
Es ist einer dieser Aha-Momente, wenn du beginnst zu verstehen, was Fotografie für dich bedeutet und was dir Freude bereitet. Wenn sich dieses Verlangen rührt, ‘machen’ zu wollen. Dieser Zeitpunkt, ab dem du beginnst, über deine Fotografie zu reflektieren. Sie zu untersuchen, zu analysieren. Dieser Zeitpunkt, an dem du die wiederkehrenden Muster erkennst, dass du bestimmte Dinge immer und immer wieder aufnimmst. Das ist der Zeitpunkt, ab dem du zu einem Fotografen werden wirst.
Turn Your Keys at Once, Sir !
Greif dir dein treues Notizbuch und schreib es auf 😉 . Schreiben (vor allem mit der Hand) zwingt dich, dein fotografisches Tun (und Handwerk) kritisch zu betrachten. Verwechsele das weder mit ‘Bewerten’ noch mit ‘Beurteilen’, es ist die kritische Auseinandersetzung. Reflektieren. Analysieren. Das ist ein bedeutsamer Unterschied zu ‘Urteilen’. Schreib es also auf.
Die wichtigste Frage wie immer : « WARUM ? ». Warum hat dich das Motiv stoppen und es aufnehmen lassen ? Wo du doch bestimmt an hunderten anderen vorbeigegangen bist. Und wenn du deine Bilder so insgesamt vielleicht durchsiehst : Was taucht beständig auf ? Gibt es Motive, die sich immer wieder finden ? Szenen, die dich quasi anziehen, die du immer wieder aufnimmst ? Zu denen du regelmässig zurückkehrst ? Pflück es dir auseinander.
Dabei wirst du den Entwicklungsschritt machen, dass Fotografie in ihrem Kern etwas so ganz anderes ist, als technischer Kleinkram. Klar sind eine für die Situation passende Belichtung, Fokus auf den Punkt oder absichtlich eben nicht und die ganzen Möglichkeiten, die die visuellen Hilfsmittel bieten, wichtig. Keine zwei Meinungen. Nur sind das die Dinge, die intuitiv vonstatten gehen sollten, wie das sichere Führen eines Stiftes auf Papier. Dann kommt das « WARUM ». Das werden die wichtigen Feststellungen werden, welche die entscheidenden Hinweise bringen. Wenn du den Versuch startest, dir selber zu erklären, was du mit dem Bild wolltest, dann spielen die rein technischen Dinge eine weit untergeordnete Rolle und selbst die kompositorischen treten zu einem gewissen Maß in den Hintergrund. Du wirst merken, dass das beliebte « Das gefiel mir so » das mit Abstand Dümmste ist, was geäussert werden kann. WARUM gefällt es dir ? Denk nach. Schreib es auf. Das WARUM erklären zu können, das unterscheidet einen denkenden Menschen von den lediglich durch das Leben Treibenden. Das unterscheidet einen Fotografen von Kamerabesitzern.
Vergiss umgehend jegliche "Perfektion"
Es war (glücklicherweise sehr früh) für mich einer dieser Schlüsselmomente in meinem Werdegang : Ein Bild ‘funktioniert’ ab Kamera oder halt nicht. Punkt. Das hat sich bis heute kein Stück geändert – meine Nachbearbeitung ist auf absolute basics beschränkt (von den raren Ausnahmen abgesehen, wo tatsächlich von Anfang an Sachen im Bild mit dem Ziel der absichtlichen Nachbearbeitung angelegt sind – das ergibt sich aus den Gedanken zum Bild, aus den Notizen, aus den Anweisungen an die Nachbearbeiter).
Heftiges Nachbearbeiten oder wie Hein Tech und seine Anbeter das als « alles aus einem Bild herausholen » versuchen zu ‘rechtfertigen’, das löst lediglich Probleme, die im Vorfeld der Aufnahme, vor dem Druck auf den Auslöser bestanden haben und um die sich nicht gekümmert wurde. Ebenfalls PUNKT.
Pfusch vertuschen. Was aber vergeigt ist, ist halt vergeigt. Denk drüber nach, lass es sacken. Guck durch Forengalerien mit ihren ganzen Katastrophen. Alles aus der dynamic range eines Sensors rausgeholt, bis kein Hauptobjekt mehr zu erkennen ist. Wow. Epic Fail, wie der Angelsachse murmelt. Den Hintergrund außer Acht gelassen, ganz beliebtes Ding. Blöderweise sind da noch focal points, die den Blick vom Hauptobjekt wegziehen und meist auch von planlosem Offenblendgebrauch kaum verborgen werden können. ‘Vergessen‘, hinzusehen … tja.
