24 Mai 2024

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In der ‘Fotografie’ wird deutlich zu viel über Sachen palavert, die kein bisschen dazu beitragen, bessere Bilder machen zu können oder überhaupt ‘besser’ zu werden. Zu kurz kommen die Dinge, die von grundlegender Bedeutung für derlei Schritte sind. Dazu gehört ganz weit nach oben das Editing. Culling. Sortieren. Aussortieren. Ausmisten. Eindampfen auf die wirklichen Perlen. 

Profis beherrschen das (viele auch eher so leidlich 😉 ) und für dich ist das auch von Nutzen 🙂 Bildauswahl ist nach dem Machen selbst mit *die* wichtigste Sache bei der Fotografie. Buch | Essay | Reportage | Diashow – alles möchte eine hübsche Reihenfolge haben, die es schafft, den Betrachter bei der Stange zu halten. So etwas halte ich nach wie vor für « die echte Fotografie ».

Seit meinen ersten ernstzunehmenden Stolpereien in Sachen Fotografie bin ich es gewohnt, in Serien zu denken und zu arbeiten. Projekte, essays, editorials – das sind alles Geschichten mit einem Anfang, einem Mittelteil und einem Ende. So der Ausgangspunkt. Und das ist von Anfang bis Ende toll, so eine Geschichte entstehen zu sehen und zu wissen, dass es (auch) dein Baby ist. 

You Really Want the Pixie Dust

« Ich habe kein bestimmtes Thema, ich fotografiere von allem etwas … Das Aussuchen geht mich nichts an. »  
Denk ganz schnell nochmal … Es geht darum, aus einem Haufen Material nach allen Regeln der Kunst etwas entstehen zu lassen, das für dich von Bedeutung ist. Denn sonst hättest du die ganzen Bilder kaum gemacht, oder ? Unsortiert und ‘einfach so’ werden die auf den Festplatten verrotten. Kümmern wird sich darum niemand. 

Du zögerst, du drückst dich drumrum, eine Entscheidung zu treffen. Da ist hier eins und da eins und ansonsten macht sich eine fiese Leere breit. Viele sehen zudem irgendwie ‘gleich’ aus. Trotz einiger starker Bilder gelingt es nicht, daraus eine zusammenhängende Serie zu machen, die eine echte Geschichte erzählt. Ergebnis : Dein Projekt bleibt in Entwurfsform und die Frustration darüber, dass es so ist, juckt dich. Ich kenne das, da sei dir man sicher 😉 .

« Auswählen ist wohl wichtig, wenn man ein professioneller Fotograf ist, der Bücher und Ausstellungen macht … Aber für einen Amateur wie mich, der nur zum Spaß fotografiert, ist das nicht ein bisschen überflüssig ? » 

Ich hab darüber geschrieben : Es gibt für Enthusiasten, Amateure, Hobbyisten – wie immer du dich bezeichnen magst – keinen einzigen Grund, um professionelles Arbeiten einen Bogen zu machen. Lass das Schwadronieren ; Faulheit und Bequemlichkeit sind keine Gründe. Das sind reflexartige Ausflüchte, etwas seinzulassen, weil es mit Aufwand verbunden sein könnte …
Ich würde sogar sagen, dass die Sortierung | Auswahl in einer künstlerischen und ‘laienhaften’ Praxis wichtiger ist als in einer professionellen Praxis, wo am Ende vor allem der Kunde entscheidet. Denn sagen wir es mal so : Ein schönes Einzelfoto zu machen ist gut, aber eine Geschichte in Bildern zu erzählen, das schafft einen Zusammenhang, das ist noch besser. Das gibt diesen gewissen Unterschied zu ‘gewöhnlichen’ Fotos, die schnell vergessen (oder gar nie gesehen) werden und einer beeindruckenden Serie, auf die du stolz sein wirst. Egal, ob du eine Ausstellung anstrebst oder einfach nur ein schönes Online-Portfolio zum Teilen mit den Lieben haben möchtest, die Bildauswahl ist (nach dem Beherrschen fotografischer und visueller Techniken) der Schlüssel zur Verbesserung deiner Arbeit.

Wir unterschätzen oft die Schwierigkeit des Auswahlprozesses. Wir konzentrieren uns auf das Fotografieren und denken, dass die Fotos ‘für sich selbst sprechen’. Wenn es allerdings an der Zeit ist, Entscheidungen für eine Serie, ein Portfolio, ein Projekt zu treffen, dann wird sehr flott klar, dass das eine ganz andere Hausnummer ist.

