
Eine Kamera tatsächlich auch zu benutzen und mit den Dingen aus der ‘visuellen Werkzeugkiste’ zu kombinieren, das ist schwieriger, als über die Verwendung einer Kamera zu plappern, wenn man sich so anguckt, wie viele ihr Leben damit verschwenden, YouTube-Filmchen anzusehen, während sie sich nach der ‘nächstbesten’ Sache sehnen, um ein höchst ominöses ’nächstes Level’ zu erklimmen. Eine Kamera virtous benutzen zu können, das braucht allerdings Zeit. Richtig. Zeit. Erzählt einem immer nur keiner, oder ? Heute etwas Klartext dazu.
Benutz das Ding. Jeden. Tag. Mindestens immer, wann sich auch nur eine kleine Gelegenheit bietet. Moderne Geräte sind machmal revolutionär und auch diskussionswürdig, kein Zweifel. Fragwürdig wird es dann, wenn so etwas beginnt, Gespräche zu dominieren. Genau das passiert in diesen Pestfurunkeln Foren und Youtube – gear, gear, gear. Gefühlt acht von zehn Filmchen sind über das Ausrüstung-Wechsel-Dich-Spiel. Das läuft alles unter dem Deckmäntelchen ‘Fotografie’, ist aber tatsächlich eine reine Verkaufsveranstaltung. Fischmarkt. Im Bus eingepfercht in die Heide und mit tollen Heizdecken zurückmüssen. Ganz ganz wenig dreht sich um wirkliche Fotografie, noch weniger darum, wie die zu ‘guter’ Fotografie wird. ‘Besser’ wirst Du nur, wenn Du Dich kümmerst und machst und um sogenannte ‘Unzulänglichkeiten’ drumrumarbeiten kannst. Wegen Kleinigkeiten immer gleich Kram kaufen, das macht Dich nur ärmer.
Kenne Dein Werkzeug. Aus und in der Praxis, das bringt deutlich mehr, als nahezu alles, was in den Forenstammtischen so an dicken Reden geschwungen wird …
On top machst Du Dich mit den anderen Sachen des visuellen Werkzeugkastens vertraut. Das Einfachste, das Du tun kannst, um ein besserer Fotograf zu werden, ist zu üben. Zielgerichtet. Der Umfang möglichen fotografischen Wissens ist grenzenlos. Das ist ermutigend, denn das bedeutet, dass niemand alles weiß. Man befindet sich immer in einem Zustand, in dem man ‘nur’ das weiss, was man zu einem bestimmten Zeitpunkt (so alles) kennt. Deshalb wirst Du nie besser vorbereitet sein, als jetzt 🙂 .
Solid Steel Walls of Reality
« Gut Ding will Weile haben ».
Gut, und so richtig gut zu werden, das braucht Zeit. Jahre. Jeder, der versucht, Dir was anderes zu erzählen, lügt Dir frech ins Gesicht. Oder will Dir was andrehen. 99-teiliges Super-Profi-Chef-Messerset für 39,99 € oder so.
Die Briten haben mit « playing the long game » einen hübschen Ausdruck. Das bedeutet so viel wie Dinge zu planen und zu tun, die einem helfen, weit in der Zukunft erfolgreich zu sein, anstatt nur an die Gegenwart oder die nahe Zukunft zu denken. Finde ich toll. Zu kurz gedacht ging und geht in fast allen Fällen in die Büx.
Im besten Fall ist diese Sache mit der Fotografie eine lebenslange Reise voller Neugier und Experimente und Spielereien und verrückten Basteleien. Entspann Dich. Es ist eine Reise mit einer riesigen Freiheit und Leichtigkeit. Mach Dich frei von dieser vermeintlichen ‘Notwendigkeit’, sofort die besten Bilder aller Zeiten machen zu müssen. Leiste Dir den Luxus, Fehler einfach zu machen, aus denen zu lernen und aus diesem Lernprozess heraus bessere Bilder machen zu können. Denn Du hast Dinge ganz real gemacht und gelernt, was wie warum funktioniert oder doch eher anders.
Befreit von dem Zwang, jeden Upgrade-Zyklus bei Kameras und Optiken mitmachen zu ‘müssen’ hast Du alle Zeit der Welt, Dich mit dem, was Du hast, so richtig vertraut zu machen, es bis ins Letzte und aus dem Effeff zu beherrschen. Und dann auf zum nächsten Stück.
Befreit von diesem Zwang verschafft es Dir die Möglichkeit, Deine eigenen (Wissens-) Ressourcen auszubauen, mehr und das auch zielgerichteter zu erlernen und anzuwenden.
Befreit von dem Druck, mit neuestem Kram vermeintlich nur schnell genug ‘besser’ werden zu müssen, verschafft es Dir eine gewisse Leichtigkeit, diese emotionale Freiheit, die es braucht, um wirklich kreativ werden zu können.
