
Ich bin ja einer dieser suspekten Typen, die einen etwas anderen ‘Zugang’ zur Fotografie pflegen und keinen Hehl daraus machen, ‘musst du unbedingt haben’-Sachen manchmal kritisch gegenüberzustehen. Und so passierte das, dass sich wer ‘erstaunt’ darüber zeigte, dass da jemand ‘innerhalb Sekundenbruchteilen blind den Bildausschnitt und manuellen Fokus setzen zu können’ beherrscht. Ich packe da kühn noch einen drauf und behaupte aus dem Stand, dass auch ohne ‘A’ und Auto-ISO-Zaubereien die Belichtung gepasst hat.
« Someone’s built a candy castle | For my sweet sixteen | Someone built a candy brain | And took it in » (Billy Idol, die olle Socke.)
Sunny 16, aus der fotografischen Steinzeit, um vor allem draussen die Belichtung einzuschätzen. Nach wie vor geil. Dazu Kamera und Bildwinkel beherrschen und Zonenfokus und dessen Dreh(weite | -winkel) mit dem Zeigefinger, was in muscle memory übergegangen ist – unschlagbar schnell.
Keep the Nihilist in the Closet
Die überflüssig geglaubte Fähigkeit der Belichtungsschätzung ist auch heute durchaus relevant und kann dich zu einem besseren Fotografen machen. Es geht darum, Licht zu sehen und zu verstehen.

Es ist eine Sache, bei der du in ‘M’ arbeiten kannst, allerdings ohne forenprofimässig permanent am Rad zu drehen. Denn es ist für diese Tage, an denen das Licht stabil bleibt. So typische Tage, halt. Dabei ist es recht egal, ob die Sonne erbarmungslos ihr Licht aus klarem Himmel ausschüttet oder ob das vermittels einer mehr oder weniger dicken Wolkendecke gestreut wird.
In schwierigen Lichtsituationen kannst du deiner Kamera kein Stück trauen, wenn du eine Szene vor dir hast, die große Kontraste enthält. Ich hatte darüber geschrieben – das klassische Brautpaar. An einem hellen Tag lässt sich das Wunderwerk auch gerne von glänzenden Oberflächen in die Irre leiten. Eingebauter Belichtungsmesser kann trotz aller Programmierkünste nur reflektiertes Licht, das, das durch die Linse kommt, messen. TTL. Objektmessung. Ausserdem kann die doofe Platine deine Gedanken kein bisschen erahnen und daraus schliessen, welchen Effekt, welche Stimmung du im Bild haben willst. Denn beim Fotografieren geht es (auch) um deine Interpretation der Szene da vor dir, statt nur ‘abbilden’.
Du übernimmst für deine Bilder Verantwortung, das macht den Unterschied zu den Maulaffenkönnern aus den « communities ». Die wollen und oder können das nicht und überlassen wesentliche Entscheidungsprozesse nur zu gerne dem schwarzen Kasten. Wenn du aber weisst, wie Sunny 16 ‘funktioniert’ und benutzt wird, übernimmst du die ultimative Verantwortung dafür, wie deine Fotografien aussehen werden. Wenn etwas schiefgeht, wirst du der Kamera keine Schuld anlasten können 😉 (auch sonst liegt es immer und ausschliesslich am Bediener, wenn was anders hinten rauskommt, als gedacht. Aber das zu verstehen fällt ganz vielen zu schwer und deshalb lassen sie gleich besser auch das Nachdenken darüber …).
