
Irgendwie ist es in letzter Zeit auffällig, dass Forengalerien nicht nur sowieso schon zweifelhaft sind, sondern ein Müllabladeplatz. Insbesondere die Abteilungen für portrait failures und – ganz schlimm – dieses ‘street’. Echt, die verkommen. Und zwar so richtig. Was da reingeladen wird, das hätte in der Mehrzahl eine Totgeburt bleiben sollen. Müssen. Lustigerweise vieles von denen, die ganz doll meinen und drauf pochen, sie hätten das mit ‘Fotografie’ irgendwie raus. Wenn das wenigstens noch als ‘Bildchen’ bezeichnet werden könnte …
Das, was da ‘präsentiert’ wird, das sind nicht einmal mehr « record-shots » – die Bildchen, die höchstens zeigen, dass man irgendwo gewesen ist. Bei ‘richtiger’ Fotografie ist das das, was beim scouting so entsteht, diese Gedächtnisstützen, « So sieht es da aus ». Punkt. Kein bisschen was von erhöhtem Interesse. Visual clutter. Bleibt bei einem selbst. Verborgen. Versteckt. Weggeschlossen. Ganz hinten auf der Platte. Eigentlich. Zumindest wurde diese Latte eher selten gerissen. Momentan poltert das nur noch. Widerlich.
Wenn etwas der Öffentlichkeit gezeigt werden soll, dann sind es sind die billigen Sachen, die man auf dem Kasten haben muss. Nicht ’sollte’, MUSS. Ein Motiv, zum Beispiel. Was soll Hauptpunkt des Bildes sein ? Und dann :
- Drittel, die ollen Klassiker. Achte auf die Balance. Balance ist wichtig.
- ‘Starke’ Linien. Einfach und effektiv.
- Diagonale. Drama. Dynamik. Ebenfalls einfach und billig. Komplexer anzuordnen die sog. ‘goldene’ Diagonale.
- Symmetrie. Triggert unser natürliches Bedürfnis nach Form und Balance.
- Muster. Richtig cool, wenn der Blickfang das Muster unterbricht. Eine Birne in lauter Äpfeln.
- Rahmen im Rahmen (subframing). Einfach. Fokussiert die Aufmerksamkeit. Wenn es kein cliché ist 😉
- Fluchtpunktperspektive. Tiefe und Blickführung, vor allem ’nach hinten’.
- TIEFE Schatten. Selbstläufer. Die berüchtigten Figure als Silhouette vor hell. Total billig.
- Tiefer Aufnahmestandpunkt. Macht gross und mächtig, erhaben. Froschperspektive.
- Hoher Aufnahmestandpunkt. Vogelperspektive. Geh auf eine Leiter.
- Zwei Interessenpunkte (points of interest). Gerne ein grosser und ein kleiner. Grössenverhältnisse.
- Drei points of Interest. Schmeichelt dem Auge. ’The Power of Three’. Linie oder Dreieck.
- multiple points of interest. Übertreib es nicht. Balance der Objekte über das ganze Sucherfeld verteilt ist dringend (!) angeraten.
- negative space (Achte auf Balance – ist in den meisten Fällen angebracht)
- Den Rahmen füllen (fill the frame). Eigentlich auch ein Selbstläufer. Geh. Näher. Ran. Alles Überflüssige raus aus dem Sucherviereck. Gerne von Anfang an, nicht erst im ‘crop’.
- Layers. Ebenen. Hinter-, Mittel-, Vordergrund. Bau von hinten nach vorne auf, dann bist du die Last mit dem Hintergrund gleich los. Unterhalb 50mm Brennweite gewinnen Ebenen richtig an Bedeutung, soll es mehr als nur ‘platt’ aussehen.
- Mitten rein (centre focus). Balance. Symmetrie. Ganz doll auf die Ränder aufpassen, dass da nichts nervend rein- oder rausragt.
- Dreiecksaufbau im Innern des Rahmens. Und lass innerhalb des Dreiecks etwas auftauchen, etwas ’sein‘.
- S-Kurve (arabesque) – gehört mit zu den Linien.
Keine Scheu, die miteinander zu kombinieren, wenn es sich ergibt. Und üben, üben, üben. Sonst wird das nie was. Training statt Gelaber. Training, statt die Zeit sinnlos in diesem Internet mit Technik-Gefickel-Filmchen zu verplempern. Mach Bilder, Bilder, Bilder. Eine Fotografie ist dann so richtig gut, wenn weder was weggenommen noch etwas hinzugefügt werden kann, ohne den Gesamteindruck in seinem Wesen(tlichen) zu verändern. Kau drauf rum.
Und wenn du von irgendetwas abweichen willst, dann hab einen triftigen Grund dafür. ‘Regeln’ zu brechen um des Brechens Willen führt meistens zu Bildern zum Erbrechen. Wie diese dämliche ‘Freistellung’ 🤮.
Rules are for the obedience of fools
and for the guidance of wise men.