Des Übels Wurzeln

  • es fällt schwer, bestimmte Bilder sausen zu lassen, wenn sie eine Serie ‘behindern’ ➙ Kill. Your. Darlings.
  • diese ständigen Zweifel an Entscheidungen, aus Angst, die besten Fotos zu verpassen ➙ Fotografier zielgerichtet und konzentrierter. Mit weniger Geraffel.
  • gelähmt und oder überfordert von der Menge an Dateien hocken, das Sortieren dauert ohne solide Methodik sehr lange ➙ Grundlagenforschung in Sachen Bild
  • es ist schwer, objektiv zu bleiben und von den eigenen Bildern Abstand zu nehmen ➙ lass sie eine Weile liegen und frag vertrauenswürdige Dritte 

Noch was vergessen ? Schreib mir, wenn dir noch etwas einfällt 😉 

Unter ähnlichen Fotos auswählen, Bilder beiseite legen, die uns gefallen, eine drastische Auswahl treffen, eine Erzählung aufbauen … Das braucht Methode, statt Improvisation.

Embrace the Fish - Ran an den Braten

Der reinen Vollständigkeit halber absolut notwendige Grundlagen für den ‘Anfänger’ – Machst du das ohnehin schon, dann überspring diesen Abschnitt einfach und geh gleich zum nächsten 😉

Import auf die Platte und Dateistruktur

Kampf gegen das Chaos – eine vernünftige Dateistruktur. Ich mach sowas mit einem Kartenleser, weil das mit meinen Kameras regelmässig schneller ist, als ein Transfer aus der Kamera und zweitens das Ding vom Rechner seinen Strom bekommt, statt den Kameraakku leerzusaugen. Das am Rande. Wenn dein Wunderkasten mit USB-C zugange ist, dann zu. 
Import von Bildern sollte heutzutage jedes ordentliche Programm beherrschen, mach dich da schlau, wie das mit dem deiner Wahl funktioniert. Da muss man sich einmal mit beschäftigt haben.

Ich selber mache das mit PhotoMechanic, ohne Datenbank dahinter, einfach so auf die Platten. Sehr schnell aus mehreren Lesern (wenn ich unterwegs bin in gleich zwei Speicherorte (‘backup’ !) – zuhause nur auf eine Platte, den Rest macht CarbonCopyCloner artig im Hintergrund von alleine im Laufe eines Tages), Grundstock an Metadatenzeugs sofort mit dazu und ich kann im Grunde mit dem Sortieren schon anfangen, während die Karte noch knistert, selbst Vollbildansichten sind ratzfatz gerendert (das ist mit eine Sache, die mich bei diesem Lr ohne Ende nerven würde – schnarchlahmes Rendering, bis man da überhaupt mal was zu Gesicht bekommt. Geht gar nicht. CaptureOne ist da wesentlich brauchbarer. Kann sein, dass sich das mit diesem Lr vielleicht doch noch geändert hat – mir kommt der Plunder auf keinen Rechner …). Mit dem Photomechaniker bin ich seit Ewigkeiten auf ‘Du’, irre umfangreich und mal gemacht für alle Arten an Pressearbeit, incl. wilde Dateinamenanhängsel oder Bilder aus dem Programm geradegerückt, verschlagwortet, betitelt, zurechtgeschnitten rausschicken per mail, FTP und was es da sonst noch so schnieke Sachen gibt. Grossartig sonst bearbeiten ist nicht, die gehen tatsächlich davon aus, dass man ordentlich belichten kann …  Die ‘Plus’-Version hat eine sehr flotte Datenbank dahinter für alles, was in Zukunft noch passieren könnte, mit den Bildern. Für den ‘Normalverbraucher’ ist das möglicherweise der overkill 😉 
Wie geschrieben, mach dich da für ‘dein’ Programm schlau. 

Meine Dateistruktur sieht so aus : yyyy-mm-dd [Kurztext]. Jahr in vierstellig, Monat in zweistellig, Datum in zweistellig, ganz kurzer Kurztext, was drinnen ist. Das hat den Hintergrund, als diese Computer ja stumpf sind und nur nach Zahlen und dann alphabetisch sortieren können und so bleibt die Reihenfolge (incl. des Jahresverlaufes … ) ’sauber‘. Ich mache Bindestriche rein aus Gründen meiner eigenen Lesbarkeit. Ist für mich angenehmer, als eine achtstellige Kolonne. Mehr brauche ich für das, was ich mache, nicht. Überlege dir ‘dein’ System und – WICHTIG – halte es simpel, behalte es bei und bleibe dabei. Wilde Änderungen später geleiten dich in die Hölle 😉 .
Und : Ich mach das sofort nach einem Auftrag oder Ausflug oder ‘walk’, mindestens täglich. Ansonsten droht die Sache aus dem Ruder zu laufen, wegen Überblick verloren und so. 

