publié le 7 dĂ©cembre 2021

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 « FĂŒhrungslinien » in der Fotografie sind die Elemente innerhalb des Bildrahmens, die der Fotograf bewusst ausgerichtet / angeordnet hat, indem er ihre Zusammensetzung entweder durch Verschieben des eigenen Körpers oder der Kamera anpasst. Es sollen Linien entstehen, die zum Motiv « fĂŒhren », den Fokus des Betrachters erhöhen, ihn (meistens gewĂŒnscht) im Bild halten und ein angenehmeres Seherlebnis bescheren. Zudem kann abhĂ€ngig von der Art der Linie und ihrer Verwendung die Stimmung beeinflusst werden. 

Tacking Left And Right Into The Wind

TatsÀchlich ist es in aller Regel fast unmöglich, etwas ohne Linien zu fotografieren. Linien sind ein Gestaltungselement und tragen so zur Komposition eines Bildes bei. Sie lenken den Blick des Betrachters innerhalb und entlang eines Fotos auf das Hauptobjekt und können den Blick im Bild halten. Es ist sinnvoll, auf die Linien in einer Szene ein Auge zu haben. Ordentlich wird das Bild, wenn schon vor dem Druck auf den Auslöser ganz gezielt nach Linien gesucht wird, um diese nach ihren spezifischen Arten und damit Wirkungen einzusetzen. Selbst die Art und Weise, wie wir ein Motiv in der PortrÀtfotografie darstellen, erzeugt Linien. Erschreckend hÀufig unbeachtet gelassen, aber Tatsache.

« FĂŒhrungslinien »

Aquila degli Abruzzi, Italie 1952 © Henri CARTIER-BRESSON/Magnum Photos
Aquila degli Abruzzi, Italie 1952 © Henri CARTIER-BRESSON/Magnum Photos

FĂŒhrungslinien sind die Linien in einem Foto, die das Auge des Betrachters in das Bild hinein- und im Bild herumfĂŒhren. Je nach gewĂŒnschter Aussage (und Verwendung des Bildes beispielsweise in Druckwerken) sollen die Dinger dazu dienen, den Blick im Bild zu halten oder gezielt hinauszuleiten. Sehr oft wird das Motiv an einer Stelle entlang dieser Linien plaziert. Es kann sein, dass es auf halbem Weg liegt und die Linie dann weiterlĂ€uft. Es kann auch sein, dass lediglich zum Motiv geleitet wird und die Linie dort endet. Ebenfalls ist möglich, dass mehrere FĂŒhrungslinien den Blick des Betrachters zum Motiv fĂŒhren. Im Grunde sind FĂŒhrungslinien wie ein großer großer Pfeil, der sagt « Guck mal, hier ». Quasi wie Offenblende (hast du noch, oder ? Negative space – Auge mag UnschĂ€rfe nicht so. Youpi ! 🙃), aber wesentlich eleganter. Vor allem, wenn Linien zusĂ€tzlich zur Offenblende eingesetzt werden. Der Fotograf hat dann bewiesen, dass er die Kontrolle hat. Das andere ist die aus dem Off heranzischende Plattschaufel. DA ! MOTIV ! WACK !

Ernsthaft – Guck bei Bildern der « grossen » Fotografen nach, also den « echten » abseits der Überzahl der Technologieanbeter. Auch Fotografen arbeiten gelegentlich mit recht offenen Blenden, aber im Wischiwaschi des Unscharfen, da werden sie auftauchen, die den Blick fĂŒhrenden Elemente. Gesehen, integriert und damit bewusst ausgelegte FĂ€hrten. Fotografiert statt nur geknipst. Und es sind beide Augen in der SchĂ€rfe, das kamerafernere zumindest noch annehmbar. 

