publié le 5 mars 2016

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Teil 2 : Bilder lesen lernen

Visual literacy

Bilder sind wie BĂŒcher. Voll mit Inhalt. Formensprache. Zeichensprache. Symbolismen. Geheimnisse. Mit Bildern ist es wie mit Texten. Wir können sie lesen. Auf zwei Arten : Zum einen ist da die einfache Dekodierung der Buchstaben in Wörter, in SĂ€tze, zum anderen das Herstellen von ZusammenhĂ€ngen, das VerstĂ€ndnis des Textes. Hier hadern so manche, glĂŒcklicherweise handelt es sich um eine kleine Gruppe. Bei Bildern ist es schlimmer – die meisten bleiben bei der schlichten Dekodierung und das wars dann. « Baum »

Die Anglophilen nennen es literacy. Dieses eine Wort um- bzw. beschreibt die FĂ€higkeit zu lesen und zu schreiben, wie auch die FĂ€higkeit, damit umgehen zu können. « Virtuos mit der Sprache jonglieren » 😉 Die Sesamstrasse hat es uns (hoffentlich) vorgebetet : « Wer nicht fragt, bleibt dumm ». Diese FĂ€higkeit gibt es auf den unterschiedlichsten Gebieten und selbstredend auch visuell.

While everyone can easily discuss the contents of photographs, to formally examine the visual elements were used to make up one photograph isn’t that simple. Only if you’re trained to read photographs, you can learn how the photographers exploited the angles, scales, focuses, colours, tonalities and contrasts. Beyond those technical analyses, you can easily read the stories as well as different ways the photographers used to communicate with their viewers.

Raus aus der visuellen Legasthenie

Den grössten « Fehler », den Du machen kannst, ist, Bilder nicht zu lesen oder nicht lesen zu wollen. Da gehört Arbeit zu, ich weiss. Und es ist trockener Stoff fĂŒr den ein oder anderen. Theorie. Aber hochspannend. Du solltest Dich da auf jeden Fall damit auseinandersetzen, wenn Du mit Deinen Bildern den mainstream verlassen willst. Es hat einen Grund, warum Bilder in Museen ausgehĂ€ngt werden. Die sind in der Regel GlanzstĂŒcke in Sachen Komposition. Das sieht aber nur, wer etwas tiefer in die Materie eingestiegen ist. Derjenige, fĂŒr den « composition » nicht ausschliesslich aus Offenblende und Drittelregel, vielleicht noch Goldener Schnitt besteht. Das sind – wie ich schon geschrieben habe – die absolut billigen Sachen.

Löse Dich von Deinen Emotionen

Betrachte Deine Machwerke aus der Sicht eines unbeteiligten Publikums. Unbeteiligt insofern, als es beim Entstehungsprozess nicht zugegen war und von daher zunĂ€chst einmal keine emotionale Bindung aufbauen wird und das auch nicht kann. Woher auch. « ObjektivitĂ€t » könnte sowas genannt werden. Wobei ich mit diesem Ausdruck eher vorsichtig bin. Reine ObjektivitĂ€t gibt es meiner Auffassung nach nicht. Dazu betrachtet jeder die Bilder als Summe seiner gesamten Erfahrungen, seines sozialen Hintergrundes, seiner Erziehung, seiner Ausbildung. Lass es ein klein wenig sacken und grĂŒbel darĂŒber mal nach. Es ist so.

Aber wenn Du das schaffst, Dich von Deinen Emotionen, die bei der Entstehung des Bildes mit im Spiel waren, zu trennen 
 dann ist schon ein gewaltiger Schritt getan. Ich kenne das Problem. Da meinst, Du hĂ€ttest den Schuss des Tages gelandet, alles toll, Stimmung war irre, der Gedankenblitz war supergrandios, die Umsetzung einfach genial. Und dann guckst Dir das Machwerk an und stellst fest, dass es im besten Falle einfach nur « gewöhnlich » ist. Hier ein Manko, da hĂ€tte die Drehung ein klein wenig mehr sein können. Von daher empfinde ich das immer als sehr hilfreich, wenn ich keinen Druck im Nacken habe. Zeit habe, die Bilder ein paar Tage einfach liegenzulassen, nicht editieren zu mĂŒssen. Dann ist nĂ€mlich die GefĂŒhlsduselei schon soweit abgekĂŒhlt, dass mir Kompositionsfehler deutlich hĂ€rter ins Auge springen. Und wenn ein Bild nicht funktioniert, dann ist es in den meisten FĂ€llen auch fĂŒr die Tonne. Aufheben lohnt nicht. Es sei denn, der Ausdruck ist so dermassen hammergeil, dass sich ein Aufheben nur aus diesem Grunde lohnt. Alles andere ? cmd+backspace.

