2 Januar 2024

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randonnée

Ich gehe jede Wette, dass es Dir auch schon passiert ist. Irgendwas hat Dich daran ‘gehindert’, ein Bild zu machen und hinterher hast Du dann gedacht « Das Foto hätte ich machen sollen ! » 

Es gibt sooo viele Ausreden, ein Bild Bild sein zu lassen. Verkehrter Zeitpunkt. Verkehrtes Objektiv. Ich hatte mir eigentlich was anderes vorgestellt. Es weniger toll, als die Aufnahme, die ich von dem Fotografen gesehen habe, den ich so sehr mag und was ich eigentlich ’nachstellen’ möchte. Wird kein Foto in meinem Stil. Passt nicht ins Portfolio – ich kenne sie, diese Ausflüchte. Weil ich selbst durch diese ‘Hölle’ gegangen bin.

The Megapixel List of Life

Oberflächlich betrachtet scheinen derart Ausreden halbwegs gültig zu sein, wenn auch etwas lahm. Ich denke, dass es Folge einer Angst ist. Einer Angst, die wir durch jahrelange Selbstzensur in unsere Arbeit einbringen. Die Angst zu versagen oder nicht mithalten zu können. Die Angst, dass es unnötig oder albern ist, ein Foto zu machen, welches auf den ersten Anschein weder in irgendein laufendes Projekt noch ins Portfolio passt – es gibt so viele Ängste, die als ‘Gründe’ getarnt sind. Gründe sind in Ordnung; irrationale Ängste sind doof.

images en mosaïque
images en mosaïque

Gehen wir der Sache mal ein klein wenig auf den Grund.

Angst

Wie schon so oft hier geschrieben bin ich der Auffassung, dass ‘Scheitern’ eine gute Sache ist. Ein ‘misslungenes’ Bild verrät mir eine Menge darüber, woran ich arbeiten könnte sollte muss. So ein Foto wirft ein Licht auf die Bereiche, die mir ‘fehlen’, aus welchem Grunde auch immer. Einfach schon weil es exisitiert, ist es ein Triumph über das nicht aufgenommene Bild. Denn letzteres ist verloren. Für immer. Es kann mir nichts beibringen.

Ich sehe sowas (zu) oft in Workshops : Jemand mit Kamera macht keine Aufnahme, weil irgendetwas ‘stört’ und es nicht verstanden wird, was falsch eingeschätzt, was da eigentlich gemacht wird. Die begucken die Aufnahme am Bildschirm und fangen an, sie vor dem Hintergrund des Scheiterns zu analysieren, statt mit der Freude am Lernen an die Sache ranzugehen. « Wenn ich das so und so mache, was könnte bzw. was kann dann dabei rauskommen ? ». Das Bild zu betrachten, zu untersuchen, wie es sich da eben beim Machen zusammengefügt hat, wie es ‘ankommt’ – das ist ein wunderbares Werkzeug. Unklug ist es, anhand eines einzigen ’Schusses’ etwas auf seine Wertigkeit hin beurteilen zu wollen. Diese misslungene Aufnahme zeigt dir auf, wo du als als Nächstes rangehen müsstest – näher heranrücken, etwas zurückgehen, ein wenig zoomen vielleicht, den Winkel ändern, das Model lächeln lassen, die Hüften bewegen lassen, den Reflektor etwas weiter einbringen, ein Licht stärker, ein anderes schwächer einstellen …  – das alles ist beileibe kein Misserfolg. Es ist ein Weg zum Erfolg, weil es untersucht und analysiert wird. Dann nochmal und vergleichen.

Das gilt auch für komplette shoots. Wenn etwas doof gelaufen ist, analysiere so genau als möglich, woran es gelegen hat und korrigiere das in Zukunft. Wenn man sich nur mit dem Scheitern statt einer Lösung des ‘Problems’ beschäftigt, wird es nur noch größer, als es letztendlich ist. Es ist keineswegs das Ende von was auch immer. Im Gegenteil : Hier beginnt die Reise der Fotografie und die Entdeckung des eigenen ‘Talents’, des Wissens und der Fähigkeiten. Akzeptiere das genau so, lerne daraus und mach weiter. Die Fotografie als solche (gut) zu beherrschen ist kein einfacher Prozess, egal, was man in Blogs oder Foren liest. Fünf granatensichere Tips … und hier noch zehn Profi-Geheimnisse. ‘Profi’ zieht immer, beim klickbait. Ja ja. Vergiss es. Es braucht Zeit und konsequente Anstrengung. Es braucht Ausdauer.

