers findet sich irgendwann dieser Kern, in dem keine Regeln mehr gelten und es zählen nur noch die intuitiven Entscheidungen, die ‘mit Herz und Verstand’ getroffen werden. Bemerkenswert in dem Zusammenhang ist dann jedoch, dass gerade bei diesen Künstlern, deren Kunst auf der Ablehnung eines Prinzips ‘Form’ liegt, gerade ‘Form’ ein zentrales Element ist. Was ihre Arbeit besonders macht ist der Umstand, als sich ihre Kunst von den in einem Kulturkreis vorherrschenden Auffassungen und Mustern abhebt. Der Kreis derjenigen, der das Werk ‘versteht’ wird allerdings dann (deutlich) grösser, wenn beispielsweise visuelle ‘Prinzipien’ bekannt sind und mit eingebaut werden. Das Publikum nimmt es dankend auf, wenn derlei ‘Konventionen’ innovativ kombiniert oder ansprechend arrangiert werden, dass kein Eindruck von vorhersehbarer Formelhaftigkeit entsteht.
Die ‘Regeln’ zu kennen, bevor sie gebrochen werden, ist meiner Ansicht nach sinnvoll : Es ist extrem hart zu erkennen, warum etwas ‘kreativ’ sein soll, wenn die zugrundeliegenden ‘Bausteine’ unbekannt sind und damit dann auch, *was* es jetzt eigentlich ist, was diese ‘Regeln’ biegt und bricht. (btw: Mit voller Absicht auf ein solches Biegen und Brechen loszugehen trainiert deinen kreativen Muskel 😉 Dann untersuchen, ob das Bild in deinem Sinne nach wie vor ‘funktioniert’). Und die Künstler mit der rein auf Intuition basierten Arbeit – wie im oberen Teil geschrieben : Intuition baut auf einer gewaltigen Menge Wissen auf, dieses Wissen kommt aus keinem luftleeren Raum und du kannst davon ausgehen, dass auch die zunächst den Regeln gefolgt sind, sich mit denen auseinandergesetzt haben, um dann die Entscheidung zu treffen « ich werfe das alles mal über den Haufen und behaupte fortan, es sei Quark ».
Selbst bei den sogenannten « Wunderkindern » wird die Kunst irgendwo herkommen, angucken, abgucken, machen, kombinieren, mehr machen. Dafür braucht es keine Worte. Schon gar nicht Fachworte.
Stumpf nach Schema F darf demnach gerne vermieden werden – in meinen Beiträgen ist an und für sich erkennbar, dass ich auf ein sklavisches Befolgen absolut keinen Wert lege und auch niemanden da reindränge. Es geht mir darum, dass überhaupt solche Sachen GESEHEN werden, bekannt sind, und dann um die Grundprinzipien dahinter. Das Verständnis von warum wieso weshalb und ein paar Sachen davon mischen, kombinieren, was auch immer et voilà 😉 Da kommt mit ausreichend Übung auch das ‘Bauchgefühl’, die ‘Intuition’ zum Tragen.
In den Malschulen ist es Usus (? keine Ahnung, ob das immer noch so ist, es war aber auf jeden Fall mal so), die Meister zu kopieren bis einer heult. Um die Techniken zu erlernen, um ein Verständnis dafür zu erlangen, warum das so und so und so eher weniger ‘geht’. Auf diesen Erfahrungen, Kenntnissen und Wissen aufbauend konnte das selber produzierte zu etwas Eigenem werden, kombinieren, abwandeln etc. pp.. Betreffend die Fotografie ist es eine gern genommene Fingerübung, Bilder nachzustellen – wage dich einfach einmal an etwas Einfaches, Josef SUDEK und Eier und Gläser. Sieht simpel aus, kann die kleine Nichte, nicht wahr ? Wart mal ab, was dafür an Lichtsetzung und -führung und Kameraposition und Arrangement mit einem Male alles von dir abgefordert wird … 😉 Du wirst aber zu irgendeinem Zeitpunkt die Erinnerung daran abrufen können und das in einer Situation vielleicht anwenden. Nicht 1:1, aber die Grundzüge.
Für die Fotografie wirst du feststellen : Je grösser mein Wissens- und Erfahrungsschatz ist, desto ‘knapper’, ‘kürzer’ wird auf bestimmten Gebieten die Informationsphase werden – jemand, der sein métier beherrscht, der macht halt « aus jeder Situation egal in welchem Licht » etwas. Weil der Erfahrungsschatz diesbezüglich gewaltig sein wird. Weil er eine riesige Menge an ‘nicht nur kleinen, aber vor allem an kleinen Aufgaben’ gemacht haben wird, die sich tief verknüpft haben
It reminds me of a remark by Josef Koudelka who was shooting pictures around my cabin. I couldn’t understand what he was seeing, as the images seemed to have no connection with his known work. He said: « I have to shoot three cassettes of film a day, even when not ‘photographing,’ in order to keep the eye in practice ». That made sense. An athlete has to train every day although the actual event occurs only occasionally.
(aus : On Being A Photographer – David Hurn in conversation with Bill Jay, 3rd ed 2001, p.67)
Es geht eine irrsinnige Menge in der Tat ‘aus dem Bauch heraus’, ohne sofort ‘grosse Kunst’ sein zu wollen oder zu sein. Auf das kann ich mich auch verlassen, wenn ich zum fünften Mal an einen Ort fahre. Ich weiss, was ich kann, und ich ‘kenne’ wahrscheinlich den grössten Teil dessen, was mich erwarten wird. Den Rest macht ein offener Geist, der sich gerne überraschen lässt. Ist es allerdings das erste Mal, dann Recherche, Recherche, Recherche – Vorbereitung. Das wird arbeiten, das wird abrufbar sein, wenn ich vor Ort bin. Und es wird sich mit allem anderen kombinieren.