Lebensretter : Schlagworte

Es. Ist. Nervig. Und es wird dich retten : Schlagworte. Keywords. Direkt mit dem Import und umgehendst danach, dann ist es von der Backe. 

Wenn du absoluter Novize bist, dann wird das jetzt hart und zeitaufwendig – ALLE Bilddateien abarbeiten. Jeden Tag eine Handvoll Ordner. Sonst wieder die Sache ganz unten im Keller mit der fiesiglichen Hitze und den mies guckenden Typen, die da schmoren 😉 . Mach es. Dröppsche für Dröppsche.
Ok. Schlagworte. Guck in deinem Programm nach, was es an Möglichkeiten für die Metadaten gibt. Die für die Kamera sind die unwichtigsten für eine Suche, irgendwann. Interessiert nur Foreninsassen und sonst echt niemanden. Mir sind Kamera-Optik-’Freistellung🤪’-Kombos herzlichst wurscht ; ich suche Bilder und bei denen ist der Inhalt entscheidend. Punkt.

Gut wäre, wenn das nach IPTC-Standard da drinnen ist. Gut wäre dann auch, wenn du dir presets mit dem Kram anlegen kannst, die sparen nämlich eine richtige Menge Arbeit. Ich hab welche für die aktuellen Projekte und welche für die Orte, an und in denen ich mich häufiger rumtreibe – da stehen die grundsätzlichen Sachen schon drin. Und dann eines mit dem Namen ‘_zusätzliches’, wo halt nach Import die Feinheiten zu den Bildern dazugemauschelt werden (der Unterstrich im Namen macht, dass dieses template ganz oben in der Liste steht … ). 
Mach. Das. Ordentlich. Pfuscherei an dieser Stelle wird sich rächen. Einfach glauben, jetzt 😉 . Vor allem die keywords – bei mir fliegt da alles, aber auch wirklich alles rein, was mir durch den Kopf geht. Auch Gefühle. Als Substantive und vor allem als Adjektive. Wenn ich gesteigertes Interesse auf ein Tier lege, dann den Namen auch in Englisch und in Latein. Sind Models mit im Spiel deren Alter zum Zeitpunkt der Aufnahme und vor allem WO die Freigaben zu finden sind und wie diese Dateien sich nennen (Eine Version von diesen Dokumenten liegt auf jeden Fall mit im Ordner für die Bilder.). Urheberrechtsvermerke, bei mir dann viel auch die Lizenzvermerke und wo das wie lange in welcher Grösse verwendet werden darf, nech. 
Wenn du richtig weit vorne bist, füllst auch die Felder für die Bildunterschriften, Titel und Alt-Texte mit aus. Ist eine reine Übungssache, sagen die Presseprofis. Meiner einer ist da doch noch zu oft zu faul für. Dafür hab ich aber den ganzen Rest … 
Ich lass die Dinger dann möglichst in die Bilddatei mit reinschreiben. Dieses Gefiddel mit sidecar-Dateien, das tu ich mir kein Stück mehr an. Vergiss es. Aus Gründen. War angewidert nervig.

Ob du deine keywords ‘hierarchisch’ oder anders haben willst, überlasse ich komplett dir. Ich habe von diesen ‘Hierarchien’ keinen Plan und es hat mir auch noch keiner vernünftig beipulen können, wofür das nun so ganz doll besonders gut ist. Ich suche offenbar irgendwie ‘anders’. Bool’sche Operatoren sind mir geläufig wie auch der Umgang damit. Die guten Datenbankprogramme mit den guten Suchmöglichkeiten beherrschen die. Meine Meinung, deine kann anders sein, nix los 😉 . Ich kenne freilich ausreichend Hilfeschreie in Foren, wie denn nun diese Hierarchie und mit sooo viel Mühe und Plan und Zauber …. von diesem neuen (hier 27 nicht jugendfreie Begriffe in Grossbuchstaben einsetzen)-Programm plunderig übernommen oder gleich ganz verweigert werden. (Bearbeitungen und so stehen bei mir durchaus in sidecars, aber die gehen mit dem fertigen Bild keinen mehr was an. Die bleiben einfach hier. Punkt. 😙 Von den Pixelschubsern bekomm ich die auch nie zu sehen, da kommt nach Freigabe immer nur das fertige Bild zurück … )
Gibt Programme, die arbeiten mit AI. Ist bei Gesichtserkennung irgendwie brauchbar, bei der Verschlagwortung … naaaa ja. « Entsättigt ». « lebendig ». « Gesättigt ». « Veilchenrasanthmühstikkblau ». « Frau ». « Mann ». « Durcheinander ». « Baum an dem sich ein Mann mit beiden Armen festhält und seinen Kopf heftig gegen die Rinde schlägt im Hintergrund ein lachendes Mädchen in einem sehr weiten Hemd ». … Wer sucht nach sowas ? Wenn ich ein Auto suche, dann weiss ich eine Marke und tippel die ein. Irre sind diese AI-Kasper aber, wenn die mit kompletten Ausdrücken a.k.a. prompts gefüttert werden können. Es ist grandios, was die dann aus allem so rauskramen.