outils de jardinage
outils de jardinage

Die Angst, etwas nicht ganz richtig zu machen, nicht mit etwas oder jemandem mithalten zu können, dem du nacheiferst sollte niemals ein Grund dafür sein, die Aufnahme seinzulassen. Du willst eh, dass es Deine Chance ist. Lass das Drumrumreden. Mach die Aufnahme – arbeite daran, bis Dir keine andere Art der Aufnahme mehr einfällt. Und dann machst Du noch ein paar, nur um sicherzugehen. Sicher zu gehen, auf moderngermanisch 🥴 . Und im übertragenen Sinne ist es sogar ein passendes Bild 😌.

« Ich mache sowieso seltenst mehr als eine Aufnahme von einem Motiv ». Zu dumm. Chance vertan. Auf ganzer Linie.

Trau Dich, Dich selbst, Dein Thema, den Ort oder die Ausrüstung herauszufordern. Mit dem, was Du gerade zur Hand hast. ‘Zwing’ Dich dazu, das zu tun, was Du ausprobieren möchtest. Du kannst scheitern (siehe oben) oder es könnte etwas wirklich Einzigartiges und Aufregendes dabei rumkommen.

Kommentare

Allzu oft besteht die unbegründete Angst, dass jemand irgendwo einen abfälligen Kommentar zu Deinem Bild abgibt. Die Angst, dass das Bild von Instagrammern oder in irgendeinem Forum zerrissen wird. Na und ? Du kannst es eh nie *allen* rechtmachen. Du hast es ausgewählt und hochgeladen, es gefällt Dir, es bedeutet Dir etwas und es kann zu mehr Bildern führen, die besser sind. Ein Foto zu machen ist eine Aktion, ‘Kritik’ vor allem in diesen ‘social’ media und diesen techniklastigen Foren in aller Regel nicht. Aber spitz die Ohren, wenn wer nach Deiner Motivation fragt, was über Licht erzählt oder Posingvorschläge macht, den trotz recht offener Blende doof unruhigen Hintergrund anmerkt, Kamerastandpunkt und -höhe … Das sind Hinweise, die Du ernstnehmen solltest. Pures Gemecker lässt links liegen. Und um Himmels Willen keine Rechtfertigung oder dieses bekloppte « Das hat uns aber so gefallen ». Sowas ist richtig albern und meistens auch starrköpfig. Lass die Alternativen sacken und denk drüber nach. Bedanke Dich lieber, wenn sich eine Anmerkung vielleicht als doch ganz brauchbar und vernünftig rausstellen sollte.

Und nimm ganz grossen Abstand von diesem Quatsch « Ich mach die Bilder nur für mich selbst ». In dem Moment, in dem Du das in dieses Internet jagst, willst Du tief aus dem Innern Lob. Von wegen « Nur für mich selbst » … 🤓. Und wenn Dir nach nützlicher ‘Analyse’ ist, weil Dich an dem Machwerk irgendetwas wurmt, schreib das mit dazu. Damit nimmst gleich mal den Deppen den Wind aus den Segeln, weil die sich mit dem Bild auseinanderzusetzen haben und Gedanken machen und die schriftlich darreichen. Da merken die sofort, dass sie über Schaltkreise, BlingBling und 400%-Pickelbegafferei hinaus keinen Plan haben und lassen hoffentlich gleich ganz die Finger von der Tastatur. Geh davon aus, dass die allerallerwenigsten in solchen Anstalten Ahnung von Bild und Bildsprache und Bildwirkung haben. Und die, die da was von verstehen müssen sich auch erst einmal die Zeit dafür nehmen wollen, das zu pflücken und dann auch noch alles zu schreiben. Das ist richtig Aufwand. Mit einem « Das wollte ich aber alles genau so » machen die sich die Mühe genau ? … eben. Die lassen das fortan bleiben, Zeitverschwendung. 

la ligne ferroviaire de Kiel à Lübeck dans la brume
la ligne ferroviaire de Kiel à Lübeck dans la brume

Tacheles

Wann ist der richtige Zeitpunkt für die Aufnahme? Wann ist die Zeit, die Du dafür brauchst ? Mit dem Objektiv, das Du dabei hast oder angeflanscht ist, der Ausrüstung, die Du hast und dem Ort, an dem ‘es’ getan werden will. Also jetzt. Telefon, Hosentaschen-Point-and-Shoot, dicke Mühle … was auch immer Du gerade dabeihast, wenn *das Bild* vor Dir auftaucht.