Lass Dich nicht von den lauten und vorherrschenden ‘Meinungen’ beeindrucken, die uns auffordern, unbedingt jetzt sofort Kameras und Spielereien zu kaufen. Und die ultramegahippen Spielzeuge, z.B. diese merkwürdigen Lens Balls, deren bizarre Anziehungskraft mir beim besten Willen komplett verborgen bleibt. Die Anpreiser sind nur deshalb so laut, weil sie wissen, dass mit denen, die das Spiel mit dem langen Atem und vor allem dem Machen kapiert haben, kaum noch eine Mark zu machen ist. Denn die, die ihr Zeug tatsächlich auch benutzen, die wissen ihrerseits, dass es keineswegs den neuesten Zauber braucht, um ‘besser’ zu werden. Der Zauberplunder zieht nur Geld aus der Tasche und hinterlässt weder frisches Wissen noch Können.
Je früher Du Dir das verinnerlichst, desto besser wirst Du Dich selbst kennenlernen und was Dir liegt und wo das hingehen kann.
Fotografie ist mehr, als technisches Können. Diese pure Technik, das ist simpel. Schon deutlich mehr braucht es für die Feinheiten von Komposition und Farbe, psychologischen Wirkungen und so. Noch einmal anspruchsvoller ist, was erlernt werden möchte, um sich selbst zu verstehen. Dieses “Selbstverständnis” findet sich schon in Deiner Entscheidung darüber, was im (Sucher-)Rahmen des Bildes bleibt und was rausfliegt und was Du wie, wo, warum, weshalb so und nicht anders anordnest und dann warum wie belichtest. Dieses Vertrauen in Dich selbst, zu wissen, was eine gelungene Komposition, ein gelungenes Bild, einen wichtigen Moment, ein überzeugendes Foto ausmacht. Gleichzeitig bedeutet das, dass Du als Fotograf von diesen Absichten und Erwartungen überzeugt bist. Was das im Einzelnen sein kann, mag, wird, das findest Du raus, wenn Du Dich und Deine Arbeit in einen Kontext zu früheren Arbeiten stellst. Deine eigenen Bilder ; dieses sich ab und zu einstellende Gefühl von “eigener Unzulänglichkeit” beim Begucken der Werke renommierter Fotografen ist insofern eine ‘Sackgasse’, als Du bei denen eigentlich Inspiration suchst, diese Arbeiten gleichzeitig aber mit Deinen eigenen vergleichst. Der Kontext, in dem deren Bilder entstanden sind, ist regelmässig ein vollkommen anderer. Kau drauf rum und versuche, das auseinanderzuhalten 😉 . Greif Dir Autobiografien und Biografien über Deine Vorbilder, da finden sich oft genug die Hinweise und ‘Hintergrundinformationen’, warum deren Bilder sind, wie sie sind, aus welchen Beweggründen etc. pp. so und warum wieso weshalb nur so gemacht. Ist spannend.

Jukuren
Jukuren kommt aus dem japanischen und bedeutet Fachwissen, Können im Sinne von Tüchtigkeit durch Übung und Wiederholung. Die wörtliche Übersetzung lautet « reifen und wiederholen ».
Playing the long game ist hart, aber wer irgendwann ‘meisterhaft’ werden will, für den ist das unübertroffen der einfachste und am wenigsten umständliche Weg. Komm, sei ehrlich : Schule haste geschafft. Führerschein haste gepackt. Studium oder Ausbildung auch und die ersten Jahre on the job heil überstanden. Möchtest Du ernsthaft behaupten, Du wüsstest kein bisschen von dem, was Du da tust, jeden Tag ? Na also. Jetzt rechne mal ganz schnell die Jahre ab sechs … Es ist eine Kopfsache, mit der Fotografie. Es dauert. Wie alles, im Leben. Nimm es einfach so hin. Weder wurde Rom an einem Tag zusammengeklöppelt, noch Dein Werdegang bis heute. Simple. As. That.
Ich kann mich erinnern, dass es eine ganz schöne Weile gedauert hat, bis ich mit dem Belichtungsdreieck dick Kumpel geworden bin und die Werte ‘ohne Nachdenken’ anpasse oder ändere. Schicke neue Kamera und bis die im Schlaf gekannt wird, dauert ein paar Monate (das ist mehr als die Zeitpsanne, in der so manche der Oberspezialisten mehrfach alles verhökern und neues System anschaffen. Merkst was ? Supi 🙂 ) Jahre hat es gebraucht, um mit Licht verwegen kreativ zu werden. Deutlich fixer gingen die Sachen, um um irgendwelche ‘Unzulänglichkeiten’ des equipments drumrumzubasteln und zu einem ordentlichen Ergebnis zu kommen, ohne gleich allen möglichen und unmöglichen Krempel einzukaufen. Denk nach, was es um Dich rum alles so gibt oder im Haushalt vorhanden ist und wie sich die Sachen ‘missbrauchen’ und einsetzen lassen.