Hier – nur mal so zum Grinsen. Achte auf die Bildunterschrift :

Screenshot National Geographic series “Photographer”, 2024

Und das passiert, wenn eine AI auf den ‘alt’-text losgelassen wird :
“Image may contain Wristwatch Photography Accessories Glasses Adult Person Clothing Hat Face Head and Bracelet”
Alt-Text dient ja dazu, falls das Bild nicht oder nur lahm geladen werden sollte, dem Leser eine Vorstellung zu geben, was da gezeigt werden sollte … Ey … 🤣 Glaubwürdigkeit des Artikels gleich mal mit Fragezeichen versehen. Da ist mir ein nichtssagendes ‘img0815.jpg’ lieber. Das ist ehrlich und keine ‘Fehlinformation’.




Überblick verschaffen

Noch einmal zu « Ich habe kein bestimmtes Thema, ich fotografiere von allem etwas … » Flöh deine Dateisammlung nach sich wiederholenden Bildern und ob die Themen bilden … Es werden sich welche finden, das ist sicher. Da sind Themenbereiche versteckt. Reflektiere kurz über das, was dich fasziniert, wo du hinterherbist und und und. 
Denk drüber nach, WARUM du fotografierst. Versuche es zumindest. Es ist wichtig, wenn Du die Sache ernstmeinst.

Schreib es einfach mal runter. Notizbuch (Hast du doch, oder ? Füllt sich auch, non ? Machen). Als Beispiel : Warum fotografierst Du Sonnenaufgänge oder bist allgemein mit oder gar noch vor den Hühnern und vor allen anderen unterwegs ? Schönheit der Natur ? Was da genauer ? Versuche, es in Worte zu fassen. Die Ruhe ? Die Friedlichkeit, bevor das Chaos eines Tages beginnt ? Kindheitserinnerungen oder Erinnerungen allgemein an schöne Zeiten ? Was lösen solche Bilder in Dir aus ? Greif Dir aus den links eben die Fragen und fang an, drüber nachzudenken. Schreib es auf und haltes es ‘zusammen’ – bei mir sind das inzwischen 16 eng beschriebene Seiten, da hat sich was angesammelt. Aber es hat sich dabei rauskristallisiert, warum ich das mache und warum ich manche Dinge auch immer wieder mache. Ebenfalls, was sich über die Zeit ‘verschiebt’. Da ist was mit Herzblut ☺️. Und das ist gut zu wissen. ‘Zusammenhalten’ – also an einem Platz (kleb Seiten dazu, mach ein Leporello 😉 – ist sinnvoll, denn manchmal tut es einfach nur gut, quasi zurück auf Anfang zu gehen und zu gucken, warum diese innige Beziehung zwischen dieser Fotografie und mir überhaupt irgendwann in grauer Vorzeit einmal angefangen hat. FrüherTM als man noch unbedarft war, bevor diese vermeintlich toootal wichtigen technischen Wichtigkeiten sich versuchten, reinzudrängeln …  

pourquoi je fais des photos
pourquoi je fais des photos

Dann : Zeigen Deine Bilder das auch ? Und wenn Du der Meinung bist, dass das so ungefähr rüberkommen könnte, beinhalten die on top noch Dinge, die einen unbeteiligten Betrachter beeinflussen können ?
Dann : Lässt sich daraus eine Serie, ein essay mit Text dazu (einfach nur Bericht – mach ihn spannend), Gedichten, sonstigen Textschnipseln … irgendetwas von zaubern, das es wert ist, als ‘Gesamtheit’, als ‘Werk’, als ‘Werdegang’ zu präsentieren ? Toll ! Dann bist Du schon mittendrin, in der wichtigsten Sache nach dem reinen Fotografieren 🙃.

Making hay while the sun shines - Editing. Culling.

