publié le 16 janvier 2022

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Aus Gründen. Neulich in so einem Hochzeitsgelöt : « […] dass die engagierten Profis hinterher teilweise über 1.000 Bilder digital abgeliefert haben. […] ». Das hat mit « professioneller Arbeit » kaum etwas zu schaffen. Es ist ein Hinweis darauf, dass da jemand das Sortieren vernachlässigt. Engagement an der falschen Ecke. Masse statt Klasse.

Ernsthaft : Wer guckt sich freiwillig tausend Bilder an ? Unterbewusst macht sich wohl eher der Zweifel breit, dass da wer unschlüssig ist, was nun « gut » ist und was eher auf der eigenen Festplatte verborgen bleibt. Von eng beieinanderliegenden Situationen und Doubletten ganz zu schweigen. Wir müssen reden.

Another Stick in the Spokes

Das Editieren des Bilderhaufens war (und ist) in Redaktionen die Aufgabe des « Picture Editors », daher der eigentliche Ausdruck « editing images ». Weil es nun aber grassiert, dass Bilder « editiert » werden und damit eigentlich die Nachbearbeitung gemeint ist, hat sich der Begriff des « culling » im englischsprachigen Raum breitgemacht. Das meint ebenfalls das Sortieren, das Auswählen aller Bilder auf eine Handvoll richtig schicke. Es ist eine essentielle Aufgabe des Fotografen. Und oft genug übelst vernachlässigt, siehe den Aufmacher. Gerade gegenüber Kunden heisst es, the best of des Termins abzuliefern. Manchmal braucht es dafür Eier. Auf jeden Fall ein gehörig Maß objektiven Urteilsvermögens, kill your darlings. Dem Empfänger (gleich, ob der für dich Geld in die Hand nimmt oder du das aus Freundschaft, zur Übung, für das Portfolio machst) quasi mit einem Bilderhaufen die Endauswahl zu überlassen ist unprofessionnell und unhöflich. Es macht dem keinen Spass.
Warst du schon einmal in einem Restaurant, das eine Speisekarte mit Hunderten von Speisen hat ? Dieses Gefühl der Ratlosigkeit, was du nehmen sollst ? Dem Kunden eine solche Fülle von Fotos zu geben, ist dasselbe. Imbissbude. Ist ähnlich wie mit negative space, du erinnerst dich ? Gut. Wertig, exklusiv, teuer = übersichtlich. Oder halt Grabbeltisch. Irgendwie alles drauf, aber die richtig tollen Sachen sind wahrscheinlich woanders.
Das spürt auch der Empfänger. Unbewusst. Ausserdem betrachte es mal so : Je mehr Bilder aussortiert werden, desto weniger Zeit wird mit der Nachbearbeitung verdaddelt. Ganz gleich ob es richtig oder eher mässig Moneten gibt oder du für lau, aus Lust an der Freud, « nur zum Spass », « ist ja nur Hobby » arbeitest : Sei einfach professionnel. Bilder sind etwas wert. Sie sind *dir* etwas wert, sonst würdest du « Fotografie » kaum mit einer gewissen Liebe und Hingabe zur Sache machen. Du bist etwas wert. Zeig das. Oder lass derlei Aufträge schlicht und ergreifend bleiben. Verspielt haben das schon genug andere. Also – ran an den Braten.

Technische Unzulänglichkeiten

Verwackelt oder unscharf ohne Absicht dahinter, kein « Bringerfoto » ? Raus damit. Fehlbelichtungen irgendwo im Bild ? Weg. (Leichter) Fehlfokus und (leichtes) Verwischtsein sind verzeihlicher, als danebenliegende Belichtung. Wenn « der Moment » bedeutsam ist. Blitz hat das volle Blitzeln unterlassen ? Vergiss das mit dem Hochziehen. Das wird nur schlimmer, Dynamikirrsinn der Kamera hin oder her.

Framing

Unvorteilhaft abgeschnittene Körperteile ? Raus damit. Hauptobjekt angeschnippelt, obwohl es wichtig ist ? Tonne. Zu weit vom Hauptobjekt weg ? Oder zu nah drangewesen ? Guck weiter. Zur Not noch einmal, was es mit dem framing überhaupt so auf sich hat.

Bildaufbau / Komposition

Figure ground eher mässig ? Weiter geht die wilde Fahrt mit den nächsten Bildern. Überlappungen bei Personen und deren Abgrenzung unklar ? Und Tschüss. Gerade für den Bereich der berüchtigten street photography : Framing, figure ground, Überlappung suboptimal und der Rest der Klaviatur der Gestaltung ist auch egal. Lass sowas lieber auf der heimischen Festplatte verborgen, denn in die grosse Welt. Wenn da kein Ausdruck überwältigend ist oder den Betrachter mindestens zum Schmunzeln bringt, handelt es sich um ein mieses Bild. Punkt. Eines der echten « Geheimrezepte » der Topfotografen ist, den Ausschuss und die « gerade eben so an « gut » vorbei » einfach in Ruhe zu lassen und den Mantel der Verschwiegenheit darüber auszubreiten.
Cropping kann retten ? Na gut. Besser, das schon mit dem Auslösen ordentlich gemacht zu haben, aber nun denn. Manchmal ist halt irgendwas. Fieses Beschnippeln nötig ? Es wird sich was besseres finden. Auch bei 100 Megapickels. Im Zweifel hat es dieses Bild nie gegeben. Werbekram ist eine andere Hausnummer, da wird die Szenerie mit voller Absicht daraufhin angelegt, dass aus 100 / 150MP mehrere Motive ausgeschnitten werden. Denn die wissen : Selbst für Hochglanzmagazine reichen 10MP-Schnipsel für eine Doppelseite. Heul nicht. Der Aufwand vor dem Druck auf den Auslöser ist auch ein anderer. 
Habe einen Blick auf die weiteren kompositorischen Elemente. Balance, Anordnung der wichtigen Elemente an / auf Führungslinien, der hinterhältige Hintergrund und was sonst noch alles in diesen zauberhaften Bereich gehört. Weniger ist mehr, « überfüllte » Bilder sind schwierig.