Das Allerlei der Linien

Linien bilden Formen und Umrisse. Sie können als durchgehende oder unterbrochene Linien auftauchen, etwas einrahmen, dick oder dĂŒnn sein, etwas miteinander verbinden oder trennen. Sie tauchen wirklich ĂŒberall auf, menschengemacht eher « scharf » gerade oder geschwungen, in der Natur eigentlich immer mehr oder weniger geschwungen. Linien schaffen Raum und Tiefe. 

Aus dem Ärmel ein paar Klassiker :

  • Straßen, Wege, BĂŒrgersteige und Promenaden
  • Schienen – eine rechts eine links Blick ins Irgendwo 
 ganz elendes Klischee. Das wurde zu oft gemacht, manchmal auch erfolgreich mit Darwin-Award. Also, selbst wenn du wirklich hart in Versuchung kommst, streng dein OberstĂŒbchen an und such was Originelleres. Kletter zumindest hoch genug. 
  • Schritte – Fußspuren, Spuren von Viechern
  • GebĂ€ude, HochhĂ€user und HĂ€userschluchten
  • Flure und GĂ€nge, Treppen
  • Reihen von BĂ€umen oder LaternenpfĂ€hlen oder FahrrĂ€dern
  • Mauern, Hecken und ZĂ€une
  • BrĂŒcken und UnterfĂŒhrungen
  • KĂŒstenlinien und Uferlinien allgemein
  • FlĂŒsse und BĂ€che
  • der Horizont
  • ExtremitĂ€ten – Arme, HĂ€lse, Oberkörper, Beine. Äste aus Köppen. Scherz.
  • Äste gehen in der Tat ganz prima 😉
  • dazu perspektivische Linien, Linien durch Kamerahaltung (Stichworte unter anderen stĂŒrzende Linie und dutch angle – letzteres ist, wenn eine « Horizontlinie » absichtlich schief ist. « Richtig » schief, nicht nur schief, weil ich die Kamera nicht perfekt ausrichten kann.) 
  • Schatten können auch Linien machen
  • Lichtstrahlen ebenfalls
  • und wenn du einen Blick Richtung Himmel wagst : Kondensstreifen

Das ist nicht abschliessend, wenn dir noch was einfÀllt, schick. Lege das in Gedanken mit dazu. 

Okeeeh. Die Dinger lassen sich grob einteilen.
Vertikale, Horizontale kommen wahrscheinlich jedem umgehend in den Sinn. Es gibt noch mehr und alle haben unterschiedliche Auswirkungen auf das Bild : 

  • dominante Horzontale und Vertikale
  • diagonale Linien
  • implizierte Linie
  • konvergierende Linien
  • geschwungene Linien / Arabesque

Die Vertikale

Vertikale Linien stehen fĂŒr Wachstum, StĂ€rke und Vertrauen in Fotos. Genau wie bei unserer Körpersprache wirken wir, wenn wir gerade stehen, kontrollierter, selbstbewusster und stĂ€rker. Wenn dein Motiv an einer vertikalen Linie « lehnt » (tatsĂ€chlich oder visuell), sieht es « gestĂŒtzt » aus. 

Die Breite vertikaler Linien wirkt unterbewusst. Dicke vertikale Linien fĂŒhlen sich stark und imposant an und verleihen der Komposition StabilitĂ€t. DĂŒnne vertikale Linien wirken zerbrechlicher, leichter und eleganter. Spiel damit. GĂ€ngige Praxis, solcherlei Manipulation.

In der sogenannten westlichen Welt scannen wir Fotos von links nach rechts und nicht von oben nach unten oder umgekehrt und unsere Augen folgen Linien in Fotos. Vertikale Linien können damit dazu eingesetzt werden, um das Auge des Betrachters « nach oben » zu lenken. HÀuserschluchten, die ewigen Klassiker. Du guckst nach oben. Wetten ?

Kiel - Fernheizkraftwerk Humboldtstrasse. 2017.
Kiel – Fernheizkraftwerk Humboldtstrasse. 2017.
 