« Aber mir gefiel der Ausdruck … » – natürlich 🤪 . Und der Rest ist dir vollkommen egal, gelle ? Show, don’t tell. Ausgelutscht und wird regelmässig doch wieder gemacht, mit diesem Drumrumgefasel, diesem peinlichen Rausreden. Wenn der Ausdruck so wichtig ist, wenn die braunen Augen so irre sind … Dann. Zeig. Die. Und nur das, denn alles andere war dir nicht wichtig, wurde just konstatiert. Laut, zudem.
Auch das sacken lassen und Hirn anwerfen.

Erklär dir deine Bilder selber und du wirst ganz schnell merken, wieviel Wahrheit in den eben angemerkten Punkten steckt. Nachbearbeitung macht nur Gutes noch besser. Und vergiss es, stundenlang auf Pixelebene rumzufummeln, das sieht eh keiner 😉 Das interessiert die, die mit ‘Bild’ nichts anzufangen wissen. Schon gar nicht mit ‘Bild als Ganzes’ und wie das so wirkt und arbeitet.
« Wenn von tausend Fotos eines gut ist, ist das ein Erfolg ». Behalte dennoch die anderen. Denn zum einen lernst du am meisten (und am besten und schnellsten) aus den ‘Fehlern’, also der Analyse und Reflektion darüber, ob das, was dich im Moment der Aufnahme eigentlich umgetrieben hat, auch so ‘rüberkommt’, oder warum gerade eben nicht. Zum anderen brauchst du für jegliches Werk, ob Buch, Zine, Essay, selbst das Portfolio, ‘Füllmaterial’, welches ordentlich ist, ohne top notch zu sein. Rhythmus, Flow. Beruhigung des Betrachters – den kannst du auf keinen Fall die ganze Zeit unter Volldampf halten. Das macht niemand lange mit 😉 .
I wanted more being witness of (human) existence.
Deine Fotografie, deine Art der Fotografie und des Fotografierens wird sich sehr wahrscheinlich ändern, weil du dich mit dem Metier selbst, mit den verschiedenen Genres auseinandersetzt. Die Fotografen, die du dir dafür aussuchst, sind gerne die mit echter Reputation und eher keine Performance-Kasper aus diesem Internet, ja ? Sehr schön. Bei denen kannst du dir nämlich sicher sein, dass es qualitativ auch hochwertig ist und nicht nur danach aussehen will. Greif dir alles, dessen du habhaft werden kannst, um deren Arbeiten verstehen zu lernen. Erklär dir dann, wie die an ihre Sachen rangehen und gleiche es mit deinen eigenen Vorstellungen davon ab. Achte auf die Zwischentöne, die gerne so viel erzählen (das gilt eigentlich immer, auch bei gelesenen Sachen. Auch hier – ich erwarte tatsächlich so etwas wie Leseverständnis 😉 Ist nichts für Schlichtgemüter, héhé … ).
Du wirst eruieren, dass zum Beispiel dieses « Street » alles andere ist, als « mal eben so nebenbei ». Eher permanentes Achtung ! Alle Sinne geschärft. Die Fähigkeit, antizipieren zu können. Möglichkeiten im Chaos zu erkennen. Schnelle Entscheidungen zu treffen, mit allem, was dazugehört in Sachen ‘blind die Kamera beherrschen’ und das Geschehen im Sucher intuitiv zu arrangieren. Rechtzeitig ‘da’ zu sein. Was schliesslich zu ‘diesen’ Bildern führt, die im Gedächtnis hängenbleiben, während die social media performer fast ausschliesslich für das sofortige Vergessen produzieren.
Schreib. Es. Dir. Auf. 😉 Darüber zu schreiben heisst, sich Gedanken zu machen und zu einem Ergebnis zu kommen, ob dein eigener Ansatz zu dem Genre ein halt- und damit brauchbarer ist, oder eher in Richtung Tonne geschoben werden möchte. Muss. Ausserdem ist das Zusammenfassen in eigenen Worten eine ‘Übung’ dafür, ob du es auch wirklich verstanden hast. Das wiederum ist ein wesentlicher Bestandteil des hippen ‘deep reading | deep learning‘ oder wie immer diese Art Verständnisarbeit heutzutage genannt wird 😉 .
Hingucken. Richtig hingucken.
Menschen … Beobachten, genau beobachten, noch genauer beobachten, kombinieren, Schlüsse ziehen – antizipieren. Wissen um menschliches Verhalten. Das ist vorhersehbar in ganz vielen Fällen. Übung in der Beobachtung ist der Schlüssel dazu. Die kleinen Gesten, die einem Bild, einer Situation ihren ‘Pfiff’ geben. Die ‘Dramen’, die sich in der Öffentlichkeit anbahnen und uns zum Schmunzeln bringen. Oder zum Nachdenken anregen. Oder eine Geschichte spinnen lassen. Guck genau hin und notiere es. Mach Skizzen davon dazu.