Ich bin seit zweistellig Jahren dabei und glaube behaupten zu dürfen, dass ich jetzt so allmählich ein gewisses Mass an « Meisterschaft » habe. Oder, um mit Peter Lindbergh zu sprechen, der auf die Frage zu seinem 70., wann er denn gedenke aufhören zu wollen, grinsend antwortete « Wieso aufhören ? So langsam kenne ich das Handwerk (métiers) und es fängt an, so richtig Spass zu machen. Da höre ich doch nicht auf. » 😉 Und meiner einer freut sich darauf, was da noch alles kommt 🙂
Shūjuku
Shūjuku ist ebenfalls japanisch und meint, mit Deinem Wissen und Können zu « studieren und zu reifen ».
Gib Dir Zeit. It is playing a long game, wenn Du wirklich den Schritt vom Knipser zum Fotografen machen möchtest. Das Ziel ist weder, dass es ‘leicht’ sei, noch ‘bequem’ – es geht einzig und allein darum, die Kontrolle über die « Werkzeuge » zu bekommen und Ideen entwickeln und umsetzen zu können. Kamera und Optiken natürlich, dazu fotografische Techniken, Komposition, der ganze wundervolle Reigen der Möglichkeiten und Mittelchen visueller Kommunikation mal wieder und und und … Konzentriere Dich auf das, was Du lernen, studieren und schaffen willst solltest müsstest, um der Fotograf zu werden, in dessen Rolle Du in Deinen wilden Träumen eh schon schlüpfst 😉
Es spielt keine Rolle, ob es Hobby bleiben soll, oder ob es in Richtung Beruf gehen soll. Bei letzterem ist es unabdingbar, willst du das wirtschaftlich überleben. Aber auch für den Hobbyteil kannst Du Dir zwanglos das Ziel setzen, ‘ansprechendere’ Bilder auf professionellem Level machen zu wollen.
Schritt. Für. Schritt. Einer nach dem anderen. Es gab noch nie so viele Möglichkeiten zu Lernen, so viel Zugang zu Informationen, Tutorials und der Arbeit anderer Fotografen. Konzentriere Dich auf das, was Du brauchst. Sorgfältig. Überfordere Dich dabei nicht mit z.B. dem Versuch Studiolicht und fortgeschrittene Komposition zu erlernen und gleichzeitig Ebenmaskierung und ’speziellspeziale’ Auswahltechniken in Photoshop in Angriff zu nehmen. Kleine Schritte. Einer nach dem anderen. Meisterschaft wurde noch nie und wird auch zukünftig weder durch wilde Neukäufe von Schnickschnack oder irgendwelche Abkürzungen erreicht, sondern nur durch Machen. Schritt für Schritt, wie ein Kleinkind. NUR DIESE Schritte sind es, die Dich DEN NÄCHSTEN SCHRITT weiter nach vorne machen lassen.
Gehe, bevor Du rennen willst. Halte Dich zurück. Konzentriere Dich auf das lange, langsame Spiel, ein Fotograf zu werden, der eines Tages Meisterwerke schaffen wird : ein Meister. Sei dabei ehrlich zu Dir selbst. Und regelmässig die ‘alten’ Sachen begucken ; der Fortschritt ist sichtbar im wahrsten Sinne des Wortes.
Just Jump Into The Water
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Lies deutlich weniger Artikel, in denen es um « 10 tippetoppe Tips und Tricks » geht. Und überblätter die mit dem Technikkrempel am besten gleich ganz.
Fotografische Vorbilder such Dir bei ‘den Grossen’ – lies das, was die selber geschrieben haben oder was über die geschrieben wurde. Da verstecken sich erhellende Dinge, wie die das Handwerk und ihre Karriere sehen bzw. gesehen werden. In diesem Internet gibt es (leider mit intensiver Suche verbunden) so einiges an Dokumentationen und Interviews (die guten sind meistens in englisch … ). Leihbüchereien sind toll. Kunst- oder Modehochschule in der Nähe ? Verschaff Dir Zugang zur Bibliothek. -
‘Verliebe’ Dich in die Arbeiten Deiner Vorbilder. Pflück die Bilder auseinander, vor allem nach Komposition und Licht. Dokumentarische Fotografie nach Ebenen, wie die mit Vorder-, Mittel- und Hintergrund jonglieren. Und wie die mit dem Licht umgehen. Und figure-to-ground. Bis einer heult.