 

Die dominante Vertikale

Dominante Vertikale – eine herausstechende Linie. Einzelner Baum mittendrin, drĂŒber nur noch der Himmel.

au milieu de nulle part
au milieu de nulle part.
Es ist der Baum da. Der macht die Dominante. Allein durch seine Anwesenheit.

Als « Sonderfall » der dominanten Vertikalen kann die Mittellinie bei Portraits angesehen werden. Bei diesem Vehikel bringst du das kameranahe Auge auf oder möglichst nah an die Mittellinie des Bildes. Es folgt dir der Blick, gleich, aus welcher Richtung das Bild beguckt wird. Psychokram. Funktioniert. Grandios der Besuch im Rijksmuseum mit dem Kumpel, der vorher « Kekse » gegessen hat und die selbstredend in der Portraitabteilung angefangen haben, zu wirken (Magen und in die Blutbahn dauert halt immer so, nech 
 ) 
 Verfolgungswahn muss echt mistig sein 🤪. Es funktioniert nur – nur – mit dem Auge, welches dem Betrachter am nĂ€chsten ist. Mit dem anderen nicht. Probiere es aus. 

Afghan Girl, 1984. © Steve McCURRY
Afghan Girl, 1984. © Steve McCURRY
 
La Gioconda
La Gioconda
 

Die Horizontale

Eckernförder Bucht
Eckernförder Bucht

Horizontale vermitteln StabilitĂ€t. Im Gegensatz zu vertikalen Linien bleibt horizontal horizontal, ob dick oder dĂŒnn. Selbst wenn eine dĂŒnne horizontale Linie zerbrechlicher aussieht und sich zarter anfĂŒhlt als eine dicke – das bleibt ruhig und stabil.

In der westlichen Welt folgen die Augen einer horizontalen Linie von links nach rechts. Das Unterbrechen dieser Linie durch das Plazieren des Motivs in ihrem Weg fĂŒhrt den Betrachter zum Motiv.

Wenn das Motiv vertikal ist, wandert das Auge des Betrachters dann die LĂ€nge des Motivs nach oben. Dies macht das Seherlebnis interessanter, da es den Betrachter auf eine Reise durch das Foto mitnimmt. Ach ja, wenn keine besondere Absicht dahintersteht, dann achte darauf, dass der Horizont gerade ist. Die Szenerie fĂŒhlt sich an wie ein Kartenhaus im Wind, wenn der schief ist. Und soll er schief sein, dann bitte so, dass die Absicht zweifelsohne deutlich wird. 

Leuchtturm Kiel
Leuchtturm Kiel
 
Schiffe gucken.
Schiffe gucken.
 

Die dominante Horizontale

“VIETNAM. The Saigon fire department had the job of collecting the dead from the streets during the Tet offensive. They had just placed this young girl, killed by U.S. helicopter fire, in the back of their truck, where her distraught brother found her. When The New York Times published this photograph, it implied there was no proof that she was killed by American firepower. 1968” Philip Jones Griffiths
“VIETNAM. The Saigon fire department had the job of collecting the dead from the streets during the Tet offensive. They had just placed this young girl, killed by U.S. helicopter fire, in the back of their truck, where her distraught brother found her. When The New York Times published this photograph, it implied there was no proof that she was killed by American firepower. 1968”
© Philip JONES GRIFFITHS / Magnum Photos

Siehst du sie ? Kneif die Augen zusammen, dass der Bildinhalt sich auf helle und dunkle FlÀchen reduziert, dann taucht sie deutlicher auf.

Diagonale

Horizontale und vertikale Linien fĂŒhlen sich stark, irgendwie beruhigend an ; im Gegensatz dazu erzeugt eine diagonale Linie Spannung und Energie.

Wir erwarten, dass etwas auf einer diagonalen Linie abrutscht und man sich selbst auch nicht einfach so gegen eine diagonale Linie lehnen kann, ohne abzurutschen. Dieses SpannungsgefĂŒhl erregt unsere Aufmerksamkeit. Dieses SpannungsgefĂŒhl macht das Bild attraktiver. Aussage und Betrachtungserlebnis werden verstĂ€rkt.