Feels Like a Sun(ny)day
Sunny 16 basiert auf Lichtmessung und damit auf der Helligkeit, die auf dein Motiv fällt. Dahinter steckt, dass die Sonne eine konstant helle Lichtquelle ist und lediglich die ‘Klarheit’ des Himmels variiert (Nimm eine Lampe und halte was in deren Lichtstrahl – vorzugsweise ein Papiertaschentuch, Stück Backpapier, normales Papier. Und dann doppelt gefaltet und beguck den ‘Kegel’, der unten rauskommt 😉 ). Wetter – Dunst | Luftfeuchtigkeit | Umweltverschmutzung -, die Tages- und Jahreszeit, Höhe des Sonnenstandes über dem Horizont, Breitengrad deiner Örtlichkeit, unbeschichtete Objektive, Licht von seitlich oder gegenan oder aus dem Rücken und Wolken – alles kann die Helligkeit etwas beeinflussen. Je nach Dunst und Luftfeuchtigkeit misst die helle Sonne bei ISO 100 nicht immer so stark wie EV 15, noch erreicht Sunny 16 durch hell reflektierende Flächen immer auch seinen Höhepunkt. Allein wegen des Winkels durch die Atmosphäre variiert das Sonnenlicht leicht mit dem Breitengrad auf der Erde und mit den Jahreszeiten, heller am Äquator oder im Sommer. Nur ein wenig, aber Kodak in Rochester, NY (da, wo sie Sunny 16 in die ganzen Pappschachteln erst als Beipackzettel reingetan und später stumpf in die Innenseite gedruckt haben) liegt auf fast 45º nördlicher Breite, Hamburg auf 54º, London auf 52º, Frankfurt/M und Köln 50º, München und Paris 48º, Rom auf 42º, Malle und Madrid auf 40º. Und das Sonnenlicht variiert in der frühen und späten Tageszeit und in der Höhe (Berge).

« Ja, aber ist das denn genau ? » Ich sag mal so : Es ist vollkommen ausreichend. Es macht, dass du dich mit Licht und (deinem) Schatten beschäftigst. Beobachtung des Motivs. Simple as that. Die Methode ist eine Annäherung an das tatsächliche Helligkeitsniveau über Beobachtung und Beurteilung der Intensität von Schatten. Die direkte Sonne wirft scharfe Schatten von Menschen oder Dingen. Wir können diese Schatten bemerken. Das sind alles Dinge, die auffallen, so denn bewusst danach geguckt wird. Und nicht nur, ob sie irgendwie ‘dasind’, sondern auch, was sie dem Fotografen mitteilen können.
Aktiv bewusst konzentrieren. Kerntugenden, die dich sofort in die Richtung ernstzunehmender Fotograf pushen, jemanden, der die Fotografie tatsächlich ernstnimmt. Echte Fotografen wissen auch ganz ohne Belichtungsmesser, wie zu belichten ist. Dann bist du auch kein Affe mehr, der nur einen Knopf drückt. Du ‘siehst’ ; du bemerkst Licht auf eine Weise, die anderen vollständig fremd (oder bestenfalls ’neu’) ist, weil die stumpf die A-Einstellung und sonstigen Kokolores verwenden und die Maschine für sich denken lassen. Übung macht den Meister 😉 <— das bringt jetzt Hein und seine Kumpane bestimmt wieder mächtig auf die Zinne, wetten ? Voll lustig.
Héhé.
Je mehr du siehst, desto mehr kennst du. Und je mehr du weisst, desto mehr siehst du. Es ist, wie es ist.
Ok, paar Kleinigkeiten für die magische Rätselei zum mitmerken vorweg :
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Noch mal zurück zu den absoluten basics : Objektmessung (das ist das, was die Kamera kann) nimmt die Intensität, mit der Licht reflektiert wird. Plus die unterschiedlichen Reflexionseigenschaften von Materialien und vor allem Farben. Eingebauter Belichtungsmesser will das auf Neutralgrau pressen, komme, was da wolle. Graue Kohlen, graues Brautkleid, ausgelutscht und berühmt-berüchtigt. Mit Lichtmessung und exposure index (EI) = exposure value (EV) wirst du den kompletten Tonwertumfang in das Bild bekommen. Punkt.