Das gilt bei deinen eigenen Bildern auch. Frag dich zudem, WARUM du dieses Foto gemacht hast. Und dann, WARUM es funktioniert. Oder eben nur so semi. Oder gar nicht.
Ist es das Licht ? Die Beziehung der Bildelemente unter- und zueinander ? Ausdruck ? Timing ? Habe ich sowas schon einmal gemacht ? Wiederhole ich beständig Motive | Szenerien ? Ähnliche Momente ?
Wenn « ja », dann ist das goldwerte Information. Denn das ist ein deutlicher Hinweis, dass sich deine ureigene visuelle Sprache beginnt, zu entwickeln. Rauszuschälen aus dem vergessenswerten Einerlei des mainstream (hoffentlich 😉 ). Da erscheinen mit einem Male Muster.
Mach so etwas (analysieren, reflektieren) oft genug. Du wirst feststellen, was du ‘instinktiv’ fotografiert hast und was eher aus einem Antrieb heraus, ‘das mal machen zu müssen’ oder ‘mal gemacht haben zu müssen’ stammt. In der ‘Lücke’ zwischen beiden wohnt die Ehrlichkeit. Schliesse sie, und deine Arbeit wird ehrlicher werden. Kohärenter. Mehr ‘deins’.
Erklären erzieht zur Klarheit. Bewusstsein.
Weg vom planlosen Knipsen, hin zur Klarheit über das eigene Tun. Sich über etwas bewusst sein zu können ändert die eigene Einstellung zu den Dingen. Ändert Vorgehensweisen. Das (Auf-)Schreiben und dir selbst gegenüber erklären konfrontiert dich recht unbarmherzig mit dem, von dem du dachtest, es sei ‘Fotografie’, und dem, was es tatsächlich (für dich) ist. Das sind zwei deutlich voneinander verschiedene Sachen.
Mach es für dich. Für dich allein. Sei dir selbst gegenüber ehrlich, wenn du dir deine Bilder erklärst. Oder den stolpernden Versuch dazu unternimmst – frag nicht 😉 Es ist kein Stück peinlich, wenn es zwischen dir und deinem journal bleibt 😉
Der Akt des Artikulierens ist entscheidend.
Vage Gefühle (auch gegenüber einer Fotografie) zu haben bleiben vage Gefühle, bis du sie in Worte fasst. Hast du sie schriftlich vor dir, werden sie zu Taten. Setze es um. So mit in echt machen. Das ist, wie drüber schreiben, nur noch krasser.
Lerne zu verstehen, was für dich funktioniert. Dann Mach. Mehr. Trau dich. Es ist sowieso ein lebenslanger Lernprozess, auf den du dich da eingelassen hast. *Das* zu kapieren – ein ganz wesentlicher Entwicklungsschritt. Die Hein Tech werden den nie gehen, da fehlt es bereits am Intellekt, so, wie die das immer wieder nur zu gerne versuchen, ins Lächerliche zu ziehen. « Ich kann ja angeblich nicht sehen » – das war neulich die erste ehrliche Aussage von so einem Kasper. Gucken kann der, Sehen aber kein Stück. Zeigen nahezu alle dessen Machwerke. Bilder für das Vergessen. Und die paar anderen – reine Zufallsprodukte.
Nee, die Spacken werden nie dieses gewisse Etwas an ‘Tiefe’ in ihre Belanglosgkeiten bringen. Nur (!) das Reflektieren über das, was du machst, bringt dich wirklich auch weiter. Das ist eine Sache, die mir gefällt, héhé 😉 .
Die Bilder, die du erklären kannst, bei denen du genau weisst und erinnerst, wann wie wo warum wieso weshalb du gestoppt und sie gemacht hast, das sind die wirklichen Perlen. Die Wichtigen. Die guten Bilder.

Denk drüber nach. Das ist kein Wisch-Wisch-Plunder, der in heutigen Zeiten so en vogue ist. Es ist dein ganz persönlicher feedback loop. Erkläre dir die Dinge. Die Praxis und Umsetzung kommen von alleine, wenn du es ernstmeinst, damit. Es ist das, was dich zu einem (besseren) Fotografen werden lässt.
In diesem Sinne : Wenn das mal kein guter Vorsatz ist 😉 Frohsnois.
Er hörte nicht hin, sein Verstand war betäubt von dem Zwiespalt, in dem er steckte. Er ging weiter, ohne die Welt ringsherum wahrzunehmen, niedergeschlagen, allein. Nichts rührte sich. Alles war nur gleissendes Licht.