Narrativ

Hat das Bild die gewünschte Wirkung ? Kommen die beabsichtigten Emotionen rüber ? Bleibt das Auge im Bild ? Habe auch an dieser Stelle wieder ein Augenmerk auf die Erwartungen des wie auch immer gearteten Kunden. Hochzeiten ? Kleinkram werden die meisten wahrscheinlich nicht einmal sehen, weil sie es nicht anders wissen. Gut, Kamerabesitzer vom Kaliber Hein Tech haben gerne weniger als Grundlagenwissen in Sachen Bild und sind entsprechend blind. « Bedeutsame » Momente sind wichtiger, als Perfektion. Danach flöhst auch deine Serienaufnahmen. 25 Stück mit nur leicht veränderter Arm- und Handposition ? Eines aus diesem Haufen reicht vollkommen. Knutscherei ? Das mit diesem sachten Zwischenraum zwischen den Gesichtern und dem Ausdruck des Verlangens, bevor das Fischmaul aufeinandergepresster Lippen und zerknautschter Nasen kommt.

Überraschungen

Héhé, jetzt geht es ans Eingemachte, wo der ganz grosse Haufen nun ausgedünnt ist. Wenn die verbleibenden Bilder « gut » sind, eigentlich auch so richtig geil, dann guck nach, ob sie Überraschungen bieten. Das sind diese lustigen kleinen Sachen, die beim shoot selbst schlicht « übersehen » worden sind, an die keiner gedacht hat und mit denen niemand rechnet. Die aber dem Bild den gewissen Kick geben. Diesen den Vorzug zu geben versteht sich eigentlich von selbst. Richtig ? Fein. Richtig fein 😊 

Bauchgefühl

Und nun hast du die crème de la crème des Termins. Immer noch irgendwie zu viele ? Hart sein, Bauchgefühl. Einfach die endgültige Entscheidung von ganz tief drinnen abnehmen lassen. Ist meistens der Fall, wenn ein Stapel auf ein, auf *the best of the best* runtergebrochen werden will oder muss. 

—– 

Die Bilder wirst du bitte auf einem ordentlichen Monitor begucken. Wer das in camera auf dem Mäusekinodisplay macht, der findet auch Kinofilme auf dem Telefon beguckt toll und sieht ? Eher nichts. Ist so.

In welchem Programm du das jetzt machst, das überlasse ich dir. Kümmer dich, was dir liegt, womit du problemlos klarkommst. Ich bin seit Ewigkeiten auf PhotoMechanic eingeschossen in meinem workflow und habe schlicht keine Ahnung, was es da aktuell am Markt alles noch so gibt und was die können 😉 Eigentlich müssten das inzwischen alle ordentlichen Bearbeitungsprogramme beherrschen, entweder mit Sessions oder diesen Katalogen. Die Spezialisten, die « nur » auf Import von Karte an Festplatte(n) ausgelegt sind, erst recht. 

Damit die verkorksten sofort aus dem Rennen sind, markiere ich im ersten Durchlauf alle Bilder, die irgendwie lohnenswert erscheinen. Die bekommen einen Haken, « T » in PhotoMechanic. Zudem ist das Programm so eingestellt, dass es dann zum nächsten Bild hüppt. Ist das gelaufen, lasse ich mir nur noch die so markierten anzeigen. Die nächsten Durchgänge erhalten dann Farbcodes (und werden im darauf folgenden Lauf auch nur mit diesen codes angezeigt), bis ich mit dem Part mit dem Narrativ durchbin und das Leid der wirklich finalen Auswahl treffe.

Ich lege dir dieses Ding mit den Farben ans Herz, weil Sternchen im Unterbewusstsein wüten. Wir sind darauf trainiert – vor allem seit den Orgien in diesem Internet – Sterne mit einer Bewertung gleichzusetzen und daran auch nur zu gerne stur festzuhalten. War zu analogen Zeiten bei Hotels schon so und beim Essen auch und ist mit der Erfindung dieser « Bewertungsportale » nun auch bei jedem Scheiss so. Ist eine psychologische Geschichte ; der kannst du folgen, das kannst du auch anders machen, mir wurscht. Wichtig ist, ein System zu haben, das auch beizubehalten und gut. Ausserdem werden Farbcodes von wirklich jedem Programm gelesen (mehr oder weniger korrekt, aber je seltener eine Codierung, desto « besser » das Bild), Sterne können zum Glücksspiel werden. Das ist zumindest meine Erfahrung.

Mach es. Und mache es ordentlich. Lass dir Zeit, das mit der Geschwindigkeit kommt von alleine mit zunehmender Übung. Du wirst zu einem besseren Fotografen werden, wenn du dir die Bilder auch nach Kleinkram hin anguckst. Du siehst (hoffentlich) die ‘Fehler’. Das wird soweit gehen, dass dir schon beim Blick auf dein Motiv, auf deine Szene Sachen auffallen werden, die irgendwie nicht dazugehören oder « quer » sind. Du wirst ernstgenommen werden, wenn dir solche Sachen auffallen und sofort, eigentlich noch vor dem Auslösen, in Ordnung gebracht werden. « Hui !, da wird selbst auf Kleinkram geachtet. Gut. Da bin ich an der richtigen Stelle gelandet. »