Du musst nur eine einzige Sache im Kopf behalten:
| ISO 100 – 1/250 – f/11 |
Das ist die Basis. ISO100, 1/250stel, Blende 11. Total billig. (okay, eigentlich ISO, Verschlusszeit die der ISO am nächsten ist und Blende 16. ISO 100 – 1/125 – f16. Huch ! das ist ja wie …. nä ! Fädd .. ISO 100, 1/250, f11 … ISO 200, 1/500, f11 … Hammer. Warum keine 16 ? Weil da die böse böse Beugung einsetzt und ich auf das Geschwafel keine Lust habe. Echt. Ist der einzige Grund. Und weil ich neben der Sprache auch mit dem Belichtungsdreieck zu jonglieren verstehe. Nun ist es raus.)
Und die Abweichung zu dem Zettel von Kodak da oben ? Ebenfalls simpel – der geht auf einen Negativfilm, die sind nicht so zickig gerade in den Lichtern wie Dia (und heutzutage digital). Schon früherTM galt : Diafilm 1 EV knapper belichten.
- EV 16 – wolkenloser Himmel, gleissend hell und reflektierender Untergrund. Klassisch Strand / Schnee. Auf f22 kommst selber ? Cool 😉
- EV 15 – irgendwas anderes, Nordhalbkugel. ISO 100 – 1/125 – Blende 16. Da isse. Sonnige 16. 😉
- EV 14 –das am häufigsten anzutreffende Szenario draussen. Direktes, freies Sonnenlicht, Sonne ist einigermassen deutlich über dem Horizont. – Dein tiefer Schatten ist so lang wie du oder sogar kürzer. – ISO 100 – 1/250 – f8
- EV 13 – dünne, hohe Wolkenschicht, Sonne kann durchaus noch ‘stechend’ sein. Schatten definiert und klar abgegrenzt, bummelig das vierfache deiner Grösse. An einem klaren Tag wenn die Sonne so 10° über dem Horizont ist. Mittags in den Wintermonaten ‘unseres’ Europateiles. Der Mond mit langer Brennweite.
- EV 12 – typisch für einen hellen, aber bedeckten Tag. Sonne hinter Cumuluswolken. Schatten ist mit ordentlich Hingucken noch auszumachen.
- EV 11 – klassisch bedeckter Tag, Sonne ist irgendwo, aber nicht direkt auszumachen. Keine Schattenwürfe. Oder an einem sonnigen Tag im offenen Schatten. Oder wenn die Sonne so gerade eben über dem Horizont hockt.
- EV 10 – fette Wolkendecke. Leichter Regen kann auch sein. An einem klaren Tag ist die Sonne so gerade eben über dem Horizont, kannst noch ‘so’ reingucken, ohne blind zu werden.
- EV 09 – heftig bedeckt, mit diesem ‘Schimmer’, wie er bei ordentlichem Regen auftritt. Einer dieser bedeckten Tage im Winter, wenn es irgendwie nicht richtig hellwerden will. Bist mit dem Auto unterwegs, möchtest du da Licht einschalten. An einem klaren Tag ist die Sonne just unter dem Horizont und macht Anstalten, sich da rüberhieven zu wollen.
- EV 08 – Abenddämmerung setzt ein. Oder so erstes Tageslicht an einem wolkigen Morgen. Drinnen möchtest das Licht einschalten.
- EV 07 – Beginn der blauen Stunde. An einem klaren Tag, wenn des abends die Strassenlatüchten angehen, deren Lichtkegel aber noch nicht auf dem Boden klar auszumachen ist. An einem ordentlich bedeckten Tag kurz vor Sonnenuntergang.
- EV 06 – brightest twilight (ich kann das nicht auf Deutsch … Zwielicht). In einem Zimmer. Strassenbeleuchtung und das Licht, mit dem Gebäude angestrahlt werden, das wird sichtbar. Diese knappe Viertelstunde vor Sonnenauf- bzw. nach Sonnenuntergang.
- EV 05 – 20 min vor Sonnenaufgang | nach Sonnenuntergang an einem klaren Morgen | Abend. An einem heftig bedeckten Tag um und bei Sonnenaufgang. An einem klaren Abend sind Venus, Jupiter und Mars als hellste Planeten erkennbar.
- EV 04 – Restlicht und künstliches Licht sind fein in Balance. Die Zeit für Nachtaufnahmen von Städten.