Das HinzufĂŒgen von Spannung macht ein Foto nicht negativ, es kann eine erwartungsvolle Spannung sein, dass etwas passieren wird – gut oder schlecht. Andere Elemente im Foto informieren den Betrachter ĂŒber die Art der Spannung.

     

Diagonale Linien schaffen auch Tiefe in einem Foto, insbesondere wenn sie zusammenlaufende Linien sind. 
Auf- und absteigend (baroque – aufsteigend / sinister – absteigend, auch gebaut aus den Elementen in deinem Bild, vorne gross, nach hinten kleiner werden oder auch umgekehrt. Aufsteigend wird von links unten nach rechts oben « gelesen », absteigend von rechts unten nach links oben. Klingt bescheuert, ist aber so.)

Die implizierte – weiterlaufende – Linie

Eine implizierte Linie kann aus einer Reihe Àhnlicher Objekte bestehen :

  • eine Reihe von BĂ€umen, die Allee
  • LaternenpfĂ€hle in regelmĂ€ĂŸigen AbstĂ€nden am Straßenrand
  • Wolkenkratzer entlang einer Straße
  • eine Gruppe von Leuten in einer Warteschlange
  • die Wiederholung Ă€hnlich geformter Objekte oder Farben
  • Köpfe und Schultern, Blickrichtungen
Pierre-Auguste Renoir - Le DĂ©jeuner des canotiers, 1880-1881, Huile sur toile 130 × 173 cm, The Phillips Collection, Washington (États-Unis)
Pierre-Auguste RENOIR – Le DĂ©jeuner des canotiers, 1880-1881, Huile sur toile 130 × 173 cm, The Phillips Collection, Washington (États-Unis)
Implizierte Linien bis einer weint. Und dann siehst du hoffentlich auch den Kreis, den das Körpergewusel als solches aussenrum bildet ? Youpi ! 🤩

Menschen und Blickrichtung

Mensch als solcher ist neugierig, daher folgen unsere Augen dem Blick einer Person. Ich will « wissen », was die sieht, was die beguckt. Sobald ein Betrachter das Motiv im Foto erfasst hat, folgt er dem Blick des Motivs.

Nur weil implizierte Linien keine tatsĂ€chlichen Linien sind, heißt das nicht, dass sie in der Fotokomposition weniger stark sind als « reine » Linien. Im Filmschnitt ist das von ganz erheblicher Bedeutung und da als screen direction und matching eye-line gelĂ€ufig

Konvergierende Linien

Ich habe konvergierende Linien bereits erwĂ€hnt, als ich ĂŒber diagonale Linien gesprochen habe. Das liegt daran, dass zwei oder mehr diagonale Linien in einem Bild, die sich vom Vordergrund in den Hintergrund eines Bildes nĂ€her zusammenrĂŒcken, zusammenlaufen.

Meistens sehen wir diagonale Linien, die vertikal in die Ferne zusammenlaufen.

Domaine national de Saint-Cloud
Domaine national de Saint-Cloud
 
Hiver. Quai d'Anjou, Paris 4
Hiver. Quai d’Anjou, Paris 4
 
Rue de Castiglione, Paris 1
Rue de Castiglione, Paris 1
 

Beispiele:

  • die Seiten einer langen geraden Straße
  • parallele Baumreihen
  • der Blick vom Boden zwischen zwei oder mehr nahe beieinanderliegenden hohen HĂ€usern, HochhĂ€usern und Wolkenkratzern
konvergierende Linien
konvergierende Linien, alle auf das Hauptmotiv. Kleine Änderung des eigenen Standpunktes und der Höhe und schwupps ! haut vor allem die Linie der GebĂ€udeoberkante ab.