Zu oft lese und höre ich, dass die Aufnahme ‘hätte gemacht werden können, wenn nur … ’. Und dann wurde doch lieber auf einen sonnigen Tag oder einen bewölkten Tag oder das Wochenende gewartet oder auf den Zeitpunkt, an dem man mehr Zeit hätte oder nachdem die Lieblingssendung in der Glotze oder stream oder was weiss denn ich für eine Litanei vorbei ist von « Gründen » … Alles Bullshit. Die Aufnahme wurde nicht gemacht, weil dieses glühende Hosenschissteufelchen auf der Schulter sass, es sei gerade nicht die magische Zeit, in der nur noch die Dinge kontrolliert werden müssten, die gerade nicht perfekt waren.

Du wolltest für das Wochenende, an dem das einzige Model, welches Du fotografieren möchtest, verfügbar ist, einen strahlend blauen Himmel, den ganzen Tag Zeit, am ’Traumbild’ zu arbeiten, und der Ort war doch gleich ein ausser Euch menschenleerer Strand, oder ? Du brauchst nur noch die Beautydish aufstellen. Euhhh… Nun, ich hasse es ja eigentlich, Deine Blase platzen zu lassen, aber das wird niemals passieren. Es wird keinen blauen Himmel geben, es wird da vor Ort übervölkert sein, es wird deutlich mehr an Equipment gebraucht, welches gerade ganz woanders ist und Dir fällt schlagartig keine Lösung ein, die Sache in den Griff zu bekommen und ordentliche Ergebnisse. Und Du weisst es. Wenn Du ehrlich bist, weisst Du, dass nur in absoluten Ausnahmefällen alles ’nach Plan’ läuft, aber stattdessen entscheidest Du Dich dafür, all diese Dinge zu einem ‘Grund’ zu machen, warum Du das nur träumst und seinlässt. Wenn Dich solche Kleinigkeiten schon davon abhalten, Bilder zu machen, dann bist Du wahrscheinlich doch ’nur’ Hobbyist denn Fotograf.

Aber das ist in Ordnung. Ist es wirklich. Akzeptiere das und arbeite daran. Oder andere, einfachere Träume 😉 .

promener le chien dans la neige
promener le chien dans la neige

Es ist nicht das Richtige für das Portfolio die Webseite das Briefmarkenalbum

Das höre ich häufiger. Von Fotografen, die ich treffe und mit denen ich arbeite, über Teilnehmer in workshops bis hin zu dieser kleinen Stimme, die mir das immer gerne ins Ohr gehaucht hat, als die Kameras ausgeschaltet waren. Und diese ganz besondere Ausrede ist eine blöde Ausrede – ich kann die Bilder nicht in meinem Portfolio verwenden. (À propos : Bilder aus workshops sind per se ungeeignet fürs book. Sowas wird dir auf die Füsse fallen, wenn Du das nicht von A wie Ankleide bis Z wie Zusammenarbeit im Team auch selbst beherrschst.)

Ist das tatsächlich auch nur irgendwie von Bedeutung ? Willst Du Fotograf sein oder « Portfolio-Konstrukteur » ?

Liebst und geniesst Du das, Bilder zu machen ? Oder versuchst Du nur, ein paar Bilder zusammenzuklatschen, die ein paar Mal zu zeigen und schlagartig reich zu werden, indem Du diesen mainstream-Plunder knipst, welcher die Lemminge dazu bringt, Dich mit Fleissbienchen für dieses ‘Portfolio’ zu überschütten ? Bad news : Funktioniert so nicht. Mit mainstream one-shot-loved-by-everybody Geknipse wirst nicht reich. Top notch Mode Werbung Portrait bringt Geld. Mit 15-Stunden-Tagen und die seit Jahren. Oder mach auf Heuschrecken-Bänker oder Politiker mit mächtig Kriecherei in die Lobbyfritzen oder die gute alte Wirtschaftskriminalität in ganz grossem Stil … (Was sind die stabilsten Säulen von Reichtum, Macht und Einfluss ever ? Drogen, Waffen, Prostitution.) 

Fotografie – erst recht beruflich – ist eine Entscheidung für einen Lebensstil, einen ‘way of life’. Die triffst Du, weil du genau das mehr als alles andere tun möchtest. (Wenn Fotografie für dich weniger ist, als *die* ultimative Triebfeder – die knallharte Realität wird dich recht flott wieder rauswerfen, aus dem biz.)