Da hast Du nun die Bilder in Deinem Programm. Zur Arbeitserleichterung mach Dich mit den shortcuts des Programms Deiner Wahl vertraut, die machen die Sache schneller. Erheblich. Wenn Du eine Maus von Logitech Dein Eigen nennen sollest : Die Dinger können mit LogiOptions für einzelne Programme ‘programmiert’ werden, auf das die Geschichte mit den shortcuts noch schnieker vonstatten gehen kann 😋 – ganz feine Sache, das.

programmer un souris Logitech
logiciel LogiOptions+ pour programmer un souris Logitech

Was nun kommt, erscheint Dir vielleicht ein klein wenig unsortiert, durcheinander, wirr. Tut mir leid, ich kenne keine strikte Reihenfolge dabei. Ist so 😉 .

Abstand gewinnen

Das ist wirklich wahrhaftig und tatsächlich unumstösslich ganz ganz wichtig. Von den subjektiven, höchsteigenen Empfindungen auf ein Level einer gewissen ‘Objektivität’. Das ist eine lausige und schwierige Sache, sage ich gleich. Das braucht Arbeit an einem selber, so abgebrüht zu sein oder werden, Bilder einfach auf rein inhaltliche und kompositorische Sachen hin durchzuflippen und den (eigenen) emotionalen Kram dabei aussen vor zu lassen. 
Als ich weiland mit der Sache mit dem Sortieren und den Themen ernsthafter angefangen habe, war es ganz gut, die Bilder auf die Festplatte zu schieben und da einfach ein paar Tage liegenzulassen. Dann erst durchgucken. Das schafft einen gewissen ‘Abstand’, die Euphorie des ersten Abends Augenblicks ist zu einem Gutteil verflogen und es werden deutlich weniger Dinge übersehen, die etwas ‘schief’ sind. Inzwischen kann ich das, wenn die Kamera aus der Hand gelegt wird und die Bilder auf dem Bildschirm sind (ich mach on the job viel mit tethering direkt in den Rechner). Abgewichst. Oder professionnel. « Oh, das habe ich gar nicht gesehen, gerade. Dann lass das Bild gleich noch einmal wiederholen » … 

Mehrere Durchgänge

Tip aus der Pro-Ecke : im allerersten Durchgang in der thumbnail-Ansicht durchgehen. Thumbnail offenbart in den allermeisten Fällen sofort eine misslungene Komposition. Was in klein schon irgendwie krude aussieht, wird erfahrungsgemäss als Vollbild krude bleiben. Das ist bei mir der Durchgang, in dem die ‘brauchbaren’ eine Farbmarkierung bekommen. Geguckt wird nach offensichtlich technischen Unzulänglichkeiten, Komposition Komposition Komposition, Balance, Farben und Farbharmonien, fiesen Überlappungen, figure-to-ground, framing, bei Menschen gesture oder ganz doll schicker Ausdruck, Narrativ – guck ruhig hier noch einmal rein, da ist das etwas näher erläutert.
In den folgenden Durchgängen dampfe ich diese Auswahl weiter ein, bis die Handvoll überbleibt, die dann auch wirklich ‘gut’ ist. Dafür darf dann auch die Vollbildansicht ran und croprahmen gezogen werden, soweit erforderlich. Eventuell kommen Anmerkungen dazu, wie das weiter bearbeitet werden soll. Dodge and burn und so Sachen. Wie früherTM in den Laboren der Master-Printer. 

planche contact annotée - Audrey HEPBURN par Dennis STOCK © MAGNUM photos
planche contact annotée – Audrey HEPBURN par Dennis STOCK © MAGNUM photos

Sei bei diesen Durchgängen des Einkreisens der ‘guten’ radikal, aber nicht zuu radikal. Frag Dich bei jedem Durchgang, ob das Bild einen ‘höheren’ Standard erreicht, als der Rest. Im folgenden Lauf diese Latte wieder ein Stückchen höher legen. Hast Du zwei Bilder, sehr ähnliche oder ‘gleiche’ von einer Sache, aber in unterschiedlichen ‘Qualitäten’, dann behalte beide. Sagen sie das Gleiche aus, drück eines weg.
Es kann sich anbieten, bereits in diesem Stadium anzufangen, Gruppen zu bilden und damit bereits in eine Stufe des sequencing einzusteigen. ‘Gruppen’ meint hier diese ‘Unterbereiche’ des Hauptthemas. Stell es Dir vor, wie Unterkapitel in Texten. Dabei kommen ganz gerne neue Verbindungen zwischen und unter den Bildern vor, wenn Du offen bist und Dich von einem strikten Festhalten am ursprünglichen Plan lösen kannst. ‘Gruppe’ kann alles sein zwischen einem Pärchen und einem Set von zehn bis 20 Bildern 😏.