Um die Verwendung von konvergierenden Linien zu maximieren, positionierst du das Motiv an dem Punkt, in dem die Linien zusammenlaufen. Besonders schick ist das mit Weitwinkelobjektiven machbar. Je weiter der Bildwinkel, desto konvergierende Linien im Bild möglich. Kleine TrĂ€ne : Du musst auf die Linien tatsĂ€chlich selber achten und sie zĂ€hmen und hinrĂŒcken – die Optik kann das von alleine nicht und der Grat zwischen « passt » und « knapp vorbei ist auch daneben » ist schmal. 

Schwungvoll – die Arabesque

Die Natur ist voll von geschwungenen Linien. Also – eigentlich gibt es in der Natur keine schnurgerade Linie. Im Gegensatz zu geraden vertikalen, horizontalen oder diagonalen Linien können gebogene Linien das Auge um das Bild und im Bild herumfĂŒhren. Sie können sich wie ein mĂ€andernder Bach durch das Bild schlĂ€ngeln. Anders als bei den « schnellen » Geraden verlangsamt sich bei Arabesquen die Reise des Auges. Das Bild fĂŒhlt sich ruhiger an. Der Betrachter darf mehr Zeit mit ihm verbringen. Habe deine Absichten der visuellen Manipulation des Betrachters im Hinterkopf. 

Gare Du Nord, Paris 10
Gare Du Nord, Paris 10
 
Rue de l'Abreuvoir, Paris 18
Rue de l’Abreuvoir, Paris 18
 
les premiers petit noirs du jour
les premiers petit noir du jour
 

Beliebt ist die S-Kurve. Die kann was. Achte einmal bei Bildern mit Models darauf, wie oft mit der Pose der Körper in ein « S » oder eine krickelig geschriebene « 2 » gebracht wird. Es schmeichelt der weiblichen Form, es macht weicher. Je nach Kamerahöhe und Blick auf das Motiv vielleicht auch kleiner, verletzlicher, beschĂŒtzenswerter.. Da können wir noch so « modern » tun mit Gender und TĂŒdelĂŒt, es ist ganz tief in uns drinnen und wer möchte nicht gern in den Arm genommen werden ? Oder aus tiefer Warte selbstbewusst, sicher und elegant. Ein « S » fĂŒhrt das Auge in einem sanften Tempo in und durch die Fotografie. Damit ein solches « S » allerdings « angenehm » daherkommt, braucht es Übung. So ganz am Rande : Das geht hervorragend auch mit Haaren. Und HaarstrĂ€hnen. Falls du mal nur Kopfportrait machst.

Corsage. pour Maison Aubade, 2012
Corsage. pour Maison Aubade, 2012
 
pour Maison Aubade, 2011
pour Maison Aubade, 2011
 

« Hausaufgabe »

Linien sind eines von vielen Elementen der Komposition, welche die Informationen in deinem Bild « organisieren ». Wenn sie kennst und siehst, weisst du auch, wie die Dinger in Kombination mit anderen Elementen fĂŒr eine Einheit in der fotografischen Komposition verwendet werden können, um Bilder mit einer definierten AtmosphĂ€re und / oder Botschaft zu machen. Es geht nicht immer darum, Linien zu suchen, die den Betrachter zum Motiv fĂŒhren. Manchmal geht es einfach darum, sich der Linien innerhalb einer Szene bewusst zu sein und deren Auswirkungen auf das Bild zu erkennen. Linien in der Komposition können den Betrachter genauso leicht ablenken, wenn ihre Wirkung nicht berĂŒcksichtigt und darauf geachtet wurde, wohin sie den Betrachter fĂŒhren oder eben auch nicht fĂŒhren. Wenn die Linien den Betrachter nicht auf seiner Reise durch das Bild begleiten wird er schlagartig das Interesse verlieren. Trainiere dein Auge, um Linien zu sehen, damit sie zu einem natĂŒrlichen Teil deiner Previsualisierung und dann deiner Bildkompositionen werden. Mach es ebenfalls zu einer Gewohnheit, eine Szene flott nach solchen Elementen abzuscannen. Sehen statt nur glotzen.

de Steiger, Amsterdam.
de Steiger, Amsterdam.
Die Fahrspur fĂŒhrt hin, der Schatten der Laterne rechts fĂŒhrt hin. Die Horizontale fĂŒhrt hin.