Für das Portfolio zu fotografieren ist immer wichtig, wenn Du so etwas auch wirklich brauchst. Aber etwas nicht zu fotografieren, nur weil das möglicherweise nicht ins ‘book’ aufgenommen wird, ist der falsche Weg. Fotografiere den Familienhund, den irre schicken Sonnenuntergang oder die Art und Weise, wie die Ketchupflasche einen Schatten auf die Mittagstheke wirft – all das ist Teil deiner ‘Vision’. Und das Motiv ist einfach das, was es ist – das Foto des Schattens einer Ketchupflasche auf einer Resopaltheke. ‘Doof’ oder halt magisch. Das ist diese Geschichte mit den Fingerübungen. Irgendwann wirst du etwas in der Mache haben, ein Stillleben, Porträt oder was weiss denn ich und irgendeine Sache bereitet Probleme. Der Ketchup-Schatten-Shot taucht möglicherweise vor deinem geistigen Auge auf und ist möglicherweise genau der Katalysator, den Du brauchst, um den vorliegenden Shot durchzuarbeiten. Sei es als prop a.k.a. Accessoire, Requisite oder lediglich das Licht oder was noch ganz anderes. Ist so. Vertrau Deinem Unterbewusstsein 😉 .

brosse à vaisselle et son ombre
brosse à vaisselle et son ombre

Fotograf zu sein bedeutet für mich Freiheit. Nee, nix mit 9 bis 5 bei mir (da gerne auch 5 Uhr morgens und vorher, denn spätnachmittags 5 😉 ). Eher so : Kein Kabuff, kein Parkplatzgerangel, kein Fluchen über Kaffeepulver schon wieder alle, keine vertrocknenden Gummibäume und sterbenden Benjamini. Mittwochs mach ich schon mal frei, oder den Donnerstag und richtig langes Wochenende für eine Kurzreise oder was auch immer. Du hast die Idee. Es bedeutet mir aber vor allem die Freiheit, einfach ein Bild von einem Schatten, einer Wand oder der Art und Weise zu machen, wie das Licht von Haaren reflektiert wird. Es ist alles gut. Solche Aufnahmen werden überwiegend nie in einem meiner Portfolios landen, aber ich habe sie und sie gehören mir. Sie sind Vision von etwas, das in meinem Leben für den Bruchteil einer Sekunde passiert ist und mich auf eine ganz bestimmte Weise fasziniert hat. Klick. Andernfalls wären sie verloren. Ich behalte solche Momente lieber, als sie zu verlieren. Und das ist so seit dem Zeitpunkt, als ich das ganz bewusst zugelassen habe, lieber ein Foto zu machen, als es sausenzulassen.
Sanft wellende Hügel in Grüntönen, obere Hälfte blauer Himmel, Wollwolken. Im Vorbeifahren gesehen, angehalten, gemacht. Einfach, weil dem Fotografen danach war. Keinen ‘Plan’ für genau dieses Bild, nicht ‘auf dem Rückweg vielleicht’, nee, einfach anhalten und Bäm !. « Bucolic Green Hills ». Bildschirmhintergrund bei WindowsXP. Im Grunde eine Fingerübung – Farbkontrast, Texturen, Form, Licht.

Hinweis : Familie und Freunde könnten sich darüber ärgern, dass du die Kamera immer dabeihaben und Fotos machen ‘musst’. Lass sie. Sie verstehen nicht, warum Du fotografieren willst. ‘Musst’.

Und das ist in Ordnung, ist es wirklich. Man wird sich arrangieren, daran gewöhnen 😎 Denn Du bist Fotograf. Geht nicht anders. « Ich möchte denen nicht auf die Nerven gehen » ist eine billige Ausrede. Ganz billig.

I’m in Woodstock, Vermont, on my day off from shooting a job. My assistant and I are driving around shooting. I tell him to pull up at a restaurant because I have to use the bathroom.
I get up and reach back into the car for the camera. He says, “You’re going to the john. What do you need the camera for?”
I look at him and say, “Grasshopper, have you learned nothing?”
We both laugh. I walk into the restaurant, and this is the first thing I see. It’s a lot easier to take pictures if you always have the camera with you.
In this case, the light lasted about 10 seconds before it changed.
Light can be instantaneous. You must be ready, and you must have the damn camera with you.
 
aus : Jay MAISEL – Light, Gesture, and Color. Äusserst lesenswert. Kurzweilig obendrein.

Shall I make this picture ? The answer is always : YES !
In diesem Sinne : Frohes Neues 🙂




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