Wie Du markierst, überlasse ich Dir. Ich mache das mit Farben, nachdem das mit der Übernahme von Sternchen in ein anderes Programm mal schiefgegangen ist und Sterne ausserdem nervig und vollkommen überbewertet sind. Ist ‘sooo Internet’ 😜. Wichtig ist nur, ein System durchzuhalten und beizubehalten.

Kill. Your. Darlings.

Ebenfalls eine ganz wichtige Sache, bei Fotos (und auch im Filmschnitt). Wie hart das Machen des Bildes war, interessiert keinen. Wie sehr du das Mädel | den Typen | das Durcheinander magst, auch nicht. Technischer Aufwand ? Vergiss es. Wenn das Bild für eine Serie oder Sequenz keinen Sinn ergibt, dann raus damit. Siehe von eben das mit dem ‘Abstand gewinnen’ 😉 dann kann das leichter sein. 

Fotografier zielgerichteter und konzentrierter mit Themen(bereichen).

Wenn Du Deinen Bilderwust nach Themen durcharbeitest, wirst Du feststellen, wie viele da eigentlich und überhaupt zu was passen ☺️ Der Vorteil von Themen tritt dabei zutage : Du hast so grob im Kopf, was du möchtest und dafür brauchst und wo du bist und was da vielleicht noch gemacht werden will. Hab side-projects – das sind die kleinen Dinger nebenbei und für nebenbei. Menschen die nach oben gucken. Strassenhunde. Grafitti. Abhängen. So Sachen halt, die irgendwie immer ’so’ mit abfallen. 
Kein Grund, « daily snaps » in die ewigen Jagdgründe zu verbannen – weiterhin immer fröhlich machen. Und feststellen, dass selbst die in Themen Serien Essays passen werden. Ist so. Skurril und mysteriös. Beinahe – Dein Unterbewusstsein arbeitet mit, weil da so eine Idee abgelegt ist.

Grundlagen Grundlagen Grundlagen

Die alte Leier : Kamera kennen. Fotografische Techniken kennen. Visuelle ‘Techniken’ kennen, die sind die Grammatik der Fotografie. Bleib am Ball, erweiter dieses Repertoire. Und mach unterschiedliche Sachen. Immer die gleichen Geschichten lässt dich einrosten. Keep the creative fluids rushing. Ausserdem macht es mehr Spass, wenn Du beobachten und feststellen kannst, wie das mit den visuellen Kommunikationsmitteln besser wird 🙂.


Auswählen ist wichtiger, als das Fotografieren, um einem fotografischen Stil Persönlichkeit zu verleihen. Es greift hinsichtlich Stil und Persönlichkeit ineinander über, denn Deine Art zu fotografieren wird sich allmählich aber sicher ändern. Deine Auswahl spiegelt ohnehin einen Teil Deiner Persönlichkeit wider, denn Du willst und hast damit etwas zu sagen, möchtest etwas ganz bestimmtes zum Ausdruck bringen und das bist halt Du.

Wenn nun *die* Endauswahl steht, kopier sie in einen Ordner, bearbeite sie. So, dass es einen einheitlichen Eindruck ergibt und dann druck diese Bilder aus. Billoqualität auf Billopapier reicht vollkommen aus. Geht nicht um Details, geht um Das Grosse Ganze. Du wirst da länger und intensiver draufgucken und da werden thumbnails auf dem Monitor, um den Überblick zu behalten, ganz schnell zu einer Qual für die Augen. Handtellergrosse Bilders (das sind sechs Bilder auf einem DIN A4 Bogen) langen aus Gründen der Überschaubarkeit des Gesamthaufens (oder willst auf eine Leiter krabbeln ? Eben … ), denn :

There Is Always An Afterparty : Sequencing.