Wenn es Produktfotografie ist, auch nach Licht Licht Licht.
Wenn es fashion und beauty sein soll, zudem nach Posen und Licht Licht Licht und Make-up.
Product und so Sachen versuche nachzuMACHEN. Ziel ist weniger das ‘kopieren’, sondern so Sachen einfach mal durchgezogen zu haben und zum eigenen Repertoire des Könnens zu tun. Ich wette, Du wirst den Aufwand unterschätzen. Such Dir für sowas top notch Werbeanzeigen. Komposition, Licht, Farben … Und vergiss umgehend das Argument, es sei eh alles AI. Auch der Kram soll das ‘richtig’ darstellen, gelle. -
DEUTLICH weniger Plunder auf Youtube gucken. Instagram am besten auch gleich mal für ein paar Tage abschalten. (Ich mach bei diesem Instakram ja eh nur noch stories. Dafür guck ich da einmal morgens rein. Dann erst wieder morgen. Langt völlig. Btw: diese Dauerwerbenerverei Youtube hat fast noch frisch ein geiles neues feature : History. Komplett in die Tonne treten, gar nicht erst aktivieren. Riesenvorteil ist dann, dass nur noch die eigenen Abos aktualisiert werden. Mit Sicherheit vom guuuuuuuuhgl anders geplant, aber voll toll so. Bei meinen 40 Stück kann dann schonmal ein paar Tage Funkstille sein. Die haben nämlich was zu sagen und verhökern nicht. Merkste ? Schick 🙂 )
Bleib raus aus diesen Technikfraggel-Foren. Die Insassen da haben in der überwältigenden Mehrheit keinen blassen Schimmer vom Bild. Keinen. Schreibe ich dauernd und das sollte rein in Deinen Kopf. Deren Hobby sind Schaltkreise. Das ist so ganz ganz weit weg von Fotografie. Fotografie ist Komposition, Licht, timing mit allem zipp und zapp. Ungeschöntes Originalzitat : « Man kann doch solche Bilder nicht mit einem “normalen” Landschaftsbild vergleichen und dann behaupten das es ja überhaupt nicht auf die Technik ankommt. » Doch. Kann ich und mach ich. Timing geht nicht bei Landschaft ? Vergiss nie den scheiss Vogel. Oder eine Person, die durch die Szene läuft und sie belebt. Ach kuck ! Timing, dass da alles an der richtigen Stelle ist. Aaah ja. Bei Portraitgeschichten ist ’timing’ ‘gesture’, die kleinen Gesten, die das Bild besonders machen können. Microexpressions erwischen. Bei Produktfotografie aus der Natur der Sache eher kein timing. Aber den ganzen grossen Rest, vor allem der Griff in die Kiste mit “visuell psychologisch beeinflussen und Wirkungen” 😉
Mach Bilder, statt die Zeit in diesem Internet zu verplempern. Auf meiner kleinen Seite kannst Dich natürlich solange rumtreiben, wie das Jahr Tage hat 🙂 Du weisst, was ich meine. Lies die Sachen, die Dich weiterbringen. MTF-Charts ? Ernsthaft ? Euhhh … Eher weniger. -
Lerne ‘weniger’ Dinge (eine fotografisch relevante Sache zur Zeit), das aber intensiv. Bis. Zum. Erbrechen. Also bis es ’sitzt’. Immer und immer wieder. Bei Juristen heisst das « repetieren ». Grundvoraussetzung, um die Staatsexamina zu wuppen.
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Vergiss das Atmen nicht 😉 Nee, voller Ernst. Zen. Yoga. Meditation. Ohne Esotherikgewese und Hipstergetöse. Machen sie alle, die ‘Grossen’. Kann also nur irgendwie ‘richtig’ sein. Ist es, believe me 😉
Und führ ein Tagebuch. Machen die ‘guten’ auch alle, reden nur seltenst drüber. Feier die tollen Dinge, beschreib Deine Gefühle, die Du beim Machen gehabt hast. Und die hinterher. Damit lernst Du, Dich selbst zu beobachten, Dich selbst kennenzulernen. So ganz nebenbei wirst Du auch auf alle möglichen und unmöglichen Kleinigkeiten mehr achten. Mehr sehen. Überhaupt SEHEN. Bewusst, statt nur dabei.
Vergiss umgehend, Dich mit anderen zu vergleichen. Dein Weg zur Meisterschaft ist ein anderer, als deren, und deren Weg ist ein (wahrscheinlich deutlich) anderer, als der Deine. Du weisst nicht, wie lange es gedauert hat, bis die da angekommen sind, wo die sind und was die in ihren Bildern zeigen. Wie war das gleich bei Alex WEBB ?
« Wenn von eintausend Fotos ein brauchbares dabei ist, dann ist das ein richtiger Erfolg ».