Nude, Belgravia, London, 1951. © Bill BRANDT.
Nude, Belgravia, London, 1951. © Bill BRANDT.

Lass uns einmal das Bild von Bill BRANDT « Nude, Belgravia, London, 1951 » auseinanderpflĂŒcken. Auf den ersten Blick siehst Du, dass ein Weitwinkel verwendet wurde. Oder ? Das erschafft auf gewisse Art und Weise beim Betrachter das Verlangen nach « Entdeckung ». Schönes Licht. Tolle Komposition. Das ĂŒbliche Geschwaller halt, welches so zu lesen ist, wenn einer ohne Ahnung das Bild kommentieren wĂŒrde, Forengeschwurbel.

Vielleicht sind Anmerkungen noch gepaart mit Dingen, wie was mit welchem Apparat, welcher Optik, eventuell welchem Licht hĂ€tte « besser » gemacht werden können 🙄 . Technnisches Geseier. Aber wer macht sich schon Gedanken darĂŒber, was der Fotograf eigentlich mit dem Bild aussagen wollte ? Was er zeigen wollte ? Was er eigentlich zeigt ? Wie viel Zeit nimmst Du Dir, um in das Bid einzutauchen ? Ich weiss, 21. Jahrhundert, keine Zeit fĂŒr nichts, alles, was ich nicht auf den ersten Blick erfassen kann, ist doof. Genau. Forum. « Warte mal. Das Licht kommt hier von platt oben. Das hĂ€tte ich aber ganz ganz anders gemacht ! ». Bjuhtidish, wa ? Mindestens drei Blitze. Hintergrund extra. Ist klar. Könnte alles auch, klarer Fall. WĂ€re aber kakke. Zum Licht erzĂ€hle ich spĂ€ter im Beitrag was.

Nude, Belgravia, London, 1951. © Bill BRANDT.
Nude, Belgravia, London, 1951. © Bill BRANDT.
Geometrie. Die Formen helfen, die Grösse und die Tiefe des Raumes einschÀtzen zu können.

Guck einmal genauer hin. Ruhig ist es. Aus der Sicht des Models (dessen Blickpunkt / Gesichtsfeld hier auf eine geniale Weise eingenommen wurde. Aufgefallen ? Nicht ? Das schreit aber danach. Nun, jetzt weißt Du das.).

Geometrische Formen bestimmen das Bild. Diese FlĂ€chen der WĂ€nde, der Decke und des Fussbodens. Dann sind da Vertikale. Ganz offensichtlich. Aufgefallen sind die mit Sicherheit. Aber beschreiben ? Aha. Wissen. Übung. Nur Mut, dann wird das auch funktionieren. Und schon wieder einen kleinen Schritt weiter auf dem Weg zu einer « Betrachtung » des Bildes. Begreifen. Verstehen, was und warum etwas funktioniert, wirkt. Nicht nur Angucken. Diese FlĂ€chen sorgen dafĂŒr, dass der Betrachter sich eine Vorstellung davon machen kann, wie gross der Raum so gaaanz ungefĂ€hr wohl sein mag.

Erinnerst Dich noch an Deinen Unterricht in der Schule ? Kunst ? Perspektive ? Hier siehst Du zwei Mittel, wie das dargestellt werden kann – eine eigentlich zweidimensionale Sache, das Foto, bekommt so etwas wie eine dritte Dimension. Tiefe. GrössenverhĂ€ltnisse baut sich das Gehirn ganz schnell aus dem zusammen, was da bisher abgespeichert ist. Du weisst einfach, dass eine normaleuropĂ€ische TĂŒr etwas mehr als 2 Meter in der Höhe hat, damit sich nicht gleich jeder den SchĂ€del einrennt.

Nude, Belgravia, London, 1951. © Bill BRANDT.
Nude, Belgravia, London, 1951. © Bill BRANDT.
Und noch einmal Perspektive. Auch diese Vertikalen helfen dabei, Tiefe und Höhe des Raumes einzuordnen.