Zum einen ist es schön, tatsächlich etwas im wahrsten Sinne des Wortes « in der Hand zu haben ». Desweiteren lässt sich damit besser spielen, als Sachen am Bildschirm hin- und herzuschieben. Auf den Bildern lässt sich hervorragend noch was notieren, falls Dir urplötzlich beim Angucken Gedanken durch den Kopf jagen, die aufzuheben sich lohnt 😉.

set photos pour faire des sequences
set photos pour faire des sequences

Beim sequencing geht es darum, der getroffenen Auswahl an Bildern eine sinnvolle Reihenfolge zu geben, einen flow. Vor allem der flow ergibt sich sehr oft und gerne quasi von alleine, wenn das alles körperlich vor einem liegt oder angepinnt ist. Fang mit einer ‘zufälligen’ Reihenfolge an, alles weitere wird sich ergeben. Auch hier kann das « kill your darlings » noch einmal zuschlagen, sei da jetzt allerdings radikal. Keine Gnade. Es bringt die Geschichte nur ins Trudeln, wenn die auf Teufel komm raus ‘gerne’ dabeibleiben. Habe ‘Das Grosse Ganze’ huuuuuuhhhhh 😀 im Blick statt einzelner Bilder. Grundzüge einer Bildergeschichte hast Du noch ? Establishing shot, medium, close-up, detail ? Youpi ! 😍 Ansonsten guckst beim Geschichtenerzählen für Film noch einmal rein, das gilt auch für Bildergeschichten.

Dann die Geschichte mit dem Bilden von ‘Gruppen’ – hatte ich oben gerade erwähnt. Dabei habe im Hinterkopf, wie das Endprodukt aussehen soll. Gedruckt als Buch oder Magazin ist etwas anderes, als Diashow oder Serie oder Portfolio für die Webseite oder gar Ausstellung. Schieb die Bilder lustig hin und her, welches mit welchem zum Beispiel auf einer Doppelseite auftauchen kann, was lieber alleine stehen mag und wie alles zu einem ‘Erzählstrang’ mit allen ups and downs werden möchte. Es ist eine Art von Magie, was da passiert, selten vorhersehbar 😎.

Zu den Faktoren, die eine Rolle dabei spielen, ob Bilder nebeneinander funktionieren, gehören negative und positive space, Qualitäten, die die Bilder einzeln vermitteln und die zusammenpassen, Farben- und Lichtspiele, bedeutsame Ironien in den Paarungen und so weiter. Achte auf die ‘Übergänge’ – zum Beispiel Geschichte an der Küste : Eine Abfolge könnte sein Land – Land und Meer – Meer. Oder wenn Du einen Grund für harten Kontrast hast, Land – Meer. ☜ da kau etwas drauf rum und mach Dir Gedanken. In diesen paar Worten versteckt sich wesentlich mehr, als es auf den ersten Blick aussieht … 

Dann drehst Du die Reihenfolge der Doppelseiten um und guckst, ob und was passiert. Dieses Spielchen wird so lange betrieben, bis keine Bilder mehr übrig sind oder bis sich das, was erzählt wird, wiederholt. Dann hast Du eine Reihenfolge, die wie die Glieder einer Kette miteinander verbunden sind. Funktioniert bei allem, was Du jemandem präsentieren möchtest – essay, fotojournalistische Projekte und Dokus oder ‘nur’ schlicht eine Familienfeier. Sequencing geht über ein « Habe ich so zusammengestellt, weil mir das so gefiel » hinaus. Wirst Du feststellen, wenn Du das zwei-, dreimal gemacht hast. 

Diese Reihenfolge klebst am besten zusammen oder numerierst sie durch oder was auch immer. Die sollen so bestehen bleiben. Oder – wenn es Buch, Magazin werden soll – bastel einen Dummy. Der hat den Vorteil, als da Textblöcke mit eingemalt werden können. Das Ding gibst Du rum. In der Familie. Mit dem Siegel der Verschwiegenheit im Freundeskreis. Und jeder darf und soll seinen Senf dazugeben, was eventuell unter Umständen möglicherweise anders gemacht werden könnte sollte müsste. Endergebnis wird etwas sein, das sich auch ‘Otto Normalverbraucher’ angucken wird.

Wie ein Dummy geht ? Mach Dir einen Kopf über das Seitenformat. A4 ist meistens doof. A5 diesen Tacken zu breit, der es nach Kladde aussehen lässt. Greif ins Bücherregal zu Deinen Lieblingen und leg das Massband an. Bei Zeitschriften dito. Bei denen ist ein Zwischending von A4 zu A3 manchmal ganz geil. Für dieses Format druckst Du Deine Bilder aus. Untere mittlere Quali reicht vollkommen aus, es darf drin rumgemalt werden. Schnippel Papier zurecht. Kleb die Bilder wie gewünscht drauf. Spätestens da wirst Du auch feststellen, was seitenübergreifend funktionieren wird und was eher in die Wicken geht, weil der Falz durch irgendwas durchgeht, das doch wichtig war … 🤨. Das kannst dann nach allen Regeln der Kunst zusammennähen (Anleitungen gibt es in diesem Internet, Stichwort « Bücher selber binden » oder so) oder stumpf tackern. Oder mit durchsichtigem Packband zusammenkleben. Anschliessend siehst Du selber schon, wie das Ganze einmal aussehen könnte. Und es ist immer wieder irre, wie sich sowas anfühlt. So echt. Umblättern … Irre. 
Wie dann das fertige Ding aussehen wird, überlasse ich Dir. Ich habe für vieles das eher ‘mittlere’ Papier, etwas dünner, kein high-end Druck. Ist eine Sache von Ausprobieren und Scheitern. So ein trade book wohnt in der Fototasche und kann gerne auch mal weggegeben werden. Oder gleich verschenkt. Oder als Kladde dienen (*noch* persönlicher gehen Notizbücher kaum noch 😙). Zum ‘Angeben’ zuhause oder für Oma darf die Gesamtqualität etwas geiler sein, ist klar 😎.