Also : Bevor du Fotograf bist, musst du dich erst einmal zu einem machen. Denn die wissen, was sie machen, die können vernünftig drüber reden. Da ist eine Menge Wissen über warum wieso weshalb. Und das kommt …. genau 😉
Die Heldenreise
*Das* Beispiel für etwas ‘Formelhaftes’ ist die sogenannte ‘Heldenreise’ (nach Joseph CAMPBELL – The Hero With A Thousand Faces (1948)), die sich aus überlieferten Geschichten, Märchen, Fabeln, Initiationsriten und Erzählungen herauskristallisiert hat.
Schnelldurchlauf : Die gewohnte Welt und ein ganz durchschnittliches Menschlein – Langeweile und der Drang nach Abenteuer – Huch, da wird was gefordert, lieber doch kein so grosses Abenteuer – der weise alte Mentor – Überschreiten einer Schwelle in das grosse gefährliche Abenteuer – Feuerprobe mit Bewährung – alles ist gut, dann der Schlag von hinten in die Knie – Entscheidungskampf als Höhepunkt – Belohnung – Rückkehr – Verwandlung abgeschlossen – Held.
Von den Punkten mindestens Unaufgeregtes Leben, Drang nach Abenteuer und Seitensprung und grosser Liebe, Bösewicht, alles geht schief, Bösewicht bekommt aufs Maul und macht sich fortan dünne, alles wird gut, Verheiratet und glücklich bis in alle Ewigkeit. Rosamunde Pilcher. *Der* Klassiker mit allen Stationen : Star Wars. Klassiker, der dieses Schema F unterbricht und einen parallelen Aufbau annimmt : Pulp Fiction.
Werbezirkus funktioniert nach einem stark eingedampften Muster der Heldenreise : Irgendwas ist doof, ich als Mentor und geldgeiler Plunderverramscher sage dir : nimm dieses, alles ist superdupermegatoll und Du ein Held (für Hein Tech : Ich kann nicht so richtig geile Bilder machen – Kauf jetzt diesen Megasuperblingklingelkasten mit Hupe – Hein Tech ganz doll grossartigerherer Knipser).
In die Psychologie hat das Einzug gehalten, nahezu alles mit Selbstfindung und und und greift darauf zurück. Das halbe Internet baut darauf auf, wenn es um das hochwichtige ‘branding’ und dieses zu Tode strapazierte ’storytelling’-Bla Bla geht.
Die Kunst, ob das ein Kassenschlager wird oder peng ist ‘nur’, das so zu verpacken, dass doch irgendwo immer noch etwas vorkommt, was *so* nicht erwartet wurde. Hollywood ballert mit immer mehr special effects mit dem Ergebnis, dass es nur noch um die Effekte geht und was wer am Rechner alles dolles kann, statt einer Geschichte, die den Zuschauer (emotional) mitnimmt. Wenn der Trailer zum Machwerk besser ist, als das Machwerk als Ganzes. Deshalb funktionieren Wiederholungen ab dem dritten Aufwasch so selten – John Wick ist mein persönliches Paradebeispiel dafür. Teil 1 ist irre, Teil 2 noch unterhaltsam, ab dann wird es nur noch immer mehr Effekte-Gebolze. Man kann von ihm halten, was man will, aber Mission Impossible 1 bis 1’000 kann das besser. Groschenromane sind ab der ersten Seite vorhersehbar und trotzdem nicht totzukriegen. Harry Potter spielt sehr elegant damit. Nahezu alle Krimnialromane bauen darauf auf.
Vor allem bei Film und Werbung wird im Laufe einer solchen Achterbahnfahrt ganz extrem Wert auf visuelle Unterstützung der Handlung gelegt. Farben, vor allem bläuliche und orangelich sind alles andere, als Zufall. Ob einer mittig steht oder klein vor gross oder aufsichtig, das hat einen Hintergrund. Was die Protagonisten anhaben und wie sich diese Klamotte im Laufe der Handlung wechselt, das spiegelt die (innere) Entwicklung der Figur wider. Diagonale und arabesque haben eine Funktion. So Sachen können und werden da eingesetzt, um dich als Betrachter mitzuziehen, Partei zu ergreifen, mitzuzittern, und zwar am Besten ganz ohne, dass du das mitschneidest. Denn wenn du auch nur halbwegs ‘normal’ aufgewachsen und ‘gebildet’ bist, dann liegen sämtliche Trigger qua gesellschaftlicher Konditionierung in dir verborgen rum und gehen an die Arbeit. Bekommst nur nie mit, weil du nie nach dem warum wieso weshalb, nach den Bausteinen, gefragt hast. Ganz einfache, kleine Kiste ; weder Kunst und noch viel weniger Esotherik, eher scheunentoroffenes Geheimnis.
Das alles wurde irgendwann mal gründlich untersucht und steht als Wissen zur Verfügung, Stichwort Gestalt-Theorie und deren Anwendungen in Bild und Film. Man sollte so ein Wissen halt haben und ‘richtig’, dem Zweck entsprechend mit allem möglichen kombinieren und anwenden. Bildbände gucken. Bilder gucken. Filme gucken. Gemälde gucken. Genau angucken, pflücken, Gedanken machen. Da kommt absolut gar nichts aus einem ‘Nichts’.
Wie Kleister sickerte Musik aus den Lautsprechern. Es war eine Melodie, die er nicht kannte, einer dieser synthetischen Hits, die für ihn allesamt gleich klangen, nicht Blues, nicht Soul, nichts, was einem das Gefühl gab, lebendig zu sein, nur blass rythmisches Geräusch.