Versuche die Fehler zu vermeiden, die gerne genommen werden :

  • FĂŒhrungslinien fĂŒhren ins Nichts oder sind zu schwach, um klar auf das Hauptobjekt hinzuweisen
  • FĂŒhrungslinien fĂŒhren vom Hauptobjekt weg, aus dem Rahmen raus, ohne das Hauptobjekt betonen zu können. Meistens ist so ein Malheur bei implizierten Linien zu beobachten oder wenn das Objekt des Hauptinteresses ein zu geringes visuelles Gewicht in der Gesamtkomposition hat – oder kraft Kontrast ein « falsches » Gegengewicht liefert, welches die LinienfĂŒhrung dann quasi ins Gegenteil des Gewollten verkehrt und den Blick aus dem Bild schleudert
wrong lines in an image
Hier ging das schief mit den FĂŒhrungslinien. Der Kontrast des braunen StrassenbegleitgrĂŒns ist zum Asphaltband zu schwach – der Blick fliegt direkt vom gelben Boppel ĂŒber die Strasse nach unten raus.
 
wrong verticals in an image
Hier ist auch Kontrast der Killer. Das Gelb der Jacke brĂŒllt und zieht *sofort* den Blick. Von da aus geht es dann nach oben ins Nichts, statt den Weg lang.
 
wrong leading line in an image
Und schon wieder diese Kontrastgeschichte. Auch wenn die Vertikalen recht dominant sind – der Weg ist nicht so dolle. Echt nicht. Ist doof. Da bleibt ein mulmiges GefĂŒhl zurĂŒck. Den Kadaver zwei Meter nach rechts schleppen und die Welt sĂ€he anders aus.
 

Wenn du die Richtungen, die die Elemente in deinem Bild einschlagen, siehst, warte auf den « entscheidenden Moment ». Er wird kommen.

Alberto Giacometti, Paris, 1961 © Henri CARTIER-BRESSON/Magnum Photos
Alberto Giacometti in his studio, Paris, 1961 © Henri CARTIER-BRESSON/Magnum Photos.
Beachte das verwischte Bein. Dessen Stellung ist kein Zufall, da wurde beobachtet und abgewartet. Und wahrscheinlich schon lange vorher das Potential des Zwischenraumes zwischen den Statuen gesehen.

Kombiniere Linien mit anderen visuellen Mustern, zum Beispiel Rahmen. Fluchtpunkte im Bild können als Kreuzungspunkte benutzt werden, um auf denen oder in deren umittelbarer NĂ€he das Hauptobjekt zu positionieren. Das Zusammenspiel von fĂŒhrenden Linien mit der « Drittelregel » kann Wumms haben. Motiv in die unmittelbare NĂ€he oder gar auf die Kreuzungspunkte, Linie da hinzeigen lassen, Balance nicht ausser Acht lassen. Ebenso das Spiel mit negative / positive space. So die Idee. Also, auf jeden Fall deutlich angenehmer zu begucken, als Motiv ohne Denken da anzusiedeln ohne Linien ohne negative space ohne Balance 
 quĂ€le dich durch die Forengalerien – dĂŒrfte keine Minute dauern, bis das erste Paradebeispiel die Laune trĂŒbt. Habe die Linien, die den Blick des Betrachters im Bild halten, im Hinterkopf. Die kommen gerne erst « auf den zweiten Blick ». Und sie sind Ă€usserst wirkungsvoll. Verkompliziere die Sache erst einmal nicht, halte dich mit ĂŒberladenen Kompositionen zurĂŒck.