Pro-Tips 

Mach einmal einen schmalen Band ‘so richtig’ fertig (Bilder und GANZ GANZ GANZ DOLL WICHTIG alle möglichen Schriftgrössen – die meisten von denen, die am Monitor irgendwie ‘gut’ aussehen, sind dann in natura deutlich zu gross. Deutlich. Leseanfänger. Spiel Überschriften in fett, semifett, aufrecht und kursiv, Seitenzahlen etc. pp durch … )  und such Dir beim Dienstleister des geringsten Misstrauens die Papiere und und und aus, zu denen Du ein ‘Gefühl’ haben möchtest. Kleines Buch ist anders als grosses Buch ist anders als Coffetable-Klotz ist anders als Zeitschrift ist anders als Magazin. Dann hast Du das live und in Farbe einmal in der Hand und kannst es fühlen. Das ist schon gewaltig, wie sich da etwas an Beziehung zu dem Werk entwickelt. 

Planst Du eine Diashow, nimm Un. Be. Dingt. beim Fotografieren O-Töne von vor Ort mit. Machen. Es ist sooo viel geiler, als nur Schraddelmucke. Denn Du eröffnest dem Betrachter subtil eine weitere Erfahrungsebene, ihn voll mitzunehmen ins Thema. Ich betrachte Diavorträge als Film mit stehenden Bildern. Wie lange so ein Foto präsentiert wird, ist eine Sache des Geschmacks. Zu schnell und sie schalten ab, zu langsam und Du kannst richtig Spannung erzeugen. Oder Horror. Heutzutage macht sich ja flott ein sehr ungut beklemmendes Gefühl breit, wenn – bei Bewegtbild – eine Szene länger als drei Sekunden einfach mal ‘steht’. Keine wilde Fahrt, die meistens eh nüscht erzählt, keine superdoll peinliche Überblendungen, weil sonst kein Inhalt da ist und so. Eine Rolle spielt dabei, ob Du da erläuternden Text mit drunterlegen möchtest oder nicht. Ist hier jedes Mal eine ganz wesentliche Geschichte, Voice-Over mit Erläuterungen zu dem zu Beguckenden und oder lustigen Anekdoten. 
Bei Diageschichten gelten ansonsten die Regeln des Storytelling bei Video und Film

un rayon de soleil au petit matin
un rayon de soleil au petit matin

Wenn Du Dich durch so etwas durchkämpfst, dann bist Du auf dem Weg zu einem echten Fotografen. Du lernst Deine Arbeit wertzuschätzen. Du wirst konzentrierter und zielgerichteter an Sachen rangehen, denn Erfahrung in Editing und Sequencing schleicht sich von hinten mit rein, in Dein Tun. Es macht einen Unterschied, einfach nur so vor sich hinzuknipseln oder das Unterbewusstsein lose mit einer Idee helfen zu lassen. Du nimmst die Sache mit Bildern ernst. Das verschafft Dir Respekt bei denen, die frech wagen zu fragen, was Du da gerade tust. Das peitscht Dein Ansehen bei diesen wildfremden Menschen meilenweit über die Internet-Insta-Tok-Junkies, die den Rasen zertrampeln, den Müll liegenlassen und da hinten just an der Klippe mit Gleichgewichtsstörung um einen Darwin-Award kämpfen … Es stärkt Dein Selbstbewusstsein, wenn Du erzählen kannst, warum wieso weshalb und « übrigens hier, wenn sie mal gucken möchten ? » 






Eine ununterbrochene, unter einem stumpfen Himmel stumpf glänzende Wasseroberfläche, eine Erweiterung des Ozeans. Eine Erweiterung der Bucht. Sie hatte das Bild einer Schüssel vor Augen, die man ins Spülwasser drückt, bis es über den Rand läuft.




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