- EV 03 – Tageslicht so gut wie weg, aber noch brauchbar für Nachtaufnahmen in der Stadt, wenn du noch etwas Detailzeichnung in den Schatten und etwas Farbe im Himmel haben möchtest.
- EV 02 – Duster. Silhouetten gehen noch und der Himmel ist so auf der Grenze zu rabenschwarz.
- EV 01 – Richtig dunkel. Wenn du dich in die Richtung drehst, in der das Licht verschwunden ist, wirst immer noch einen Hauch über dem Horizont haben.
(Für die, die mit NEGATIVfilm arbeiten – im Zweifel etwas überbelichten. Den Rest macht das Bad in der Chemie und hinterher die Papiergradation. Gilt für Farbe wie für schwarzweiss gleichermassen.)

Ich finde das lustig, mit sunny 16 zu arbeiten. Es macht einfach irgendwie Spass. Die Bilder sind konsequent belichtet, nichts mit diesen kleinen, aber nervigen Unterschieden, wie sie auftauchen, wenn die Kamera alleine da rumwurschtelt. Batchprocessing, falls nötig, statt jedes blöde Datenpäckchen einzeln anfassen zu müssen … Ich habe auch meinen Weissabgleich in aller Regel festgetackert, damit es da ebenfalls ‘durchgängig’ identisch bleibt. Die Kameraautomatiken sind richtig toll, gar keine Frage. Aber ich stehe so voll gar kein Stück auf Nachbearbeitung. Bisserle Kurven drehen und gut ist 😉
Sunny 16 funktioniert, völlig gleich, was du da nun für eine Klitsche in die Hand gedrückt bekommst. Auf ‘M’ stellen, beten, dass keine Auto-ISO wichtig wichtig dazwischenfunkt und auf gehts. Geile Sache. Verblüffung, Kopfkratzen, riesengrosses Fragezeichen bei Hein und die heimliche Freude ganz bei Dir. Héhé 😉
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Service des Hauses : hier gibt es das als Spickzettel zum Ausdrucken als pdf. DIN A6, schnippel Dir das zurecht, in der Mitte falten und ab in die Fototasche damit. Nach ein paar Wochen der Übung brauchst es den kaum noch. Oder du hast vergessen, dass da noch so eine kleine Liste rumknittert 😉 |
Nee, das allerwichtigste ist dabei, dass man sich ein Gefühl für das Licht aneignet 🙂 Nebenbei fängt die Spielerei damit (mit Licht und Schatten) an, die hinterher in den Bildern bemerkt werden kann. Und das ist schliesslich das A und O bei dem, was wir machen und eigentlich beherrschen sollten. Geht irgendwann lustigerweise von alleine. Auch in Drittelabstufungen. Echt. Bekommt man hin. Mal Gary Winogrand in irgendeiner Doku bei der Arbeit gesehen ? Leica M4. KEIN Belichtungsmesser. Seine Bilder sind trotzdem was. Drehrichtung Zeitenrad und pipapo sind muscle memory, da brauche ich keinen Blick mehr dran verschwenden, das geht ‘so’, das bemerkt Hein Tech nicht einmal. Sieht der gar nicht. Weil der das nicht einmal ahnt, dass es das gibt und dass es sogar funktioniert. Da entgeht dem natürlich diese winzige Fingerbewegung, da, oben auf der Kamera.
Er konnte nicht lange schlecht gelaunt sein. Nicht draußen im Freien, wo die Nacht sich an ihn schmiegte, wo die Zikaden dröhnten und wo der laue Wind sich vom Meer die Hügel heraufschwang, die Hitze des Tages zu vertreiben. Sogar Sterne waren zu sehen. Hier und da kämpften sich ein paar Pünktchen durch den Dunst des Lichtersmogs, der im Osten und im Süden die Ränder der Nacht gelb verfärbte, als wäre ein ganzes Stück dieser Welt ranzig geworden.
EV 3, eher fast schon EV 2. ISO 1600, 1/8 sec., f3.5. Geht so gerade eben noch aus der Hand.