– Oscar WILDE
Ach ja, noch was : Zermatschende Portraits – ich weiss nicht, was mir ein Model antun muss, bevor ich Kinn oder Augen zermatsche mit nah ran und Blende komplett offen. Und nein, Ofenrohr entspricht auch nicht dem natürlichen Seheindruck, nur weil das irgendwo mal aufgeschnappt wurde, dass Auge sich immer nur auf einen eng begrenzten Raum scharfstellen kann. Das beweist nur Ahnungslosigkeit hinsichtlich des Sehprozesses als solchem. Man könnte auch sagen : Dummheit. Oder warum schreit gleicher Schreiberling bei Landschaft nach Schärfe bis ins letztes Eck ? By the way : In der menschlichen Wahrnehmung entsteht so gut wie nie der Eindruck von Unschärfe. Dafür tasten wir eine Szenerie zu schnell ab.
Bonus 🙂
Die dicksten Klopper bei präsentierten Bildern, die sofort ‘Dilettant !’ schreien. Die Franzosen umschreiben das so hübsch mit « vulgaire amateur »
Oder : Wenn Hein Tech mal so richtig ‘entwickelt’ 😂
- zu viel ‘Klarheit’. Meistens auch gleich deutlich zu viel. Wenn Schärfe, Schärfe über alles nach hinten losgeht und ein Schuss ins Knie wird.
- Übersättigung. Roll nicht mit den Augen, wird allzuoft gesehen und sieht einfach ‘bunt’ aus. Quietscht in den Augen.
- Zu viele Mitteltöne. Kein ‘reines’ Weiss, keine richtig finsteren Schatten mehr. Diese Pest mit dynamic range.
- Über’styled’. Presets bis einer heult und die passen schlicht nicht zum Bild. Gerade die käuflichen sind meistens auch auf anderer ‘Grundlage’ erstellt, ganz flaches Bild zum Beispiel ist ein Klassiker, damit die Ausgangsbasis halbwegs ordentlich ist für den Zauber. Und machst Du mit Absicht flaue Bilder von Anfang an ? Siehste.
- kein ordentliches reframing in der Nachbearbeitung. Wenn ausrichten und so perspektivische Zaubereien, dann hat das meistens und mindestens einen kleinen Bedarf an crop im Schlepp, damit das Innenleben geordnet bleibt.
Bei Fotografie geht es ganz ganz viel ums Licht. Eine sauber ausgetüftelte light ratio (Verhältnis hell zu dunkel) macht das Bild von ganz alleine dynamisch. Lass highlights und Schatten doch einfach in Ruhe arbeiten. Es ist zu oft reine Dummheit, da gross dran rumwerkeln zu wollen, nur, weil der blöde Sensor so ein Killermonster an Dynamikbereich ist. Völlig behämmert. Weil jegliches Wissen über das ’Wahrnehmen’ fehlt.
Licht als hellster Punkt im Bild zieht den Blick auf magische Art und Weise. Betrachter sind da wie Motten. Wir können Licht nur deshalb sehen, weil es gleichzeitig Schatten gibt. Licht gibt eine Hierarchie im Bild. Schatten Mystik.
HDR planscht prustend nach Luft japsend im gleichen Teich und ist oft aus genau diesen Gründen auch eine Moritat. Einfach nur FAIL. Wenn alle Tonwerte im Bild anfangen, sich aneinander anzugleichen, dann wird es eine Kakophonie. Geschwätziges Geplapper allüberall und ein verständiger Betrachter fragt sich vollkommen zu Recht, was diese Zumutung eigentlich soll, wo oder was denn ein Hauptmotiv sein mag. 🥴 Brauchst nur einen Blick in die Gerümpelkisten namens ‘Galerien’ werfen und da in der Schublade mit den ‘Nacht’bildern gucken.
Ich hab meinen grosszügigen Tag – Was für ‘street’ 🙄 eigentlich nötig ist:
- Kamera in- und auswendig beherrschen.
- kompositorische Intuition (lerne die Dinger endlich auch in der Praxis, auf dass die irgendwann tatsächlich mal ‘sitzen’)
- physische Fitness – den ganzen Tag auf den Füssen sein können, zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein können, da musst du denn und wenn auch mal einen Sprint hinlegen können, ohne davon gleich auf die Bretter gehauen zu werden
- unauffällig sein zu können, ‘sich unsichtbar machen zu können’ – die berühmte ‘Fliege an der Wand’
- Menschenkenntnis – ohne Kenntnis menschlichen Verhaltens geht das schief. Beobachten, beobachten, beobachten
- Vorahnung haben – mit Menschenkenntnis weisst bzw. ahnst du deren nächste Bewegungen, bevor die gemacht werden. Instinktiv ahnen, dass gleich bzw. überhaupt etwas passieren wird, wo es passieren wird und wie du das ohne Gefummel in den Kasten bekommst. Bei Sport unabdingbar.
- Mindfulness. Sei im Augenblick. Mit allen Sinnen. Konzentriert, wachsam, aufmerksam, aufnahmebereit, aufnahmefähig. Und knipse mit einer Absicht dahinter, für ein Thema, ein Projekt, mit einem Ziel. Dieses sinnbefreite drauflos-Geballer, das lass bleiben.
Wenn Du Menschen von hinten fotografierst, dann sollte das einen Grund haben. Gerade in heutigen Zeiten. Nutz die z.B. als ‘Führung’ auf irgendetwas Interessantes hinter ihnen. Nur Ärsche sind kein glaubwürdiges Motiv. Nicht auf der Strasse.
In ihrer Kehle war eine Hand, die sich zur Faust ballte. Der Morgen umher fiel in sich zusammen, das Sonnenlicht lag auf dem Boden, als könnte es nirgendwo anders liegen.