Den Sessel hast Du sicherlich auch schon gefunden. Dessen Höhe kannst Du Dir auch grob zusammenreimen und daraus schliesst Du messerscharf die ungefĂ€hre Höhe der Fenster. Die TĂŒr von eben ist dabei auch noch wieder behilflich.

Beguck Dir mal die KÀsten, die ich da in orange ins Bild gemalt habe. FÀllt Dir an denen etwas auf ? Ich werfe mal das Stichwort « Gewicht » in den Raum.

Links schmale, hohe (und halbhohe, ja, ich weiss. Die TĂŒr ist halt « niedrig » im Vergleich zum Rest 😉 ) Vertikale, rechts die im VerhĂ€ltnis doch recht wuchtige FlĂ€che des Oberschenkels. Sowas nennt man unter Bildbeguckern « Balance ». Dazu schreibe ich weiter unten noch was. Das ist durchaus beachtenswertes Wissen und kein Luxus. Die Balance von Objekten wie Subjekten in einem Foto sorgt dafĂŒr, dass das Gesamtwerk « gefĂ€llig » wird. Wirkt. Andererseits kann man damit ganz gezielt auch Verwirrung stiften, wenn die Dinge im wahrsten Sinne des Wortes nicht « ausbalanciert » sind. Verstörung macht sich breit, beim Betrachter. Unterbewusst. Also : BeschĂ€ftige Dich mit dem Thema. Wirf eine Suchmaschine des Vertrauens an, wie schon so hĂ€ufig von mir empfohlen. Es macht nicht dĂŒmmer 😉 Und es beisst nicht.

ZurĂŒck zu Bill und seiner Nackten in London Belgravia. Perspektivisches – verfolg mal die Beinlinien. Eine hammermĂ€ssige Tiefenwirkung wird damit erzielt. Zieht den Blick richtig rein, ins Bild.

Aber die visuellen Elemente sind noch ein ganze Ecke komplexer, als weiche Beine und ein schickes Licht. Sehen die Freizeitbildergucker aber regelmĂ€ssig nicht, weil sie davon noch nie gehört haben und es im tiefen Innern ihres GemĂŒts auch nicht hören mögen. Deshalb werden denen auch nie die fundamentalen SchwĂ€chen so gruselig vieler Bilder auffallen. Busen, Grinsen, Ofenrohr, geiles Foddo. Massenware. Austauschbar – um das Wort « beliebig » zu vermeiden.

Richtung

Nude, Belgravia, London, 1951. © Bill BRANDT.
Nude, Belgravia, London, 1951. © Bill BRANDT.
Die Richtungen. BlickfĂŒhrungen.

BRANDT hat seinem Bild Richtungen mit auf den Weg gegeben. Jedes Objekt im Geviert nimmt mein Auge zu einem bestimmten Punkt mit und ich kann nahezu jeden Winkel des Raumes sehen und dessen Ruhe spĂŒren. UnterstĂŒtzt wird das noch durch den Gebrauch eine recht weit geschlossenen Blende. Stelle Dir das Bild mal mit Ofenrohr vor, Punkt wahrscheinlich auf dem Knie. WĂŒrde ĂŒberhaupt nicht mehr wirken. Sehr wahrscheinlich gar nicht, weil die weiteren, erzĂ€hlenden Teile einfach in die Matsche geschoben wĂŒrden.
Merkst was ? Ofenrohr ist wieder einmal mehr nicht der Weisheit letzter Schluss. Und wenn die Welt noch so drauf abfahren soll, nach Forenmeinung. Gut, dass es daneben noch eine andere Welt gibt. Eine, in der Bilder gelesen werden. Von Leuten, die was davon verstehen.

Ein (wesentliches) weiteres unterstĂŒtzendes Element bei « Nude, Belgravia, London, 1951 » ist die Verwendung eines Weitwinkelobjektivs. Heute will jeder Weitwinkel haben und kaum wer kann vernĂŒnftig damit umgehen. « Most people share the same misconceptions », wie der Anglophile recht trocken zu formulieren versteht. Gute Bilder mit Weitwinkel geben dem Inhalt eine Richtung.

Nude, Belgravia, London, 1951. © Bill BRANDT.
Nude, Belgravia, London, 1951. © Bill BRANDT.
Licht. Ich habe hier mal zur Erleichterung einfach ein Spotlight eingeschaltet.

Licht. BRANDT hat gezaubert. Erinnerst Dich, was ich weiter oben so frech aus Forensicht zum Licht geschrieben habe ? Und siehst Du jetzt, aus welchem Grunde das vollkommen perfekt gesetzt ist ? Mit den Richtungen. Subtil, aber vorhanden. BRANDT nutzt das flĂ€chige Licht von oben ebenfalls dazu, den Blick des geneigten Betrachters zu fĂŒhren. Dein Gehirn hat das schon lange registriert und steuert das Auge entsprechend. Ich habe aus GrĂŒnden der Vereinfachung und des leichteren VerstĂ€ndnis mal auf Spot umgeschaltet 😉 (scroll ruhig noch einmal nach oben zu dem Punkt, an dem ich das Bild ĂŒberhaupt eingefĂŒhrt habe. Dann kneif die Augen soweit zusammen, dass Du gerade eben noch etwas erkennen kannst. Es sind die hellen und die dunklen FlĂ€chen.). Law of Greatest Contrast wird das im Fachjargon auch genannt. Das ist auch ein Mittel zu einer (bewussten) Bildgestaltung ; ich werde in einem spĂ€teren Beitrag noch einmal darauf zurĂŒckkommen. FĂ€llt Dir noch etwas auf ? Bei der Helligkeitsverteilung findet sie sich auch wieder : Balance. Die hellen und dunklen FlĂ€chen stehen in einem ausgewogenen VerhĂ€ltnis zueinander.

Visuelle Balance

Formelle / informelle Balance

Formelle Balance : Sortiere Dein Hauptobjekt in die Bildmitte, « falte » das Bild in zwei HÀlften und verteile das « Gewicht » des Hauptobjekts einigermasen gleichmÀssig auf diese beiden HÀlften.

Informelle Balance : auch « asymmetrical balance » bekommst Du, wenn mehrere kleinere Objekte auf der einen Bildseite drapiert werden und auf der anderen – richtig vermutet – ein grosses ist. Dieses ist hier im Bild von Bill BRANDT der Fall. Auf der einen Seite die kleinen Geviere der Fenster und der Sessel, dazu noch recht « dĂŒster » gehalten, auf der anderen die schiere Masse der hellen Beine. Die kleineren Elemente sind bei asymmetrischer Balance meistens auch eher weiter weg, im Hintergrund angeordnet.

Informelle Balance ist deutlich dynamischer, als der formelle Gegenpart. Beide Arten haben allerdings eine ruhige, wenn nicht sogar beruhigende Wirkung.

« Spannungsgeladene » Bilder sind in der Regel eher nicht ausbalanciert. Kann man auch machen, kann sogar richtig toll wirken. Immer je nachdem, was Du mit dem Bild fĂŒr eine Aussage treffen willst. Spannungsgeladene Machwerke sind zudem schneller zusammengeschustert, wĂ€hrend es fĂŒr die andere Art deutlich mehr an Zeit braucht, damit alles so passt, wie man sich das so vorgestellt hat, ursprĂŒnglich.

Zusammengefasst

Das waren jetzt lediglich zwei Bereiche aus dem zauberhaft grossen Topf der Bildkomposition : FlĂ€chen und Richtung. Aber wichtige, sie werden Dir immer und immer wieder ĂŒber den Weg laufen. Versprochen. Du wirst sie finden. Weil Du sie siehst. Wenn Du lernst, wie Bilder gelesen werden (können), wird sich Dein Sehen verĂ€ndern. Damit geht meistens einher, dass Dein Sinn fĂŒr kompositorische Feinheiten geschĂ€rft wird und daraus resultieren ganz schlicht hinterher die besseren Bilder.

Aber mach Dir keine Hoffnung, dass das von Jetzt auf Gleich geht. Das kannst Du vergessen. Wie bei allen anderen Dingen in Sachen Fotografie gibt es auch hier keine AbkĂŒrzung auf dem Weg zur Meisterschaft. Eines aber ist sicher : Du wirst mit zu den besseren, den guten Fotografen gehören. Nicht einfach nur ein weiterer Knipser sein. Und das ist schön.

« Ich bin nicht an Regeln oder Konventionen interessiert. Fotografie ist kein Sport. »
– Bill BRANDT

Bekannt waren sie ihm, die Regeln und Konventionen. Da kannst Du einen drauf lassen 😉